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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Werner Eberlein: Geboren am 9. November. Erinnerungen06.11.2000

Werner Eberlein: Geboren am 9. November. Erinnerungen

Verlag Das Neue Berlin, Berlin. 2000

<strong>Die Biographie von Werner Eberlein, zwei Neuerscheinungen, die Rettungsaktionen von Juden dokumentieren, die eine in Bulgarien, die andere in Belgien; sowie Jacques Derridas "Politik der Freundschaft", das sind die Themen unserer heutigen Revue politischer Literatur. </strong> <strong>Als Werner Eberlein im Frühjahr 1948 nach Deutschland zurückkehrte, wollte er "in den Fußstapfen des Vaters Parteiarbeit machen." Der Vater - Hugo Eberlein, ein Gefährte Lenins und ein Mitbegründer der Kommunistischen Internationale, war 1937, da waren die Eberleins im Moskauer Exil, von Stalins Geheimdienst verhaftet worden und niemals wieder aufgetaucht. Augenzeugen verbürgen, dass er erschossen wurde, aktenkundig ist lediglich seine Rehabilitation - zwanzig Jahre später, nach dem XX Parteikongress der KPdSU. Werner Eberlein, er war damals erst 17, wurde zwar aus dem Hotel Lux ausquartiert, aber er schaffte es zu überleben, die letzten acht Jahre in einem Sägewerk in der Taiga unter 9000 verbannten Kulaken. 1951 ist Eberlein wieder in der Sowjetunion, die SED hatte ihn an die Moskauer Parteihochschule delegiert.</strong>

Manfred Jäger

Werner Eberlein: Im Grunde genommen erinnere ich mich gern an die Genossen, mit denen ich zusammen war - auch mit der sowjetischen Gruppe, das sind angenehme Menschen gewesen. Ich hatte gute menschliche Kontakte, wir haben gemeinsam gelernt, gemeinsam studiert, gemeinsam die Prüfungen abgelegt. Aber in diese Zeit fällt nun auch der Tod Stalins - und diese Begebenheit kann ich ja nun nicht als angenehm einreihen. Das war für mich ein Ereignis, das auch heute noch schwer einzuordnen ist - da habe ich meine Schwierigkeiten. Die Schule wurde geschlossen, alle rannten oder liefen dahin, um sich einzureihen in die Schlange, die dann vorbeidefilierte am Sarg von Stalin - und die Schlange war endlos. Wir sind Kilometer gelaufen, bis ich merkte, dass es gar keinen Sinn hatte, weiterzugehen - du kommst niemals da ran. Welcher Teufel mich geritten hat, mich nun unbedingt in die Schlange reinzuboxen - na ja, ich habe das gemacht. Die Menschenschlange war an der Häuserwand, auf der anderen Seite standen Lkw und O-Busse, dicht an dicht, so dass (die Menschen) eingekesselt waren - und die Menschen haben sich totgequetscht. Das ist nicht nur so eine Formulierung, "totgequetscht", sondern ich habe gesehen, wie Leichen rausgezogen wurden. Was hat sie bewogen? Was hat mich bewogen, da reinzugehen, mein Leben zu riskieren, um diese Leiche eines Massenmörders zu sehen? So habe ich noch nicht gedacht, aber ich war damit konfrontiert, er war ja mitverantwortlich am Tod meines Vaters und meiner Onkel. Also zumindest hatte ich eine direkte Beziehung dazu, dass er mit am Mord beteiligt ist und mit verantwortlich ist. Als Massenmörder von Millionen habe ich ihn damals nicht gesehen, ich habe ihn nicht als Massenmörder betrachtet - aber trotzdem bleibt für mich die Frage sehr schwer zu beantworten: welche Motive haben mich denn überhaupt dahin getrieben? War es nur eine Sensation - den Mann, der immer verschlossen war, den man nie aus der Nähe sehen konnte, nun doch mal zu sehen? Hat Millionen Menschen nur dieses Sensationsgelüst getrieben - oder gab es noch anderes? Als ich dann am dritten Tag da vorbeikam, mit großen Schwierigkeiten, gab es ja auch Leute, die da geheult haben. Und das waren bestimmt echte Tränen. Dass die Leute nun mit einem Mal glaubten: das ist das Ende - wie soll es weitergehen - das war ja sozusagen das große Begleitmotiv: was kommt danach? (...) Wie soll das Leben überhaupt weitergehen, kann es ein Leben ohne Stalin geben - bis zu solchem Extrem war ja die Politik vorher orientiert, der Kult war ja so hoch geschaukelt, so hoch geschürt worden, dass ja alles im Grunde genommen auf diese Person zugeschnitten war. Und mit dem Ende der Person schien auch ein Ende eines Lebens gekommen zu sein für verschiedene Menschen. Und die Frage war ja aber auch für uns, die wir in gewisser Hinsicht betroffen waren: Was kommt danach?

Werner Eberlein sagte das 1993 in einem Feature des Deutschlandfunks, jetzt hat der inzwischen 81-Jährige im Verlag "Das neue Berlin" seine Memoiren vorgelegt, Manfred Jäger hat sie gelesen.

Werner Eberlein fiel auf. Manche Fernsehzuschauer werden sich noch an die merkwürdige Szenerie der Staatsbesuche des impulsiven Nikita Chrustschow in der DDR erinnern. Die Jüngeren kennen die Symbiose zwischen dem mächtigsten Mann des Ostblocks und seinem so diensteifrigen wie selbstbewußten Übersetzer aus dem oft gesendeten Archivmaterial - falls sie sich für historische Dokumentationen interessieren. Wie das dänische Komikerpaar Pat und Patachon traten die beiden auf, der kleine, dickliche, aber mächtige Staatsgast und sein "Sprachrohr", der schmächtige, hochaufgeschossene Hüne Eberlein. Der "Zwei-Meter-Mann" musste dem unberechenbaren Redner ins Wort fallen, wenn er überhaupt zu Worte kommen wollte. Er musste es, und er durfte es. Nikita Sergejewitsch kannte weder Punkt noch Komma und auch keine Absätze oder Sprechpausen. Er schwieg, wenn Eberlein ihn unterbrach, und er war wohl selber fasziniert von der Meisterschaft, mit der der Deutsche seinen Tonfall imitierte. Wenn Chrustschow flüsterte, säuselte Eberlein, wenn er brüllte, übertraf sein Dolmetsch ihn womöglich noch an Lautstärke. Eberlein wäre nämlich am liebsten Schauspieler geworden, und ein paar Jahre hat ihm das Schicksal es vergönnt, seiner Neigung auf diese ungewöhnliche Weise zu frönen. Russisch konnte er so gut wie seine Muttersprache, denn die Familie war 1934 vor den Nazis in die Sowjetunion geflohen. Werners Vater, ein führender Funktionär der KPD, Hugo Eberlein, wurde ein Opfer der stalinistischen Verfolgung, also wie viele andere willkürlich "auf Nimmerwiedersehen" verhaftet. Sohn Werner musste die berühmte Moskauer "Karl-Liebknecht-Schule" verlassen, auf der viele deutsche Emigrantenkinder erzogen wurden, von Wolfgang Leonhard über Jan Vogeler bis zu Markus Wolf .In der sibirischen Verbannung wurde der Sohn eines Volksfeinds in unterschiedlichen Berufen, als Transportarbeiter oder als Gießer eingesetzt. Der anpassungsfähige Werner Eberlein beklagt sich darüber nicht, aber die schönste Beschäftigung bot ihm wohl doch eine Amateur-Theatergruppe. Die allgegenwärtigen Sicherheitsorgane sahen das ungern. Der zuständige NKWD-Kommandant verbot die Bühnenauftritte mit der Begründung, mitten im Krieg gegen die Deutschen dürfe ein Deutscher keinen Beifall bekommen. Als Kompromiß gab es eine Ausnahmegenehmigung: der Verdächtigte durfte nur negative Figuren spielen. Eberlein besaß in der Sowjetunion übrigens nur ein Dokument für Staatenlose, das keinerlei Rechte gab und deswegen im Volksmund "Wolfsbillett" hieß. Erst mit dem Umzug nach Ostberlin im Jahre 1948 wurde er deutscher Staatsbürger. Der damals einflußreiche Funktionär Hans Rodenberg lehnte es jedoch ab, ihn ins Ensemble des "Theaters der Freundschaft" aufzunehmen. Die Partei hielt andere, wichtigere Aufgaben für den jungen Mann bereit, der bewiesen hatte, dass ihn auch schlimme Erfahrungen nicht aus der durch Herkunft und Umwelt bestimmten ideologischen Bahn werfen konnten. Lapidar fasst Eberlein im Vorwort seiner Memoiren die Bilanz der frühen Jahre zusammen:

"Mit vierzehn Jahren floh ich in die Emigration, ging in die Fremde, lebte in der Sowjetunion. Mit siebzehn Jahren wurde ich von der Schulbank weg zu schwerer körperlicher Arbeit gezwungen, mit zwanzig in das sibirische Narym verbannt. Zur gleichen Zeit wurden mein Vater und zwei Onkel irgendwo bei Moskau erschossen und verscharrt. Mit achtundzwanzig kehrte ich nach Berlin zurück, sah meine Mutter wieder und Bruder und Stiefvater. Die Frage kommt auf: Waren es vierzehn verlorene Jahre? Nein."

Der lange Lebensbericht soll erklären, warum Eberlein - trotz allem - stets ein treuer Kommunist geblieben ist. Auch für ihn heißt das Schlüsselwort "Parteidisziplin", aber er dreht es nur immer hin und her, ohne damit Türen öffnen zu können. Einmal übersetzt er es mit Zusammengehörigkeitsgefühl, ein anderes Mal begründet er damit seine Feigheit in konkreten Situationen. Er habe seit seiner frühen Jugend gelernt, sich einzuordnen, und er glaubt zugleich, dass er guten Gewissens die Beschlüsse der SED mit Leben habe erfüllen können. Er schreibt nicht besserwisserisch oder polemisch, aber noch immer befangen, solidarisch mit vielen Genossen und Gefährten seiner Generation, deren Überzeugungen und Irrtümer er teilt. So sehr er sich um Erkenntnis bemüht, so wenig kann der jetzt 81jährige sich auf seine alten Tage von dem Milieu losreissen, das ihm Heimat gibt. Er sucht vermeintlich einen dritten Weg zwischen Nostalgie und Verdammung, aber es läuft doch alles auf Rechtfertigung hinaus. Die Vereinigung von KPD und SPD zur SED beschreibt er als basisdemokratischen Fortschritt, freilich habe es Überspitzungen im Kampf mit den sozialdemokratischen Gegnern der sogenannten Arbeitereinheit gegeben. Wenn er Beispiele über die desolaten Zustände in der volkseigenen Industrie erzählt, bricht er plötzlich ab, weil die Leser sonst meinen könnten, die Wirtschaft der DDR sei marode gewesen. Über weite Strecken ist Eberleins Buch wegen der bürokratisch sterilen Schreibart und wegen der langatmigen zeitgeschichtlichen Einschübe schwer lesbar. Der Verfasser fügt solchen Passagen die entwaffnende Erklärung hinzu:

"Das alles ist hinlänglich bekannt. Ich wiederhole es nur der Vollständigkeit halber."

Es bleibt zweifelhaft, ob es dem Buch viel genützt hätte, wenn ein kundiger Lektor schülerhafte Übergänge wie "Wir erreichen die nächste Passage meiner Biographie" gestrichen hätte. Denn sein eigener Anspruch klingt - im Vorwort jedenfalls - bescheiden:

"Ich war keineswegs der Ansicht, ich hätte Ungewöhnliches mitzuteilen, das der Nachwelt hinterlassen werden müßte."

Das wirklich Ungewöhnliche, das nur Eberlein authentisch überliefern kann, erzählt er eher nebenbei, seine unglaublichen Erlebnisse als Dolmetscher und als Delegationssekretär, der vor allem Chrustschow und Breslinew aus nächster Nähe erlebte. Nikita Sergejewitsch sei die außerordentlichste und schillerndste historische Gestalt gewesen, der er begegnet sei. Mit erstaunlichem Sinn für das prägnante anekdotische Detail berichtet Eberlein, wie Chrustschow in einer Magdeburger Toilette einen Wasserhahn aus Kunststoff heimlich abschrauben wollte, um mit der Trophäe die Ökonomen zu Hause zur Einsparung von Buntmetall zu animieren. Aus dem Gardinenkunststoff "Igelit" wollte er sich lange Hosen nähen lassen, um bei der Entenjagd vor Nässe guschützt zu sein. In einem Hallenser Hotel ließ der erste Mann der Sowjetunion Eberlein mitten in der Nacht zu sich holen, weil er alle Mitschnitte seiner Rede vernichtet sehen wollte. Er hatte auf Tito gemünzt das russische Sprichwort zitiert "Den Buckligen kann nur das Grab gerade machen". Später war ihm wohl eingefallen, dass die sowjetische Außenpolitik sich gerade bemühte, das Verhältnis zu Jugoslawien zu normalisieren. Eberleins Sympathie für den spontanen Chrustschow zeigt eine uneingestandene Bewunderung für den Regelverletzer. Er selber hielt sich ans Gewohnte. Als er 1986 Mitglied des Politbüros geworden war, blieb er dort stumm. Selbstkritisch äußert er gegen Ende seines Lebensberichts:

"Was wäre mir passiert, wenn ich nicht geschwiegen hätte? Natürlich gar nichts. Allenfalls hätte man mich aus dem Politbüro exmittiert. Das hätte ich überlebt. Es hätte mich aber auch mit der Frage konfrontiert, wie solche Opposition mit meinem bisherigen Leben in Übereinstimmung zu bringen wäre."

Manfred Jäger über Werner Eberlein, "Geboren am 9. November. Erinnerungen." Der Band ist im Verlag Das neue Berlin erschienen, umfaßt 480 Seiten und kostet 39,90 DM.

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