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StartseiteBüchermarktEin Jahrtausend erotischer Literatur in Europa03.06.2015

Werner FuldEin Jahrtausend erotischer Literatur in Europa

Von Decamerone aus dem 14. Jahrhundert bis zu Fifty Shades of Grey: Der Literaturkritiker Werner Fuld erzählt in seinem Buch "Geschichte des sinnlichen Schreibens" von erotischer Literatur quer durch die europäische Literaturgeschichte. Ein gut informiertes und inspirierendes Werk.

Von Thomas Palzer

Die Geschichte der freizügigen Literatur ist zu großen Teilen und entgegen verbreiteter Ansichten eine Geschichte der Selbstbestimmung. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts galt, dass Bücher, deren Gegenstand mehr oder weniger explizit erotischer Natur war, der sexuellen Aufklärung dienten und zu klugem weiblichem Verhalten in verfänglichen Situationen anleiten wollten. In den meisten Fällen waren sie deshalb von Frauen für Frauen geschrieben. Erst nach der Französischen Revolution errangen bürgerliche Moral und christliche Frömmelei sogar in Frankreich die Oberhand, wo Pornografie eine die Stände übergreifende Selbstverständlichkeit war. Es war der Leipziger Gelehrte Johann Christoph Gottsched, der zeitlebens gegen die seiner Ansicht nach unordentlichen Schriften vorging - mit Erfolg. Bald darauf verschwanden die freizügigen Romane aus den Bibliotheken Europas - und ihre Verfasserinnen aus dem kulturellen Gedächtnis. Erotische Literatur wurde zur Männerdomäne und büßte die ihr eigene emanzipatorische Kraft ein.

"Es war meine Absicht, verschüttete Zusammenhänge wieder ans Licht zu bringen, um die ursprünglichen emanzipatorischen Impulse sichtbar zu machen. Auch dann, wenn (die erotische Literatur) von Männern geschrieben wurde, war sie nämlich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts nicht nur für Männer gedacht. Man kann sogar sagen, dass es Zeiten gab, in denen Frauen von der Kenntnis erotischer Werke weit mehr profitiert haben als das männliche Publikum. Und nicht selten haben sie diese Werke auch selbst geschrieben und hatten großen Einfluss auf die Sitten ihrer Zeit."

Wer das sagt, ist der Literaturkritiker Werner Fuld, dessen jüngste Publikation der Geschichte des sinnlichen Schreibens nachgeht. Herausgekommen ist eine umfangreiche Abhandlung über ein Jahrtausend erotischer Literatur in Europa - vom Decamerone aus dem 14. Jahrhundert bis zu Fifty Shades of Grey - einer Trilogie, von dem der Autor übrigens nicht allzu viel hält, sei es doch ...

"... der schlechteste Roman des 19. Jahrhunderts, der in unserer Zeit geschrieben wurde."

Fuld liefert kein vollständiges Kompendium, sondern eine höchst subjektive und meinungsstarke Geschichte erotischer Literatur quer durch die europäische Literaturgeschichte. Er habe, so der Autor, das Buch ...

"... nicht als Wissenschaftler, sondern als Liebhaber der schönen Künste ..."

... geschrieben. Und das ist unseres Dafürhaltens nach eine gute Voraussetzung, um kein philologisch orientiertes Lexikon der erotischen Literatur abzuliefern, sondern ein dem Thema angemessen lesbares, gut informiertes und inspirierendes Werk.

Literatur, die die Sinnlichkeit in den Mittelpunkt stellt, produziert eine Art Ethik des Fleisches. Zu dieser gehört auch die Anerkennung seiner Bedürfnisse – und damit die der Leser und Leserinnen. Ihnen Lust zu verschaffen und sie zur Lektüre mit einer Hand anzuhalten, zum Genuss einsamer Lust, ist keine der geringsten Aufgaben galanter oder pornografischer Literatur. Man denke an die Witzeleien im Anfangskapitel von Daniel Defoes Gullivers Reisen, wo viel von Mr. Bates, my master und my good master Bates die Rede ist, was eben nicht von ungefähr Anklänge an das Verb masturbates hat – an die Masturbation. Vielleicht kommt es nicht von ungefähr, dass um 1700 herum, als alles in Europa zum Aufbruch drängt, die Selbstbefriedigung die Welt der Sexualität erobert. Davor war sie nämlich weitgehend mit Schweigen bemäntelt worden.

Der Begriff "Pornografie" ist erfunden

Für das Verfassen erotischer Literatur sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht unerheblich - und nach Meinung des Autors der "Geschichte des sinnlichen Schreibens" waren diese in Deutschland lange Zeit miserabel. Im Vergleich zu den Nachbarn haben die Deutschen im Hinblick auf erotische Literatur versagt – zumindest, wenn man als Maßstab das liberale England nimmt oder das Frankreich zu Beginn der Aufklärung, wo eine frivole Salonkultur Männer und Frauen darin geübt hat, sich mit galanter Konversation Amüsement zu verschaffen.

"Das Deutsche Reich hatte sich noch längst nicht von den Folgen des Dreißigjährigen Krieges erholt; es gab im Reich keine einheitliche Hochsprache, da im Volk die regionalen Dialekte galten, der Adel Französisch sprach und las, die Professoren die Vorlesungen in Latein hielten und der Beruf des Schriftstellers noch nicht erfunden war."

Von Gottscheds Diktat hat sich nach Meinung Werner Fulds die erotische Literatur deutscher Provenienz, so es sie denn gibt, nicht erholt. Ausnahmen bilden für ihn nur die anonym verfassten "Memoiren einer Sängerin" aus dem Jahr 1861 und "Josefine Mutzenbacher", die der Bambi-Erfinder Felix Salten im Jahr 1906 veröffentlichen konnte. Bis heute steht das Buch auf dem Index.

Ende des 17. Jahrhunderts wird der Begriff des Obszönen geschaffen – in der Doktorarbeit eines Leipziger Theologen. Achtzig Jahre später verfasst der französische Romancier Restif de la Bretonne das 1769 erschienene Werk "Le pornographe", in dem es darum geht ...

"... Ideen eines Edelmannes über ein Reglement für die Prostituierten ..."

... der Öffentlichkeit kundzutun. Der Begriff "Pornografie" ist erfunden - eine Zusammensetzung aus griechisch "pornä" für Hure und "graphein" für schreiben.

"In der unterhaltsamen Form eines Briefromans regte Bretonne die Einrichtung staatlich überwachter Bordelle an, machte Vorschläge zur optimalen Einrichtung und zur Klassifizierung der Mädchen, deren Preise von sechs Sous bis zu einem Louisdor betragen sollten."

Man erfährt aus Fulds reichhaltiger und gut lesbarer Abhandlung auch eine Menge Kuriosa, etwa, dass es im 15. Jahrhundert teurer gewesen ist, eine Frau auf dem Weg von der Kirche zu vergewaltigen, als wenn sie auf dem Weg zur Kirche gewesen wäre – auf dem Heimweg ist sie ja bar jeder Sünde. Kirchenvater Augustinus hat übrigens in der Ehe eine Institution gesehen, die die Lust durch Monotonie abtötet.

Die Geschichte der Pauline Réage

Glücklicherweise verweigert sich Fuld der üblichen Trennung zwischen erotischer Literatur und Pornographie, die vermutlich auf eine ähnliche fragwürdige Haltung zurückzuführen ist wie die, die zwischen Kultur und Zivilisation trennen zu müssen meinte – es gibt für den Literaturkritiker nur gut oder schlecht geschriebene Werke der einhändigen Kultur. Dass sich in dem Metier vor allem weibliche Stimmen schriftlich und mündlich geäußert haben, ist für Fuld wie uns eine Genugtuung gegenüber der Ahnungslosigkeit der US-Puritanerinnen, die gerne Verdikte aussprechen.

1954 erschien in Paris die "Geschichte der O" – jener Klassiker erotischer Literatur, dessen Vokabular und Fantasien einem Millionenheer von Inserenten dabei geholfen haben mag, Kontaktanzeigen zu formulieren, deren Fantasien sie als die eigenen ausgeben konnten.

Zum Autor des Werks "Geschichte der O" wurde eine gewisse Pauline Réage erhoben, aber niemand dachte ernsthaft, dass das Buch von einer Frau geschrieben sein könnte, denn immerhin verherrlichte es die weibliche Unterwerfung. Man vermutete folglich einen Mann, der seine phallokratischen Flagellanten-Fantasien auf dem Papier ausgelebt hatte.

"Eines Tages sagte ein verliebtes Mädchen zu dem Mann, den es liebte: "Ich könnte auch Geschichten schreiben, die Ihnen gefallen ..." "Glauben Sie", antwortete er."

Tatsächlich aber steckte hinter dem weiblichen Pseudonym Pauline Réage raffinierterweise wirklich eine Frau - nämlich Anne Desclos, die damals einen Schriftsteller namens Jean Paulhan anhimmelte, der wie sie als Lektor für Gallimard arbeitete. Erst am Ende ihres Lebens bekannte sich die Desclos in einem Interview zur Autorschaft.

Das Buch durfte zwischen 1958 und 1967 weder an Jugendliche verkauft noch in Buchhandlungen auch nur ausgestellt werden. Die Heldin der "Geschichte der O" empfindet körperliche Erniedrigung nicht als Schmach, sondern ganz im Gegenteil als Triumph ihrer Liebe. Das brachte in den Achtzigerjahren die Vertreterinnen der PorNo-Kampagne auf die Palme, die davon überzeugt waren, dass es sich bei dem Buch um eine typische Männerfantasie handeln musste.

Am 1. August 1994 enthüllte der New Yorker seinen Leserinnen und Lesern die wahre Identität der Pauline Réage.

Werner Fuld: "Eine Geschichte des sinnlichen Schreibens", Galiani Verlag, Berlin 2014, 544 Seiten, gebunden, 24,99 Euro.

 

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