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StartseiteEuropa heuteAussöhnung über die Jugend30.08.2018

WestbalkanAussöhnung über die Jugend

Dem Nachbarn ein Gesicht geben. Mit Austauschprogrammen haben Deutschland und Frankreich nach den blutigen Kriegen gute Erfahrungen gemacht. Ein Vorbild für Serbien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina, Albanien, Kosovo und die Republik Mazedonien, das Jugendwerk des Westbalkan wurde geschaffen.

Von Rayna Breuer

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Eine Jugendgruppe während einer Stadtführung in der griechischen Stadt Thessaloniki (Dlf/Rayna Breuer)
Bei dem Treffen in Thessaloniki lernen die meisten Jugendlichen das erste Mal jemanden aus einem Nachbarland kennen. (Dlf/Rayna Breuer)
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Die Reiseführerin steht vor dem ehemaligen Hotel Colombo, wo vor etwa 150 Jahren eine ganz besondere Party stattfand: Anlass war die Fertigstellung des Zugabschnitts Thessaloniki - Skopje.

14 junge Menschen hören ihr ganz aufmerksam zu. Sie stammen aus dem Kosovo, Albanien, Bosnien und Herzegowina, Serbien, Mazedonien, Montenegro und Kroatien. Sie sind zum ersten Mal hier in Thessaloniki. Die zweitgrößte Stadt des Landes ist die Metropole der nordgriechischen Region "Mazedonien". Seit langem sorgt dieser Name mit der gleichnamigen Nachbarrepublik für Streit. Für die meisten jungen Leute ist es auch das erste Mal, dass sie jemanden aus einem Nachbarland kennenlernen.

Die Zukunft gemeinsam gestalten

"Es ist wichtig, dass wir uns hier in der Region vernetzen, denn die Jugend, die sich nicht untereinander kennt, hat viele Vorurteile. Wenn man sich einmal kennenlernt, fallen diese Vorurteile schnell"

sagt Azem Kurtic aus Bosnien und Herzegowina, der an diesem von der Deutschen Welle und dem Regional Youth Cooperation Office kurz RYCO organisierten Austausch teilnimmt. RYCO soll ähnliche Dienste leisten wie vor ihm das deutsch-französische oder das deutsch-polnische Jugendwerk: Vernetzung und Kennenlernen.

RYCO wurde im Rahmen des sogenannten "Berlin-Prozesses" gegründet, der zum Ziel hat, die Westbalkan-Staaten an die EU heranzuführen. Circa 35 Projekte fördert RYCO in der Region - von sportlichen Begegnungen, über Kunstprojekte bis hin zu überregionalen Schultreffen. Nikola Ristic, der beim RYCO für die Kommunikation zuständig ist, schildert am Rande der Stadtführung in Thessaloniki:

"Wer vom Westbalkan stammt und zum Beispiel aus Serbien kommt, ist mit den Gegebenheiten in Albanien nicht wirklich vertraut. Und daher rühren unsere Stereotype. Du beginnst, die Realität nur anhand deiner eigenen, subjektiven Informationen zu interpretieren", sagt Nikola Ristic.

Nikola Ristic ist beim RYCO (Regional Youth Cooperation Office) für die Kommunikation zuständig. (Dlf/Rayna Breuer)Nikola Ristic vom RYCO in Thessaloniki. (Dlf/Rayna Breuer)

Administrative Hürden

Doch so sehr viele junge Menschen Interesse und Neugier an dem Nachbar zeigen, gibt es immer noch Stolpersteine.

"Es ist nicht nur eine Frage der finanziellen Möglichkeiten der Jugendlichen zu reisen, es gibt auch administrative Hürden. Zum Beispiel erkennt Bosnien und Herzegowina das Kosovo nicht an. Wenn Du als Kosovare nach Sarajevo reisen möchtest, brauchst Du ein Visum".

Und andersherum auch. Azem Kurtic aus Bosnien und Herzegowina war das letzte Mal vor knapp 10 Jahren im Kosovo. Damals war noch kein Visum nötig. Heute muss er nach Skopje oder Zagreb zum nächsten kosovarischen Konsulat reisen, um ein Visum beantragen zu können. Und auch die Infrastruktur auf dem Balkan ist nicht unbedingt förderlich für die Begegnungen:

"Um nach Thessaloniki zu kommen, muss ich von Sarajevo nach Belgrad mit dem Bus fahren, von dort aus nach Skopje und schließlich mit einem dritten Bus nach Thessaloniki. Das kostet mich 28 Stunden. Und fliegen ist nicht einfacher: Ich muss von Sarajevo zunächst nach Belgrad oder von Sarajevo nach Wien fliegen und dann nach Thessaloniki. Es ist alles zu kompliziert", sagt Azem Kurtic.

Der Austausch der Jugendlichen und der Ausbau der Infrastruktur stehen ganz oben auf der Prioritätenliste der jährlich stattfindenden EU-Westbalkan-Konferenz. Den warmen Worten sind jedoch noch nicht viele Taten gefolgt. Aber es gibt Hoffnung: Die historische Bahnstrecke zwischen Thessaloniki und Skopje wird seit 2014 wieder bedient.

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