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StartseiteSport am WochenendeSerie A: Steuerparadies für Fußball-Millionäre23.06.2019

Wettbewerbsvorteil in ItalienSerie A: Steuerparadies für Fußball-Millionäre

Das italienische Parlament plant extreme Steuererleichterungen für Ausländer und zurückkehrende Italiener. Damit sollen Fachkräfte ins Land gelockt werden. Es profitieren aber vor allem Fußballstars und -trainer - und damit auch die Serie A.

Von Tom Mustroph

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Cristiano Ronaldo im Trikot von Juventus Turin (imago sportfotodienst / Massimiliano Ferraro)
Cristiano Ronaldo profitierte ebenfalls von italienischen Steuergeschenken: Der Spieler von Juventus Turin musste nur 100.000 Euro Steuen zahlen - auf alle seine Einkünfte (imago sportfotodienst / Massimiliano Ferraro)
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Am 29. Juni, exakt zwei Tage vor Beginn des Sommertransfermarktes, will das italienische Parlament Steuervorteile für Ausländer sowie ins Land zurückkehrende Italiener verabschieden. Carlo Rombolá, Rechtsanwalt und Steuerexperte in Rom, über die geplanten Steuererleichterungen:

"Es soll Steuererleichterungen geben für 70 Prozent des Einkommens für italienische und ausländische Arbeitnehmer, darunter auch Sportler, die zuletzt mindestens zwei Jahre im Ausland waren und jetzt nach Italien kommen."

70 Prozent des Einkommens werden gar nicht versteuert – ein Traum für Großverdiener. In der Zwischenzeit hat die Regierung nachjustiert und es sollen nur noch 50 Prozent des Einkommens in Italien von der Steuer ausgenommen werden. Aber dennoch behält die neue Steuergesetzgebung ihren Reiz für ausländischen Spitzenverdiener:

"Das Gesetz wird von Journalisten hier bereits Lex Conte genannt. Nicht wegen des Namens des Premierministers, sondern wegen des Fußballtrainers Antonio Conte, der von dieser neuen Regelung profitiert."

Antonio Conte, Fußball- Nationaltrainer Italien (12.12.2015) (afp / Lionel Bonaventure)Antonio Conte ist Trainer bei Inter Mailand. Bleibt er mindestens zwei Jahre in Italien, profitiert er von bestimmten Steuervorteilen (afp / Lionel Bonaventure)

Conte, zuletzt drei Jahre in England, ist seit kurzem neuer Trainer bei Inter Mailand. Sein Gehalt soll zwölf Millionen Euro betragen. Nach altem Steuerrecht hätte er diese zwölf Millionen komplett versteuern müssen zum Höchststeuersatz von 43 Prozent. Das wären mehr als fünf Millionen Euro. Jetzt ist es nur noch die Hälfte.

Profiteur ist vor allem der Arbeitgeber Inter Mailand. Der muss weniger Geld ausgeben, um Spitzenspieler oder -trainer zu bekommen, denn für die zählt in den Verhandlungen, was sie am Ende herausbekommen. Bedingung ist allerdings, dass die Person dann auch mindestens zwei Jahre in Italien bleibt.

Der italienische Staat hält noch ein weiteres Steuergeschenk parat. Experte Carlo Rombolá: "Es handelt sich dabei um ein alternatives Steuersystem, bei dem bestimmte Personen die Möglichkeit haben, eine feste Steuer von 100.000 Euro für maximal 15 Jahre auf alle Einnahmen im Ausland zu zahlen."

Das gilt für Personen, die neun der letzten zehn Jahre im Ausland waren, jetzt aber nach Italien kommen.

Ronaldo zahlte nur 100.000 Euro

Das Gesetz, seit zwei Jahren schon in Kraft, heißt im Volksmund Lex Ronaldo. Denn Cristiano Ronaldo kann auf diese Art und Weise alle seine Einkünfte aus seinen eigenen Firmen, aus den Werbeverträgen und aus den Immobilien im Ausland für vergleichsweise läppische 100.000 Euro abgelten. Allein sein Werbevertrag mit Nike soll 24 Millionen Euro schwer sein.

Mit 100.000 Euro aus dem Steuerschneider zu sein, war wohl einer der Gründe, warum der Portugiese im vergangenen Jahr bei Juventus anheuerte. Aber ist das gerecht, dass ein Land Steuererleichterungen für Einkünfte in einem anderen gewährt – und dieses Land dann komplett leer ausgeht?

"Den Konflikt sehe ich auch. Aber die italienischen Gesetze folgen lediglich einem Weg, den andere Nationen schon beschritten haben. Mir kommt da die Lex Beckham in Spanien den Sinn", meint Steuerexperte Carlo Rombolá.

Steuervorteile gewähren ist tatsächlich gerade en vogue, gerade in Europa. 2003 folgte David Beckham, damals der global am besten vermarktete Fußballprofi, dem Lockruf der spanischen Steuererleichterungen. Das nach ihm benannte Gesetz sah einen Steuersatz von nur 24 Prozent für Höchstverdiener vor. Für Einnahmen aus dem Ausland gab es die sensationelle flat tax von 0 Euro Steuern auf alle Einkünfte.

Die Lex Beckham ist mittlerweile modifiziert. Mit einer Ausnahmeregelung konnte Cristiano Ronaldo aber noch bis 2015 davon profitieren. Als dann der spanische Fiskus mehr von ihm wollte, erschien ihm Real Madrid nicht mehr als die ganz tolle Adresse.

Ärzte und Wissenschaftler sollen kommen

Gemacht wurden solche Gesetze allerdings nicht ausdrücklich für Fußballmillionäre, auch nicht die in Italien. Cristiano Novazio, Anwalt und Sportrechtsexperte aus Mailand: "Grundsätzlich dienen diese beiden Gesetze dazu, Anreize für die Rückkehr von Kapital und Personen zu machen. Das letzte diente vor allem, um Fachkräfte anzuziehen."

Fachkräfte wie Ärzte oder Wissenschaftler. Es profitieren aber vor allem die Fußballstars. Und die Frage ist: Werden die Steuererleichterungen den Transfermarkt beeinflussen? Carlo Rombolá: "Ganz klar, wenn das Gesetz verabschiedet wird, dann erwarte ich einen noch größeren Transfermarkt als in der letzten Saison."

Und gewinnt die Serie A dadurch an Qualität? "Ganz sicher wird dies ein Vorteil sein. Man muss aber aufpassen, dass man die Zweijahresfrist auch einhält, sonst verliert man alle Einsparungen."

Spaniens Fußball profitierte bereits

Conte dürfte also mindestens zwei Jahre bei Inter vollmachen. Ob als Cheftrainer oder nur als freigestellter Coach, hängt allerdings von den Erfolgen ab. Cristiano Novazio sieht noch andere Effekte der Lex Conte für die Klubs der Serie A: "Die italienischen Klubs könnten versucht sein, junge Spieler für zwei Jahre ins Ausland zu verleihen, sie danach nach Italien zurückzuholen und von den Steuervorteilen zu profitieren."

Ein neuer Submarkt also. Und ein Versuch, der Serie A einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. In Spanien funktionierte das bereits. 2006, zweieinhalb Jahre nach Einführung der Lex Beckham, begann die spanische Dominanz im europäischen Fußball. Acht Mal gewannen seitdem spanische Klubs die Champions League. In der Europa League gab es seit 2004 sogar neune spanische Titelträger.

Die Steuergesetzgebung könnte ihren Beitrag dazu mitgeleistet haben. UEFA und EU sind gefragt, um diese Wettbewerbsverzerrung zu beenden.  

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