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StartseiteForschung aktuellWettlauf mit der Zeit26.05.2005

Wettlauf mit der Zeit

Virusforscher warnen vor einer weltweiten Grippe-Epidemie

Medizin. – Die Grippewellen sind zusammen mit dem Winter verschwunden. Dennoch warnen Epidemiologen immer wieder vor weltweiten Virusgrippe-Epidemien. Die aktuelle "Nature" druckt Warnungen vor einer Kombination von Vogel- und Menschengrippeviren ab.

Von Martin Winkelheide

Aus der Vogelgrippe in Südostasien könnte eine weltumspannende Epidemie zu werden, die auch den Menschen erfaßt.  (AP)
Aus der Vogelgrippe in Südostasien könnte eine weltumspannende Epidemie zu werden, die auch den Menschen erfaßt. (AP)

Ein Wettlauf gegen die Zeit hat begonnen, warnt der niederländische Virus-Forscher Albert Osterhaus von der Universität Rotterdam.

"It is one of the many wake-up calls we have had in the last couple of years."

Es ist nicht das erste Mal, dass Wissenschaftler vor einer möglichen weltweiten Grippe-Epidemie warnen. Forscher wie Albert Osterhaus sind beunruhigt, weil das Vogelgrippe-Virus inzwischen weit verbreitet ist in den Ländern Südostasiens. 1997 war das H5N1-Virus erstmals in Hongkong aufgetauchte. Damals wurden innerhalb weniger Tage Millionen Hühner getötet. Die Ausbreitung des Virus konnte so gestoppt werden – vorerst nur, wie man heute weiß. Bislang befällt das Virus vor allem Vögel. Der Erreger ist auch für Menschen gefährlich. 90 Infektionen mit H5N1 wurden bislang gemeldet. Mehr als 50 Menschen starben an den Folgen einer Vogelgrippe-Infektion, in Vietnam, Thailand und in Kambodscha. Bislang galt: das H5N1-Virus kann nur sehr schwer von Mensch zu Mensch weiter gegeben werden. Aber, und auch das beunruhigt die Forscher: das Virus zeigt kleine Veränderungen im Erbgut, die auf eine erste Anpassung an den Menschen hindeuten.

Vorstellbar ist auch, dass aus H5N1 ein neues Grippe-Virus entsteht. Dazu müsste sich ein Mensch gleichzeitig mit dem menschlichen Influenza-Virus und mit dem Vogelgrippe-Virus anstecken. Diese Viren könnten genetisches Material untereinander austauschen – entstehen würde ein Virus, das gefährlich ist wie das Vogelgrippe-Virus und so leicht übertragbar wie das Influenza-Virus. Ein solcher Erreger könnte auch in Tieren entstehen, beispielsweise in Schweinen. Ob und wann sich ein solches neues Grippe-Virus herausbildet, kann niemand vorhersagen. Die Folgen einer weltweiten Grippewelle, einer Pandemie, aber wären gravierend. Osterhaus:

"Darauf sind wir nicht vorbereitet. Kein Land der Welt ist darauf vorbereitet."

20 Prozent der Weltbevölkerung, rechnen Osterhaus und seine Kollegen vor, würden an Grippe erkranken. 30 Millionen Menschen so schwer, dass sie ins Krankenhaus eingeliefert werden müssten. Die Zahl der Todesopfer ginge wahrscheinlich in die Millionen. Und auch die wirtschaftlichen Folgen wären immens. Zum Schutz ihrer Bevölkerung würden sich Länder abschotten, Flughäfen würden geschlossen, der Handel würde zum Erliegen kommen – für Wochen, wahrscheinlich für Monate.

Nationale Notfallpläne, wie es sie etwa für Deutschland gibt, greifen nach Osterhaus Ansicht zu kurz. Er schlägt deshalb vor, sofort einen Influenza-Krisen-Stab einzurichten, dem Tierärzte, Virus-Spezialisten, Politikberater und Mediziner angehören. Die Aufgabe der Task-Force: ein Frühwarnsystem aufzubauen und einen globalen Notfallplan zu entwickeln. Osterhaus:

"Die Kosten für eine solche Task-Force sind verschwindend gering – verglichen mit dem, was heute schon Vogelgrippe-Ausbrüche bei Geflügel-Beständen in Südost-Asien kosten. Ganz zu schweigen davon, was eine weltweite Grippe-Epidemie an Folgekosten nach sich ziehen würde."

Albert Osterhaus und seine Kollegen appellieren zudem an die Industrienationen, Mittel für die Entwicklung neuartiger Grippe-Impfungen bereit zu stellen. Noch dauert die Entwicklung eines Impfstoffes sechs Monate bis etwa ein Jahr. Und die Jahresproduktion der Impfstoffhersteller beträgt gerade einmal 250 bis 300 Millionen Impfstoffdosen. Grippe-Medikamente seien ebenfalls nicht in ausreichender Menge vorhanden, kritisieren die Forscher. Außerdem müssten dringend neue Wirkstoffe entwickelt werden, die die Vermehrung des Virus im Körper blockieren. Denn einige H5N1-Viren sind bereits unempfindlich gegen die gängigen Präparate.

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