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StartseiteInterview"Wir sind mit Entwicklungshilfe-Zielen um Jahre zurückgeworfen"16.10.2020

WFP-Sprecherin zu Coronafolgen"Wir sind mit Entwicklungshilfe-Zielen um Jahre zurückgeworfen"

Konflikte, Klimawandel, Kriege – die Summe der Krisen lässt Menschen weltweit hungern. Doch die Coronakrise habe den Hunger eindeutig schlimmer gemacht, sagte Bettina Lüscher vom Welternährungsprogramm (WPF) im Dlf. Wenn die Pandemie nun wieder an Fahrt gewinne, müsse die humanitäre Hilfe weitergehen.

Bettina Lüscher im Gespräch mit Christiane Kaess

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Humanitäre Hilfe des World Food Programme im Jemen (AFP/Ahmad Al Basha)
Im Jemen ist die Hungerkrise besonders schlimm (AFP/Ahmad Al Basha)
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Weltweit sind durch die Lockdowns die Lieferketten zusammengebrochen. Besonders stark davon betroffen waren die ärmsten Länder der Welt. Die Hungersituation habe sich drastisch verschärft, sagte Bettina Lüscher, Sprecherin des World Food Programme der Vereinten Nationen (WPF), im Dlf.

Die ärmsten Menschen der Welt wüssten laut Lüscher nicht mehr, wie sie sich ernähren sollten. Das führe dazu, dass die Zahl der akut Hungernden sich dieses Jahr fast verdoppeln werde. Lüscher betonte, die Pandemie habe Entwicklungshilfe-Ziele um Jahre zurückgeworfen. Doch gleichzeitig fehle Geld für das Welternährungsprogramm. Neben Regierungen sehe sie auch die Superreichen der Welt in der Verantwortung: "Unser Chef hat gesagt, jetzt müssen mal die Milliardäre ran." Es gebe viele Firmen, die während der Corona-Zeit große Gewinne erzielt hätten. Lüscher äußerte zugleich die Hoffnung, dass die Verleihung des Friedensnobelpreises an die Organisation dem Thema mehr Aufmerksamkeit verleihe.

23. Juni 2019: Ein Sack mit Hilfsgütern des Welternährungsprogramms in Sanaa, Jemen, und ein Mann (imago / Xinhua / Mohammed Mohammed) (imago / Xinhua / Mohammed Mohammed)Wie die Corona-Pandemie den Hunger in der Welt verschärft
Während jahrzehntelang immer weniger Menschen hungern mussten, steigt ihre Zahl nun wieder. Die Corona-Pandemie und die Wirtschaftskrise sind auch Auslöser. 

Christiane Kaess:  Frau Lüscher, vor einer Woche hat das World Food Programme den Friedensnobelpreis bekommen. Wenn die Euphorie jetzt abflaut, müssen Sie feststellen, am Problem Hunger hat sich nichts geändert?

Bettina Lüscher: Wir hoffen, dass sich geändert hat, dass die Welt jetzt viel mehr Aufmerksamkeit auf dieses Problem lenkt. Wir sind jetzt ja das Megaphon von 690 Millionen Menschen, die auf der Welt unterernährt sind, die nicht wissen, wo die nächste Mahlzeit herkommt, und wir hoffen, dass die Hauptgründe für Hunger – das ist leider heutzutage immer noch die Kriege und die Konflikte -, dass die alten Männer mit der Macht und die jungen Männer mit den Waffen wirklich jetzt auch mal aufpassen und genau sehen und vielleicht auch mal ermahnt werden, diese furchtbaren Kriege zu stoppen, die immer zu Hunger führen.

"Der Hunger ist eindeutig durch die Coronakrise schlimmer geworden"

Kaess: Ist der Hunger auch durch die Corona-Pandemie schlimmer geworden?

Lüscher: Der Hunger ist eindeutig durch die Coronakrise schlimmer geworden, weil es eine Krise auf der nächsten Krise, auf der nächsten Krise, auf der nächsten Krise, auf der nächsten Krise ist. Scheibchenweise wird alles immer schlimmer. Es gibt die Konflikte, es gibt den Klimawandel, Corona hat zu unglaublichen wirtschaftlichen und sozialen Problemen geführt. Viele Tagelöhner haben ihre Jobs verloren. Es gab die Lockdowns, die Lieferketten sind zusammengekracht. Die ärmsten Menschen der Welt wissen nicht mehr, wie sie sich noch ernähren sollen, und das führt dazu, dass die Zahl der akut Hungernden sich in diesem Jahr vielleicht fast verdoppeln wird auf 270 Millionen Menschen.

Ein Logo des Welternährungsprogramms World Food Programme und ein belgisches Militärflugzeug auf einem Rollfeld im irakischen Erbil, August 2014 (imago / Belga / Eric Lalmand) (imago / Belga / Eric Lalmand)Friedensnobelpreis 2020 für Welternährungsprogramm 
Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) wird für seinen Einsatz im Kampf gegen den Hunger mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Das teilte das Komitee in Oslo am 9. Oktober mit.

Kaess: Heißt das auch, dass die Pandemie schon erreichte Erfolge gegen den Hunger jetzt zunichtemacht?

Lüscher: Ja. Ich glaube, wir sind wirklich mit vielen Entwicklungshilfe-Zielen um Jahre zurückgeworfen worden. Das ist das wirklich Schlimme und es wird auch über Jahre so weitergehen. Wir machen uns ja alle Sorgen, was im nächsten Jahr passiert. Dieses Jahr hat das World Food Programme Gelder bekommen. Die Geber waren großzügig. Wir brauchen aber in den nächsten sechs Monaten fünf Milliarden Dollar, um diese Krise überhaupt zu schaffen. Wir müssen ja weiter den Menschen helfen. Wie das im nächsten Jahr weitergeht, das müssen wir einfach alle noch sehen.

Andererseits muss man auch eines sagen: Es gibt riesen Wirtschaftsprogramme, Milliarden, Billionen, Trillionen, die jetzt gerade auf den Markt geworfen werden. Humanitäre Hilfe, Entwicklungshilfe ist ein ganz, ganz kleiner Mini-, Mini-, Miniteil davon. Wir können uns das leisten, aber wir müssen es uns leisten.

"Jetzt müssen die Milliardäre mal ran"

Kaess: Aber Sie bräuchten eigentlich mehr, höre ich da heraus?

Lüscher: Auf jeden Fall. Wir brauchen mehr. Die ganze Welt braucht jetzt mehr. Das ist nicht ein Problem, das weit weg ist. Das ist ein Problem, das ist direkt nah an uns dran. Wenn das Virus wieder zuschlägt und größer wird in anderen Ländern um die Welt, kommt es in null Komma nichts zu uns wieder zurück. Das ist nicht mehr wie früher eine Krise, die weit weg ist und die uns nicht berührt. Die ist ganz nah dran – nicht nur hier, sondern auch in Afrika. Das Virus geht um den Globus und die Konsequenzen sind weltweit.

Das 14-jährige Mädchen Purity Kamonya und ihr siebenjähriger Bruder John Kisare in Nairobi / Kenia (imago / Zuma Wire / Donwilson Odhiambo) (imago / Zuma Wire / Donwilson Odhiambo)COVID-19 bringt den Tod auf Umwegen
Zwischen 80 bis 130 Millionen Menschen würden durch die Auswirkungen von COVID-19 zusätzlich in den Hunger getrieben, bilanzierte Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe, im Dlf. 

Kaess: Wen würden Sie denn, wenn Sie mehr Ressourcen brauchen, am liebsten in die Verantwortung nehmen?

Lüscher: Die Geberländer tun ja eine Menge. Unser Chef hat aber auch gesagt, jetzt müssen die Milliardäre mal ran. Es gibt ja viele Firmen, auch während der Corona-Zeit, wo das Geschäft geboomt hat und wo es große Gewinne gab, und ich glaube, wir können es nicht nur alleine machen. Hunger kann man nur besiegen, indem wir alle zusammen helfen: die UNO, die Hilfsorganisationen, die Steuerzahler. Danke an Deutschland! Deutschland, zweitgrößtes Geberland. Aber jetzt müssen auch die Superreichen der Welt heran, die ganz leicht helfen können und einen unglaublichen Effekt haben können.

Kaess: Wie wollen Sie die denn überzeugen?

Lüscher: Indem man sie einfach mal ermahnt. – Ich glaube, was die Menschen nie so ganz verstehen ist, wie billig es ist, jemandem zu helfen, wie wenig es kostet. Der Nobelpreis ist Pi mal Daumen eine Million Dollar. Für diese eine Million Dollar Preisgeld können wir vier Millionen Schulmahlzeiten an Kinder geben – 25 Cent. Wir brauchen sehr wenig, um die Welt zu verändern. Es ist langfristige Hilfe, wo Kinder eine völlig andere Zukunft bekommen durch die Kombination von gesunder Ernährung und Ausbildung. Wir können die Zukunft von Ländern und Kontinenten verändern. Das braucht nicht viel.

"Sterbe ich jetzt an Hunger oder an Corona?

Kaess: Ich möchte noch mal kurz zurück zu der Corona-Pandemie und deren Auswirkungen. Entwicklungsminister Gerd Müller hat gesagt, an den Folgen des Lockdowns oder der Lockdowns werden weit mehr Menschen sterben als am Virus. Würden Sie sagen, dass die strikten Maßnahmen, um die Pandemie einzuschränken, kontraproduktiv sind im Kampf gegen den Hunger?

Lüscher: Das Schwierige ist: Kontraproduktiv – da weiß ich nicht, ob man das so sagen kann. Aus dem einfachen Grunde, weil die Welt ja reagieren muss. Aber es gibt Konsequenzen, die mehr sind als nur die medizinischen und die gesundheitlichen Konsequenzen. Das ist ja das Furchtbare und daran zeigt sich auch, dass wir alle in unterschiedlichen Booten sind. Manche Leute sagen, das Virus ist der große Gleichmacher. Das stimmt nicht. Wir sind in den westlichen Ländern irrsinnig gut aufgestellt, mit dem Coronavirus zurande zu kommen, das in den Griff zu bekommen. Wenn Sie aber in den ärmsten Ländern der Welt sind, geht es nicht nur darum, den Hunger zu bekämpfen, sondern die Konsequenzen von Corona sind viel schlimmer, weil das System zusammenkracht, weil oft die Gesundheitssysteme überhaupt nicht mehr funktionieren. Die Leute haben im Grunde die Wahl, sterbe ich jetzt an Hunger oder sterbe ich an Corona, und das ist eine grauenvolle Wahl.

Eine Frau kauft Chili auf dem lokalen Markt (Getty Images / Josue Decavele) (Getty Images / Josue Decavele)Nothilfe in Guatemala - Mehr Angst vor Hunger als vor dem Virus 
Auch in Lateinamerika steigt die Zahlen der Coronainfizierten. Aber in einem Land wie Guatemala fürchten die Menschen weniger das Virus als den Hunger: Durch den Lockdown fehlen Nahrungsmittel.

Kaess: Heißt das auch, Frau Lüscher, dass Sie im Grunde diese Maßnahmen und diese strikten Einschränkungen kritisieren?

Lüscher: Nein! Was wir immer gesagt haben ist: Die humanitäre Hilfe muss weitergehen. Die Lockdowns dürfen nicht dazu führen, dass die Lieferketten unterbrochen werden. Wir vom World Food Programme haben zig Flugzeuge gechartert, haben zigtausend Helfer geflogen diesen Sommer, als keine Fluglinien mehr gingen. Wir haben Frachtflugzeuge gemacht und Ähnliches. Das muss alles weitergehen. Es muss eine kombinierte Antwort geben, eine gut koordinierte Antwort auf das Corona-Virus.

Worauf wir aufmerksam machen ist, dass die Schwächsten der Welt ungleichmäßig schlimmer davon betroffen werden als wir in den reichen Ländern, und wir reichen Länder haben das Geld und die Macht und den Einfluss, um den Ärmsten zu helfen. Der Friedensnobelpreis ist der große moralische Appell, jetzt was zu tun.

"Hungersnöte brechen dort aus, wo wir Menschen nicht mit Hilfe erreichen"

Kaess: Das World Food Programme hat ja die ganze Welt im Blick. Wo drohen denn akut Hungersnöte?

Lüscher: Es gibt vier Länder, wo wir wirklich ganz große Sorgen uns machen. Im Jemen zum Beispiel, da ist die schlimmste humanitäre Katastrophe der Welt, seit Jahren Krieg, Gesundheitssystem zusammengekracht. Wir versorgen da zwölf Millionen Menschen, kommen aber in viele Gebiete gar nicht rein. Das ist ein Horror.

Dann Südsudan, immer wieder Konflikte. Sie haben ja jahrzehntelang Bürgerkrieg. Dann gab es Unabhängigkeit, es gibt Friedensgespräche und Ähnliches. Aber Klimawandel plus Konflikte plus Corona ist sehr, sehr schwierig.

Burkina Faso, auch dort Konflikte, Hunderttausende im eigenen Land auf der Flucht vor der Gewalt, Klimawandel, dazu Corona.

Nordost-Nigeria, wo Boko Haram ist, die vor Jahren alle Mädchen verschleppt haben. Auch da ist die große Sorge, dass da in Gebieten, wo wir nicht hinkommen. Das ist ja immer das Schwierige. Akute Hungersnöte brechen dort aus, wo wir Menschen nicht mit Hilfe erreichen können, weil wir nicht in die Gebiete rein können, und das ist in manchen Gebieten im Nordosten von Nigeria das Problem. - Also im Nahen Osten, aber viel auch in Afrika.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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