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Startseite@mediasres"Ich würde es wieder tun"14.11.2019

Whistleblowerin Katharine Gun"Ich würde es wieder tun"

Dass ihr Leben zum Film wird, hätte Katharine Gun wohl nie gedacht. Um eine Invasion im Irak zu verhindern, wurde die Geheimdienst-Übersetzerin zur Whistleblowerin. Im Dlf fordert sie einen faireren Umgang mit Betroffenen.

Von Danny Marques Marcalo

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Die Whistleblowerin Katharine Gun bei der Premiere von "Official Secrets" in London (imago)
Katharine Gun bei der Premiere von "Official Secrets" in London am 10. Oktober 2019 (imago)
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"Irgendjemand in diesem Gebäude hat seine Regierung und sein Land verraten. Nun, ich bin mir sicher, es war niemand aus dieser Abteilung. Aber vom heutigen Tag an, wird die interne Sicherheit mit jedem Einzelnen von Ihnen Gespräche führen", heißt es im Film "Official Secrets".

Katharine Gun ist der Name der Frau, die hier als Verräterin bezeichnet wird. Sie wird von Superstar Keira Knightley gespielt. In Film und Realität gibt Katharine Gun sich kurz danach gegenüber den Vorgesetzten freiwillig als Whistleblowerin zu erkennen.

Konsequenzen auch für ihre Familie

Es folgen Monate, in denen eine Anklage wegen Geheimnisverrats gegen sie vorbereitet wird. Ihre Familie wird massiv unter Druck gesetzt. Wenn es dieselben Umstände wären wie damals, würde sie es wieder tun, sagt sie. Sie habe es nie bereut, gegen die Vorschriften verstoßen zu haben.

"Man weiß ja nie, was man konkret erreichen wird. Deswegen macht man es nicht in Erwartung eines konkreten Ergebnisses. Im Endeffekt war es aber nun so, dass es keine Resolution gab und keinen Konsens. Die ganze Sache wurde fallengelassen, weil die Informationen zu schockierend waren, als das man es hätte unterstützen können."

Bevor 2003 eine Koalition, angeführt von amerikanischen Truppen, in den Irak einfiel, um den Diktator Saddam Hussein zu stürzen, hatten sich die USA um eine UN-Resolution bemüht. Damit sollte der Einsatz gebilligt werden. Dafür suchten amerikanische Geheimdienste Hilfe bei ihren Kollegen in Großbritannien. Katharine Gun war damals Übersetzerin im Government Communications Headquarters (GCHQ). Mit einer Invasion in den Irak war sie nicht einverstanden und so gab sie eine belastende interne E-Mail über Umwege an die Zeitung "The Observer" weiter. Das löste einen Skandal aus. Die Resolution wurde nicht ausgesprochen, aber Katharine Gun wegen Geheimnisverrats angeklagt. Der Film "Official Secrets" erzählt diese Geschichte nach und kommt am 21. November 2019 in die Kinos. 

Die persönlichen Konsequenzen für Katharine Gun waren damals gravierend. Ihr Mann war Asylbewerber. Aus fragwürden Gründen sollte er plötzlich abgeschoben werden. Der Official Secrets Act, ein Gesetz gegen Geheimnisverrat, untersagte ihr, sich mit ihren Anwälten zu beraten.

Verfahren gegen sie eingestellt

"Wenn sie mir irgendwelche Fragen stellen wollten, dann mussten sie vorher meinem Arbeitgeber, dem Government Communications Headquarters, GCHQ, sagen, welche Fragen das waren. Es war absurd, wie bei George Orwell."

Nach Monaten der Ungewissheit war der Prozess dann eine Sensation. Denn: Nach einer halben Stunde wurde das Verfahren eingestellt. Katharine Guns Anwälte hatten die Herausgabe von Dokumenten gefordert, die erklären sollten, warum die britische Regierung für einen Kriegseinsatz im Irak war.

Mehr Schutz für Whistleblower

Dies wäre aber für Downing Street peinlich geworden. Damit hätte bewiesen werden können, dass der Einsatz illegal gewesen war. Aus diesem Grund vermutlich ließ die Staatsanwaltschaft die Anklage fallen. Für Katharine Gun ging es gut aus. Whistleblower sieht sie aber nach wie vor unzureichend geschützt, und zwar weltweit:

"Es gibt Regelungen, die Whistleblower schützen sollen, aber auf den Gebieten, auf denen man sich zur Verschwiegenheit verpflichtet, gibt es keinen Schutz. Die Autoritäten haben viel mehr Macht als die Bevölkerung. Gerade weil der Staat so viele Möglichkeiten zur Überwachung hat, müssen Whistleblower dringend besser geschützt werden."

Gun: "Medien tragen eine Mitschuld"

Anders als zum Beispiel Edward Snowden in den USA drohen Katharine Gun in ihrer Heimat aber keine juristischen Konsequenzen mehr. Es fällt ihr schwer nachzuvollziehen, warum Medien Whistleblower immer wieder mit unterschiedlichem Maß beurteilen.

"Warum werden einige als Whistleblower dargestellt und andere als Verräter? Zu einem gewissen Grad tragen die Medien die Mitschuld daran, dass die Reputation einiger Menschen beschädigt wurde."

Ausgewandert in die Türkei

Der Official Secrets Act ist in Großbritannien immer noch in Kraft. Katharine Gun hat inzwischen ihre Heimat verlassen. Nachdem sie 2004 freigesprochen wurde, hatte sie Schwierigkeiten, einen neuen Job zu finden. Mit Ehemann und Tochter lebt sie seit einigen Jahren in der Türkei.

Der Film bringt ihre Geschichte nun aber nochmal an die Öffentlichkeit. Als eine Gallionsfigur der Meinungsfreiheit sieht sie sich nicht: "Mal sehen ob diese Geschichte nun irgendjemanden berühren wird."

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