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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWie der Klimawandel die Gesellschaft verändert25.08.2011

Wie der Klimawandel die Gesellschaft verändert

Europäischer Kongress zur Evolutionsbiologie an der Universität Tübingen

Obwohl Darwins Evolutions-Entdeckungen bis heute unangefochten gelten, hat sich die Evolutionsbiologie natürlich weiter entwickelt und ganz erstaunliche Dinge heraus gefunden. Welche - darüber haben sich in den letzten Tagen Forscher aus ganz Europa beim größten Kongress der Evolutionsbiologen in Tübingen ausgetauscht.

Von Pia Fruth

Auch die Evolutionsbiologie wird vom Klimawandel beeinflussst. (NASA)
Auch die Evolutionsbiologie wird vom Klimawandel beeinflussst. (NASA)

Diesen Ansturm hatte das Hörsaalzentrum lange nicht erlebt: 1300 Teilnehmer aus aller Herren Länder und mehr als 350 Vorträge. Über die Entwicklung von Aggressionen bei Säugetieren etwa, über männliche Pilze, die zu Zwittern werden, über Kannibalismus bei Ameisen, über Auswahlkriterien bei der Partnerwahl oder den erstaunlichen Zusammenhang zwischen Religion und Evolution.

"Religiosität hat eine gewisse Vererbbarkeit, das heißt, es wird weiter gegeben. Und was man zeigen kann: Leute, die religiös sind, haben mehr Kinder als Leute, die nicht religiös sind. Und Leute, die sich strikter an ihre Religion halten, haben noch mehr Kinder. Also von evolutionsbiologischer Sicht ist es ganz offensichtlich und klar, dass diese Eigenschaft sich in jedem Fall durchsetzen wird, weil sie halt assoziiert ist mit einem höheren Fortpflanzungserfolg."

Der Schweizer Nico Michiels ist Biologie-Professor an der Uni Tübingen und hat den großen Kongress zur Evolutionsbiologie organisiert. Warum die Wahl der Europäischen Evolutionsforscher ausgerechnet auf die kleine Stadt am Neckar als Veranstaltungsort gefallen ist? Ganz einfach, sagt Michiels. Hier arbeiten die Evolutionsbiologen seit einiger Zeit vorbildlich und sehr eng mit anderen Biologen zusammen - mit dem Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie zum Beispiel, mit Geologen und Molekularbiologen. Das "Tübinger Forum" ist damit die größte universitäre Forschungsgruppe in Deutschland und wahrscheinlich auch die effizienteste. Denn die Synergieeffekte der Zusammenarbeit sind unübersehbar. Zum Beispiel können die Molekularbiologen in ihren neuen Hightech-Labors untersuchen, was andere Biologen in Jahrzehntelangen Feldstudien zusammen getragen haben.

"Die haben jetzt Gefriertruhen, die wie Goldschätze zu betrachten sind: Blutproben, Gewebeproben, das können Federn sein, das können auch Haare sein, das können Kotproben sein - also alles Sachen, wo man noch DNA daraus extrahieren kann. Und mit diesem Erbgut kann man ins Molekularlabor gehen. Also wir haben jetzt die Möglichkeit Daten zu sammeln aus diesen Proben, mit denen wir sehr analytisch vorgehen können. Wir kriegen sehr viele Informationen über sehr viele Gene, die involviert sind, wie diese Gene miteinander interagieren, und welche Rolle diese Genkomplexe spielen unter natürlichen Verhältnissen."

Und aus diesen Genkomplexen lassen sich dann mitunter ganz erstaunliche Erkenntnisse ableiten. Zum Beispiel eben, dass religiöse Menschen sich im Sinne der Evolution langfristig eher durchsetzen als nicht-religiöse. Und dass das möglicherweise schon bei der Entwicklung früher Hominiden eine Rolle gespielt haben mag. Zudem hat man herausgefunden, dass sich Neandertaler und Homo sapiens zu irgendeinem Zeitpunkt der Evolutionsgeschichte einmal gekreuzt haben müssen. Dass der Neandertaler also nicht - wie bisher angenommen - rigoros und in einem sozusagen "linearen Prozess" vom modernen Menschen verdrängt wurde. "

"Das ist auch ein sehr wichtiges Anliegen bei uns, dass man sicher stellt, dass Evolutionsbiologie jetzt nicht verknüpft wird nur mit Fossilien und Darwin und alten Geschichten, die man abstaubt, sondern dass das ein sehr dynamischer Prozess ist, der uns auch als Mensch direkt betrifft und wo wir sehr viel lernen können, warum und wieso Organismen Sachen machen oder Eigenschaften haben, die uns interessieren oder die wir lieber nicht hätten, wenn man an Krankheiten und Parasiten und so weiter denkt. Und dieser dynamische Prozess, wenn wir ihn richtig gut verstehen, erlaubt er uns auch, Aussagen zu machen über die Zukunft."

Besonders eng sind solche Aussagen über die Zukunft mit dem Klimawandel verknüpft. Kein Wunder also, dass sich damit gleich mehrere Forschungsgruppen beschäftigen. Und die Szenarien, die diese Gruppen beim Tübinger Kongress entworfen haben, stimmen alles andere als optimistisch. Gerade einmal sieben von vielen hundert untersuchten Arten haben sich in den letzten Jahren genetisch an die klimatischen Veränderungen angepasst. Eine von ihnen, eine Moskito-Art, wird von der Vegetationsökologin Katja Tielbörger erforscht.

"Es gibt in Amerika einen kleinen Moskito, der in einer Kannenpflanze lebt, also in einer fleischfressenden Pflanze, die so kannenförmige Anhängsel hat. In diesen Anhängseln ist Wasser drinnen, da lebt der Moskito. Und im Laufe des Klimawandels - in den letzten zehn, fünfzehn Jahren - hat sich in dieser Umgebung die Temperatur eben um circa ein bis zwei Grad erhöht und man hat festgestellt, dass sich dieser Moskito wirklich evolutionär angepasst hat. Sprich: Die Moskitos, die heute in diesen Kannenpflanzen leben, haben ein höheres Temperatur-Optimum, und dieses ist genetisch festgelegt, als die Moskitos, die noch vor zehn oder fünfzehn Jahren in diesen Kannenpflanzen gelebt haben."

Die meisten anderen Arten, wie etwa Korallen, Fische oder Pflanzen, würden wohl aussterben. Oder im besten Fall in andere Lebensräume ausweichen. Spätestens bei diesen Erkenntnissen, sagt Katja Tielbörger, berührt die Evolutionsbiologie wieder das Thema Religion, im Sinne von Ethik und Moral.

"Also es ist ein legitimes Argument zu sagen: Der Mensch ist eben auch nur ein Naturereignis, das über den Rest der Natur herfällt. Aber dadurch, dass der Mensch eben selber verantwortlich ist für das Artensterben, finde ich, sollte der Mensch und kann der Mensch auch darüber reflektieren, ob er die Konsequenzen tragen will des Artensterbens oder nicht. Und ob er dagegen angehen will oder nicht. Und weil er ja dran schuld ist, weil zum Beispiel der Klimawandel menschgemacht ist, sollte der Mensch sich auch überlegen, tue ich was gegen den Klimawandel oder nicht?"

Doch nicht nur Religionswissenschaften, Archäologie oder Ökowissenschaften sind eng mit der Evolutionsbiologie verknüpft. Auch Medizin, Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften können von den Erkenntnissen der Evolutionsbiologen profitieren, sagt Nico Michiels. Auch im Bankenwesen, beim Fußball oder in der Mode setzen sich diejenigen durch, die frei nach Charles Darwin "den Ton angeben".

"Das gilt auch für kulturelle Eigenschaften, wie zum Beispiel, ob es jetzt schick ist oder gerade aktuell interessant ist, ein Tatoo zu haben oder ein Piercing. Solange ich der erste bin oder zu wenigen gehöre, die diese neue interessante Eigenschaft hat, kann ich damit vielleicht Erfolg haben. Sobald aber sehr viele diese Eigenschaft tragen, dann wird es vielleicht langweilig oder uninteressant. Und dann geht das alles wieder rückgängig."

Und folgt damit den Gesetzmäßigkeiten der Evolution, die erstens meist in kleinen Zyklen verläuft. Und zweitens nur Dinge erhält und weiter entwickelt, die entweder vor dem Gefressenwerden schützen oder die Fortpflanzungswahrscheinlichkeit erhöhen. Wenn die Mehrzahl der Menschen also tätowiert ist oder Piercings trägt, müssen die Vorreiter in Sachen Mode ihre Ringe wieder aus Lippe oder Zunge herausnehmen, beziehungsweise Tatoos für teures Geld entfernen lassen. Aber auch das ist nichts weiter als ein Grundsatz der Evolution: Kostenfrei gibt es gar nichts.

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