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StartseiteSprechstundeWie die Seele das Herz krank macht15.12.2009

Wie die Seele das Herz krank macht

Psychokardiologie

Nicht nur Rauchen, fettes Essen und Bewegungsmangel verschleißen das Herz. Nach und nach entdecken Wissenschaftler, wie eng auch die seelische Gesundheit mit dem Organ unter dem Brustbein verwoben ist. Eine neue medizinische Disziplin erforscht, wann Angst, Ärger und Trauer lebensbedrohlich werden können.

Von Eva Völker

Auch Ängste wirken sich auf das Herz aus.  (AP)
Auch Ängste wirken sich auf das Herz aus. (AP)
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"Meine Herz-OP war 2004, hab' dort Herzklappen bekommen, Aorten mit drei Klappen. Dadrauf das Jahr 2005 dann einen Herzschrittmacher, weil das Herz aussetzte. Seitdem habe ich Herzrhythmusstörungen, wo sich doch im Nachhinein rausgestellt hat, dass es doch psychosomatisch ist, Angst und Panikattacken."

Günther Pauk hat eine lange Odyssee durch zahlreiche Arztpraxen hinter sich. Jahrelang behandelten die Mediziner nur sein Herz, ohne auch an seine Seele zu denken. Seit drei Wochen ist der 49-jährige Patient auf der Psychokardiologischen Station der Uniklinik Göttingen. Hier untersuchen Kardiologen gemeinsam mit Ärzten für Psychosomatik und Psychologen, wie sich Günther Pauks Ängste auf sein Herz auswirken. Zwischen Herz und Seele können starke Wechselwirkungen bestehen. Besonders gut erforscht ist der Einfluss der Depression auf die Herzgesundheit, sagt der Leiter der psychokardiologischen Station der Uniklinik Göttingen, Christoph Herrmann-Lingen:

"Eine reguläre, schwere Depression führt mindestens zu einer Verdopplung des Infarktrisikos und ist damit ein ähnlich großer Risikofaktor wie das aktive Zigarettenrauchen."

Einerseits kann eine Depression also das Herz krank machen. Andererseits kann aber auch ein Herzleiden zu depressiven Verstimmungen oder Ängsten wie bei Günther Pauk führen. Die Frage nach Ursache und Wirkung ist offenbar nicht immer ganz einfach zu beantworten. Der Psychokardiologe Christoph Herrmann-Lingen erinnert an das Henne-Ei-Problem:

"Es gibt sicherlich eine gemeinsame Grundlage. Henne und Ei haben dieselben Gene, so ist es möglicherweise auch, dass bestimmte genetische Faktoren anfällig für Depressionen und Herzerkrankungen machen. Zusätzlich sind es bestimmte lebensgeschichtliche Entwicklungen, die Menschen später anfälliger machen, eine Depression oder eine Herzerkrankung zu entwickeln. Durch körperliche Misshandlung, sexuellen Missbrauch und andere schwere, belastende Ereignisse."

Daher gibt es auf der psychokardiologischen Station in Göttingen auch zum Beispiel Angebote wie psychologische Betreuung und Verhaltenstherapie. Von der engen Zusammenarbeit mit den Psychologen und Ärzten für Psychosomatik profitieren die Kardiologen, sagt Rolf Wachter, der selbst Herzspezialist ist:

"Dass natürlich einfach wir noch mal sensibilisiert werden, und auch die Kollegen aus der Psychosomatik sagen, wir glauben, das ist ein Patient, der auch eine psychosomatische Betreuung benötigen könnte, was bei uns manchmal so ein bisschen aus dem Fokus gerät."

Häufig wenden sich die Patienten wegen Herzbeschwerden zunächst an den Kardiologen. Aber nicht selten stellt sich dann heraus, dass das Herz organisch völlig gesund ist. Das Problem liegt bei vielen Patienten vielmehr darin, dass sie nicht gut mit Stress umgehen können, erklärt Christoph Herrmann-Lingen:

"Das ist etwas, wo wir auch die Möglichkeit haben, mit gezielten Entspannungsübungen das Entspannungsdefizit zu bearbeiten, was aber häufig nicht einfach ist, weil häufig Ängste kommen, Selbstzweifel kommen, wenn ich nicht aktiv bin, wer bin ich denn dann. Ein positives Gefühl zur Selbstfürsorge zu entwickeln, ist etwas, was ein wichtiges Ziel unserer Behandlung darstellt."

Günther Pauk ist inzwischen seit drei Wochen auf der Station. Bei ihm hat die Therapie offenbar schon Wirkung gezeigt:

"Ich hatte jetzt noch eine Untersuchung, dabei hat sich herausgestellt, dass ich von 35 Prozent Herzleistung wieder auf 51 gekommen bin, was ja ne enorme Steigerung ist. Das gibt einem natürlich einen Riesenschub: wandern, wieder mehr für seinen Körper tun kann. Und dass man sieht, dass es wieder besser werden kann. Nicht nur schlechter."

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