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StartseiteHintergrund Wirtschaft (Archiv)Wie geschaffen für die Massenproduktion21.01.2007

Wie geschaffen für die Massenproduktion

Wettbewerbsvorteile für die ostdeutsche Landwirtschaft

Die Landwirtschaftsbetriebe östlich der Elbe sind seit Jahrhunderten Großunternehmen. Erst gehörten sie dem Adel, dann dem Staat DDR, jetzt sind sie GmbH, Genossenschaft oder Personengesellschaft. Und die Größe verschafft ihnen nach den harten Jahren des Umbruchs in der modernen Landwirtschaft heute einen Wettbewerbsvorteil.

Von Claudia van Laak

Ein Mähdrescher drischt Wintergerste auf einem Feld bei Paaren westlich von Berlin. (AP)
Ein Mähdrescher drischt Wintergerste auf einem Feld bei Paaren westlich von Berlin. (AP)

Cobbelsdorf in Sachsen-Anhalt: ein schmuckes Dorf, 600 Einwohner, ein Arzt, ein kleiner Supermarkt, ein Frisör, eine Filiale der Raiffeisenbank, ein Fleischer, ein Kindergarten, eine Grundschule, eine Gaststätte. Die Häuser in Cobbelsdorf sind alle saniert, die Fußwege mit Kopfstein gepflastert.

An der Wand des ehemaligen LPG-Kulturhauses prangt ein monumentales Gemälde, sozialistischer Realismus pur. Die DDR-Vision einer modernen Landwirtschaft: glückliche Menschen, gepaart mit technischem Fortschritt, auf dem Gemälde symbolisiert durch ein Agrarflugzeug und einen futuristischen Melkstand. Das Wandgemälde aus dem Jahr 1974 steht unter Denkmalschutz, die LPG gehört ins Geschichtsbuch, die Vision wurde Realität. Die Agrargenossenschaft Cobbelsdorf hat den gemalten Melkstand im letzten Jahr wirklich gebaut.

Zwei Millionen Euro hat die Agrargenossenschaft in die neue computergesteuerte Milchviehanlage investiert. Alle 500 Kühe sind an ihrem linken Vorderbein mit einem Sensor ausgestattet. Wie stark sich die Kühe bewegen, wird an die Leitstelle gemeldet. Stallleiter Ulrich Hoffmann kann direkt auf dem Computerbildschirm erkennen, ob eine Kuh brünstig ist oder nicht.

"Da ist ein Schrittzähler, und wo mehr Kreuze sind, da ist eine erhöhte Bewegungsintensität, da wo viele Kreuze sind, die ist noch nicht besamt, das erkennt man hier."

Der Computer im Kuhstall hilft auch dabei, bestimmte Tiere auszusortieren. Wenn beispielsweise eine Kuh mit Medikamenten behandelt wird, darf ihre Milch nicht verkauft werden. Die Nummer der Kuh wird dann in den Rechner eingegeben, nähert sich das Tier dem Melkstand, bleibt das Tor zu. Horst Saage, Vorstandschef der Agrargenossenschaft, ist stolz auf die rechnergesteuerte Milchviehanlage.

"Das sind die neusten Entwicklungen. Wir haben schon Geld investiert in die Tiererkennung, weil in diesen Großgruppen, man sucht jeden Tag nur Kühe, wenn man das nicht hätte. Das haben wir mit der neuen Anlage, mit der neuen Technologie auch weitgehend gelöst."

Durch die Milchviehanlage senkt die Agrargenossenschaft ihre Personalkosten, vier Arbeitsplätze werden eingespart. Diese Zwei-Millionen-Investition lohnt sich nur für Großbetriebe. Die Agrargenossenschaft Cobbelsdorf hält 500 Milchkühe, 1500 Schweine und bewirtschaftet 2500 Hektar Land.

Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher deutscher Agrarbetrieb bewirtschaftet nur ein Fünfzigstel dieser Fläche, genau 46,4 Hektar. Bei der Zahl der Mitarbeiter sieht es ähnlich aus: der Bundesdurchschnitt liegt bei 1,4 Beschäftigten pro Betrieb, in der Agrargenossenschaft Cobbelsdorf stehen 50 Mitarbeiter in Lohn und Brot.

"Ich hatte immer die Meinung, die Menschen müssen dreimal am Tag essen und trinken. Und dann habe ich gesagt: Wer wenn nicht wir, die die Möglichkeit hatten, in vernünftigen Strukturen weiter zu wirtschaften, soll denn das schaffen? Das hatte ich im Gefühl, und da habe ich auch Ehrgeiz gehabt und habe gesagt: Seit Jahrhunderten haben Cobbelsdorfer Bauern auf die Cobbelsdorfer Scholle ihre Füße gesetzt, und solange wie ich hier bin, wird das so bleiben."!"

Horst Saage ist ein bodenständiger Landwirt. Er legt Wert darauf, dass seine Familie 1744 erstmals in den Kirchenbüchern erwähnt wird, dass alle seine Vorfahren Bauern, Gastwirte oder Fleischer waren. Vor der Wende besaß Saage ein SED-Parteibuch und war Vorsitzender der örtlichen LPG.

"Rote Barone" wurden Leute wie Horst Saage genannt. Die LPG-Vorsitzenden übernahmen die Macht in den ostelbischen Dörfern von den Adeligen, die die sowjetischen Besatzer mit ihrer Bodenreform vertrieben hatten. Viele blieben nach der Wende in dieser Position, wurden Chefs der LPG-Nachfolgebetriebe.

Die Landwirtschaftsbetriebe östlich der Elbe sind seit Jahrhunderten Großunternehmen. Erst gehörten sie dem Adel, dann dem Staat DDR, jetzt sind sie GmbHs, Genossenschaften oder Personengesellschaften. Das alte westdeutsche Leitbild des bäuerlichen Familienbetriebes, nach der Wende von der Politik für den Osten propagiert, scheiterte an der Realität. Professor Dieter Kirschke, Agrarökonom an der Berliner Humboldt-Universität:

""Insofern hat sich eigentlich nur wieder hergestellt, was in der Vergangenheit eigentlich auch schon existierte. Also die Strukturen sind auf das, was das Land hergibt, wie die Produktionsgrundlagen sind, schon ganz gut eingestellt. Und vor diesem Hintergrund sind die Voraussetzungen auch für die künftige Agrarwirtschaft in der Europäischen Union günstig."

Die Landwirtschaft ist die einzige DDR-Wirtschaftsbranche, die einen erfolgreichen, von den Betrieben und ostdeutschen Akteuren selber gesteuerten Transformationsprozess durchlaufen hat. Eine weitere Besonderheit: Als einzige Branche passte die Landwirtschaft zur westeuropäischen Wirtschaftsstruktur. Nach der Wende stellte sich schnell heraus: Die Großbetriebe waren hervorragende Zulieferer für die globalisierte, hoch spezialisierte Lebensmittelwirtschaft, die kein Interesse daran hat, ihre Ausgangsprodukte von vielen kleinen Zulieferern zu beziehen. Der Regionalwissenschaftler Rainer Land:

"Die Situation Anfang der 90er Jahre war so, dass die große Lebensmittelwirtschaft in Westdeutschland, in Westeuropa, das sind ja zum Teil auch internationale Konzerne, geguckt hat, was sich durch den Fall der Mauer an Partnern dort ergibt. Das Interesse war natürlich, Betriebe zu finden, die große Mengen von standardisierten Massenprodukten in gleich bleibender Qualität liefern können, und das war im Bereich Kartoffeln, Stärke, Getreide, also in den klassischen Marktfrüchten der Fall."

Durch die großen, zusammenhängenden Flächen haben die ostdeutschen Landwirtschaftsbetriebe enorme Kostenvorteile. Sie können leistungsstarke Erntemaschinen einsetzen, sparen Personal. Das schlägt sich in den Gewinnen nieder. Während ein landwirtschaftlicher Familienbetrieb in Bayern 2004 einen Gewinn von knapp 21.000 Euro erzielte, erwirtschaftete ein ähnlich strukturiertes Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern im gleichen Jahr die dreifache Summe, rund 63.000 Euro.

Trotz guter Zahlen heute, die Wende bedeutete für die LPGs und VEGs, für die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften und Volkseigenen Güter, einen Bruch. 1989 waren 850.000 Menschen in der DDR-Landwirtschaft beschäftigt, drei Viertel von ihnen verloren Anfang der 90er Jahre ihren Arbeitsplatz.

In einigen Gemeinden war die LPG der einzige Arbeitgeber. Wenn die Überführung in ein marktwirtschaftliches Unternehmen nicht gelang, waren alle Dorfbewohner auf einen Schlag arbeitslos. Weibliche Fachkräfte waren besondern häufig betroffen, überproportional viele Frauen verloren ihren Arbeitsplatz. Ein Neuanfang auf dem Land war und ist für viele schwierig, es fehlen qualifizierte Jobs.

Die Rationalisierung ist in den neuen Ländern weit vorangeschritten. So kommen in Mecklenburg-Vorpommern auf 100 Hektar Ackerland 1,2 Beschäftigte, in Rheinland-Pfalz sind es 5,5 Beschäftigte, also fast fünfmal so viele. Die wirtschaftlich erfolgreichsten Unternehmen sind nicht die Nachfolgebetriebe der LPGs, die mit Altschulden und einem hohen Personalbesatz zu kämpfen hatten, erläutert der Agrarökonom Dieter Kirschke:

"Es hat sich eine neue Art von Betriebstypen entwickelt, die Personengesellschaften, die aus einem Verbund von einzelnen Betrieben oder Personen bestehen, und die sind eigentlich derzeit die Erfolgsmodelle in der ostdeutschen Landwirtschaft, weil sie mit relativ geringer Arbeitskraftausstattung sehr effizient wirtschaften, insbesondere im Ackerbau."

Die ostdeutsche Landwirtschaft hat einen Produktivitätssprung gemacht. Heute wird etwa die gleiche Fläche wie zu DDR-Zeiten bewirtschaftet, allerdings mit einem Zehntel der zuvor benötigten Arbeitskräfte und bei gestiegenen Erträgen. Die Kehrseite des hocheffizienten Agrobusiness ist eine hohe Arbeitslosigkeit auf dem Land.

Der Regionalwissenschaftler Rainer Land stellt die These auf: Den Betrieben geht es immer besser, den ländlichen Regionen immer schlechter. Die Standorte der großen Agrarbetriebe befinden sich noch im ländlichen Raum, aber sie sind kaum noch Teil der dortigen Gesellschaft. Lokale Zuliefer- und Verarbeitungsnetzwerke sind weitgehend überflüssig und ineffizient. Die Agrarunternehmen haben sich abgekoppelt von ihrer Umgebung. Rainer Land hat dafür den Begriff "Entbettung" geprägt.

"Entbettung nennen wir das deswegen, weil der enge Zusammenhang von Agrarbetrieb und lokalem Umfeld sich aufgelöst hat. An die Stelle ist ein überregionaler Zusammenhang getreten. Und die Reste in der Region sind sozusagen überflüssig geworden. Das betrifft die Dörfer, die nicht mehr gebraucht werden, und das betrifft auch einen ganzen Teil der Landbevölkerung."

Die LPGs nahmen eine ganze Reihe sozialer Aufgaben wahr: Sie betrieben Kindergärten, Kantinen und dörfliche Kulturhäuser, reparierten Straßen und Wege. All diese Aufgaben sind den Kommunen zugefallen, die sie mehr schlecht als recht erfüllen. Angesichts zurückgehender Bevölkerungszahlen im ländlichen Raum Ostdeutschlands werden Schulen und Kindergärten geschlossen, Bus- und Zugverbindungen eingestellt. Dorfkneipen schließen, der frühere Konsum steht leer.

Im Extremfall sei das Dorf heute nur noch der zufällige Standort eines Landwirtschaftsbetriebes, schreibt Rainer Land in einem Aufsatz. Die ländliche Gesellschaft in Ostdeutschland drohe sich aufzulösen. Der Agrarökonom Dieter Kirschke widerspricht diesem negativen Szenario:

"Größere Betriebe spielen für den ländlichen Raum eine nach wie vor wichtige Rolle. Und wenn sie sich dann zusammen im Sinne einer Bürgerinitiative organisieren, wenn sie Mitverantwortung tragen mit der ländlichen Bevölkerung für die ländliche Entwicklung, da gibt es einige Entwicklungen, die ich sehr positiv finde, aber das ist nicht die alte soziale Funktion der Betriebe."

Beispiel Cobbelsdorf_ Das frühere LPG-Kulturhaus konnte privatisiert werden. Eine Gaststätte mit einem großen Saal und einer Kegelbahn sind entstanden. Die frühere Betriebskantine liefert täglich 2500 Essen an den Kindergarten, die Schule, die örtliche Verwaltung. Der frühere LPG-Vorsitzende Horst Saage ist stolz darauf, dass dort 20 Dorfbewohner einen Job haben.

"Wenn die Arbeitsplätze erhalten bleiben, passiert eine Menge ringsherum, dann bleibt der Kindergarten erhalten, dann bleibt der Arzt im Dorf. Dann eröffnet jemand einen Edeka, dann kann der Frisör leben und ein Blumenhändler, und ein Getränkehändler, da wird vielleicht niemand reich dabei, aber es bleibt Leben in den Dörfern."

Der Vorstandsvorsitzende der Agrargenossenschaft fühlt sich verantwortlich für das ganze Dorf, nicht nur für sein Unternehmen. Wenn er Stellen einspart wie jetzt durch die neue Milchviehanlage versucht er, die betroffenen Kollegen in Teilzeit weiter zu beschäftigen, bis sie das Rentenalter erreicht haben.

"Ein alter Gaul sollte immer noch ein bisschen Platz auf der Koppel haben, das ist so. Wir haben eine soziale Verantwortung. Aber die kann man nur wahrnehmen, wenn der Betrieb was erwirtschaftet. Mit Gefühlsduselei geht es nicht. Es geht nur mit knallhartem Geschäft. Das ist die Grundlage."

Horst Saage ist jetzt 56 Jahre alt. Seinen Nachfolger im Betrieb baut er systematisch auf. Auch das sei ein Vorteil von Großbetrieben, meint der studierte Landwirt. In kleinen Familienunternehmen sei der Generationswechsel viel schwieriger zu bewältigen.

"Da muss der Sohn, ob er will oder nicht. Zum Schluss darf es nicht einmal eine Liebesheirat sein, es muss passen. Das ist das Problem. Und nicht umsonst kranken ja viele Betriebe in den alten Bundesländern nicht am Geld. Drei Mercedese stehen auf dem Hof, aber es ist keine Frau in der Küche."

Bei Karsten Jennerjahn stehen keine drei Luxuslimousinen auf dem Hof, auf eine Frau in der Küche muss er ebenfalls verzichten. Sie arbeitet in der Gemeindeverwaltung, er bewirtschaftet 400 Hektar Ackerland im brandenburgischen Schrepkow. Karsten Jennerjahn ist Wiedereinrichter. Sein Vater hat sich sein Land, das er zu DDR-Zeiten in die LPG einbringen musste, nach der Wende zurückgeben lassen. Damit hat sich Jennerjahn selbstständig gemacht. Bei der Ernte helfen drei der fünf Kinder, den Rest des Jahres muss der Landwirt alleine zurechtkommen.

"Den bäuerlichen Familienbetrieb á la Kinderbuch, den gibt es natürlich nicht, was man sich so vorstellt. Aber der bäuerliche Betrieb, ob die ganze Familie drin arbeitet oder die halbe, der erweist sich nach wie vor als sehr effektiv, auch im Osten. Die Familienbetriebe bewirtschaften fast die Hälfte der Fläche, trotz widriger Umstände."

Widrige Umstände, Karsten Jennerjahn ist wie viele ostdeutsche Wiedereinrichter der Ansicht, dass die Großbetriebe bevorzugt werden, bei der Vergabe von Krediten, beim Kauf von Pflanzenschutzmitteln, bei den EU-Subventionen, nicht zuletzt bei politischen Entscheidungen.

"Land Brandenburg hat Dürrehilfe aufgelegt, wir haben uns dagegen ausgesprochen, weil erstens hat man gleich eine Bagatellgrenze eingeführt und gesagt, die müssen sehen, wie sie klar kommen, die Kleinen. Um die Großen müssen wir uns kümmern, um die Effektiven. Aber wenn ich vom Kleinen, angeblich Uneffektiven verlange, er muss sich durchbeißen, dann muss ich das von dem Reichen doch erst recht verlangen können."

Karsten Jennerjahn fühlt sich vom Deutschen Bauernverband nicht vertreten. Dieser habe sich am Vermögen des DDR-Bauernverbandes bereichern wollen und deshalb gleich nach der Wende die Position der ostdeutschen Großunternehmen zu seiner eigenen gemacht, behauptet der Landwirt. Er selber hat sich deshalb dem Deutschen Bauernbund angeschlossen, der im Osten die Wiedereinrichter vertritt. Auch in der Agrarpolitik hätten alte DDR-Funktionäre das Sagen, klagt der Landwirt.

In der Tat: Ehemalige LPG-Vorsitzende sind nach der Wende schnell in einflussreiche Positionen gekommen. Volker Sklenar aus Thüringen ist Deutschlands dienstältester Landwirtschaftsminister, Till Backhaus sein Kollege in Mecklenburg-Vorpommern. Klaus Kliem firmiert seit der Wende als Präsident des Thüringer Bauernverbandes, war lange Vize des Deutschen Bauernverbandes. Gleichzeitig leitet er die UFOP, ein zunehmend wichtiger Landwirtschaftsverband, der die Anbauer von Energiepflanzen vertritt.

Eine starke Lobby ehemaliger DDR-Funktionäre hat dafür gesorgt, dass Verstöße gegen das Landwirtschaftsanpassungsgesetz kaum verfolgt wurden. Das Gesetz regelte die Umwandlung der DDR-LPGs in neue Rechtsformen. Ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG finanziertes Projekt hat diesen Prozess untersucht. Das Ergebnis: Nahezu alle 1719 LPG-Umwandlungen waren mehr oder weniger fehlerhaft. Professor Walter Bayer, Leiter des Forschungsprojekts und Dekan der juristischen Fakultät an der Universität Jena, stellt fest,

"dass man die Zielrichtung des Gesetzes bewusst unterlaufen wollte. Man wollte das Unternehmen doch fortführen als ein LPG-Nachfolgeunternehmen, wollte aber den Mitgliedern, die ausgeschieden sind, letztendlich nicht die ihnen zustehende Abfindung zukommen lassen. Das Beharrungsvermögen vieler Kräfte, die bisher Führungskräfte in der alten LPG waren, war sehr groß. Und diese Kräfte haben letztlich auch die Unterstützung in der Politik gefunden."

Die DFG-Studie kommt zu dem Schluss, dass die LPG-Vorsitzenden ihr Unternehmen systematisch arm rechneten, um möglichst wenig Geld an ihre ehemaligen Mitglieder auszahlen zu müssen. So wurden Rücklagen gebildet, obwohl dies gegen das Umwandlungsgesetz verstieß.

"Und deswegen war die Unterstützung der Politik auch da, dass man gesagt hat, das mag vielleicht wirtschaftlich vernünftig sein, das Unternehmen fortzuführen, aber nicht zu den Bedingungen, dass einzelne Führungskräfte der LPG das neue Unternehmen übernehmen."

Dass die Landwirtschaft Ostdeutschlands heute eine der produktivsten in Europa ist, sehen die einen auch als Resultat flächendeckender Gesetzesverstöße. Andere weisen daraufhin, dass viele LPGs hätten liquidiert werden müssen, wen man sich an jeden Buchstaben des Gesetzes gehalten hätte. Dann wäre der Aufbau effizienter Landwirtschaftsstrukturen sehr viel schwieriger geworden.

Alles in allem: Die Zukunftschancen sind gut, denn auch in den Wachstumsmärkten "Nachwachsende Rohstoffe" und "Ökologisch erzeugte Lebensmittel" haben die neuen Länder die Nase vorn. Mecklenburg-Vorpommern steht mit fast zwölf Prozent Ökolandbau bundesweit an der Spitze. Alle großen Biosprit-Fabriken befinden sich in Ostdeutschland, weitere Großinvestitionen sind in Planung. Der Agrarökonom Dieter Kirschke bilanziert:

"Also ich glaube, die Voraussetzungen für die ostdeutsche Landwirtschaft, wettbewerbsfähig in der Zukunft zu sein unter den neuen Bedingungen der Agrarreform und den neuen Bedingungen der Integration Europas sind gut, wenn nicht sehr gut. Natürlich gibt es noch Anpassungsprobleme. Aber ein Teil, der dem Westen an Anpassung noch bevorsteht, ist im Osten schon gelaufen."

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