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StartseiteSport am WochenendeWie München den Zuschlag für die Olympischen Spiele 1972 bekam26.09.2010

Wie München den Zuschlag für die Olympischen Spiele 1972 bekam

Kay Schiller und Christopher Young: “The 1972 Munich Olympics and the Making of Modern Germany”

Die Olympischen Spiele 1972 in München: Um den Zuschlag zu erhalten, stellte die Bundesregierung u.a. afrikanischen IOC-Mitgliedern Entwicklungshilfe in Aussicht. Außerdem kam München die rechtsradikale Gesinnung des damaligen IOC-Präsidenten Avery Brundage zugute, wie Kay Schiller und Christopher Young aufzeigen.

Von Erik Eggers

Das Münchner Olympiastadion im Olympiapark, erbaut 1972 von Frei Otto und Günter Behnisch (Stock.XCHNG Matthias Schimmelpfennig)
Das Münchner Olympiastadion im Olympiapark, erbaut 1972 von Frei Otto und Günter Behnisch (Stock.XCHNG Matthias Schimmelpfennig)
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"Das war der 11. September der damaligen Zeit"

Es existiert stapelweise Literatur über die so genannten Nazi-Spiele, die Olympischen Spiele 1936 in Berlin. Inwiefern sich die Olympische Bewegung damals vom NS-Regime instrumentalisieren ließ, diese brennende Frage haben Sporthistoriker in allen Details durchdekliniert. Die Konzentration auf dieses Ereignis führte dazu, dass die historischen Hintergründe der zweiten Olympischen Spiele auf deutschem Boden bislang eher im Dunkeln lagen. Schon vor diesem Hintergrund ist das Buch "The 1972 Munich Olympics and the Making of Modern Germany", das Kay Schiller und Christopher Young nun in einem amerikanischen Universitätsverlag vorlegen, außerordentlich verdienstvoll. Überfällig ist es allemal.

Ohne Zweifel beeinflusste der Vorgänger Berlin die Münchener Spiele enorm. Bekannt ist, dass die DDR-Propaganda die Spiele in München mit dem Slogan "2 x ’36 = ’72" in den Geruch politischer Instrumentalisierung rücken wollte. Auf der anderen Seite aber profitierte die Münchener Bewerbung, wie die Autoren darlegen. Etwa durch das, was der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Avery Brundage, mit Berlin 1936 assoziierte.

Den Mann aus Chicago, der die amerikanische Boykottbewegung vor 1936 erfolgreich bekämpft hatte, beschreiben die Autoren ironisch als "den größten Fan eines Deutschland, das nicht mehr existierte". Willi Daume, der mit Münchens Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel die Bewerbung initiierte und vorantrieb, wusste um das rechtsextremistische Denken des Amerikaners, der das IOC zwischen 1952 und 1972 regierte. Brundage sei "ja ein Nazi" gewesen, der am liebsten in den USA eine NS-Partei gegründet hätte und ein Faible für antisemitische Zeitungen besessen habe, berichtete Daume in einem Interview aus 1994, das die Autoren ausgewertet haben.

Insofern störte Brundage sich nicht daran, als ihm Daume vor der Vergabe der Spiele in einem Brief ankündigte, München wolle afrikanische Sportler finanziell und technisch unterstützen. Auch die Einladungen Münchens an einige IOC-Mitglieder, vor der entscheidenden Session 1966 in Rom noch einen Stopp in München einzulegen, dürfte Brundage kaum entgangen sein. Dabei waren solche Besuche seit 1964 nach den IOC-Regeln untersagt, nachdem es Gerüchte gegeben hatte, wonach Tokio bei der IOC-Session 1959 in München, als das IOC die Spiele 1964 vergab, gezielt Prostituierte eingesetzt haben soll.

Zu den spektakulären Funden der Autoren zählen die Dokumente, aus denen hervorgeht, dass die Bundesregierung in dieser Zeit Marokko rund 194 Millionen Euro Entwicklungshilfe in Aussicht stellte. Daraufhin versprach das marokkanische IOC-Mitglied den Münchnern seine Stimme und auch die Stimmen dreier weiterer afrikanischer IOC-Mitglieder. Dies könne man durchaus Bestechung nennen, urteilt Young.

Doch nicht nur die späten Reflexionen Daumes und das Geschacher im Bewerbungsverfahren erheben das Buch zu einem lehrreichen Stück Sportgeschichte. Denn die Autoren beschreiben das Weltereignis gleichzeitig als gelungenen Versuch, die noch junge Bundesrepublik als neuen, modernen Staat darzustellen.

Auch hier war die Auseinandersetzung mit der Nazi-Zeit, die just 25 Jahre zurücklag, allgegenwärtig. Beleg dafür ist ein Brief des damaligen Außenministers Walter Scheel an alle deutschen Botschaften aus dem Jahre 1970. Darin verwies Scheel auf die prekären Nazi-Spiele 1936 in Berlin – und forderte dazu auf, einen Gegenentwurf zu Berlin zu entwickeln, nämlich "ein Bild des modernen Deutschland mit allen seinen politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Aspekten zu vermitteln".

Auch Kunst und Design arbeitete sich an den NS-Vorbildern ab, wie am besten das schlichtweg geniale Werk des Designers Otl Aicher illustriert. Aicher setzte in München mit seinem einheitlichen und für alle Teilnehmer verständlichen Erscheinungsbild große Akzente. Verheiratet war der Gestalter mit einer Schwester von Hans und Sophie Scholl, die als Mitglieder der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" im Dritten Reich hingerichtet worden waren. Der Name des Designers stehe den Münchner Spielen "in Anbetracht der politischen Propaganda aus dem Osten" gut an, notierte damals Willi Daume.

Auch das unterstreicht die komplexe Vergangenheit und die diffizile politische Lage, in der sich die Münchner Organisatoren befanden. Und es verdeutlicht einmal mehr, dass die Olympischen Spiele 1972 keinesfalls reduziert werden dürfen auf das Attentat auf die israelischen Sportler. Oder auf die Goldmedaillen einer Heide Rosendahl oder eines Mark Spitz.

Kay Schiller/Christopher Young: The 1972 Munich Olympics an the Making of Modern Germany
University of California Press, Berkeley/Los Angeles 2010.
(Hardcover: 65 US-Dollar. Paperback: 24,95 US-Dollar.)

"Das war der 11. September der damaligen Zeit" Neue Erkenntnisse zum Attentat bei den Münchner Spielen 1972

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