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StartseiteForschung aktuellWie Ohren wachsen21.02.2007

Wie Ohren wachsen

Berliner Biologen untersuchen Alters- und Geschlechtsunterschiede des Hörorgan

Ohren wachsen ein Leben lang. Das weiß man in der Humanbiologie schon seit den 50er Jahren. Jetzt haben Berliner Forscher zum ersten Mal gezielt untersucht, wie und in welchen Lebensphasen sich das menschliche Ohr verändert. Das Ergebnis: Nur ganz bestimmte Teile des menschlichen Ohres wachsen tatsächlich ein Leben lang.

Von André Hatting

Das Wachsen des Ohres  wirkt der im Alter nachlassenden Fähigkeit, Töne zu orten, entgegen. (Stock.XCHNG / Gert Lanser)
Das Wachsen des Ohres wirkt der im Alter nachlassenden Fähigkeit, Töne zu orten, entgegen. (Stock.XCHNG / Gert Lanser)

1448 Ohren von Berlinerinnen und Berlinern hat Maike Nibbrig für ihre Studie fotografiert. Das jüngste Ohr war gerade einmal ein paar Wochen alt. Das älteste 92 Jahre. Sechs Wochen lang hat die Biologiestudentin dann bestimmte Merkmale der Ohren mit einem speziellen Computerprogramm gemessen und ausgewertet.

"Erstmal ist es mir schon im wahrsten Sinne des Wortes aus den Ohren raus gekommen. Aber als ich dann die Ergebnisse sah, war ich doch erstaunt. Erstmal war es interessant, dass nicht alle Teile des Ohres weiter wachsen. Die größte Ohrlänge, das ist die längste Länge in der Ohrmuschel, wächst weiter. Auch die größte Ohrbreite wächst weiter. Aber es gibt Bereiche, die nicht weiter wachsen, zum Beispiel die concha, also der innere Teil der Ohrmuschel und die incisura intertragica gewinnt auch nicht an Breite."

Incisura intertragica - einfacher zu merken als die Stelle, in der der Kopfhörer des iPods hängt, sagt Professor Carsten Niemitz, Leiter der Abteilung Humanbiologie an der Freien Universität Berlin. Er hat diese bislang umfangreichste Untersuchung zum Wachstum des menschlichen Ohres betreut. Der Grund, warum nur bestimmte Teile des Ohres wachsen, und zwar die, die vor allem die Länge ausmachen, liege in deren Funktion, sagt Carsten Niemitz: Das Relief des äußeren Ohres helfe, Schallquellen im Raum zu orten. Diese Lokalisation sei aber von der Tonhöhe abhängig:

"Ein neugeborenes Baby hört höhere Frequenzen besser als tiefe. Und es wächst dann so, wie Trommelfell und Innenohr und Gehirn am besten hören. Und wenn man jetzt erwachsen ist, dann hat man schon im Verlauf dieser sagen wir mal zwanzig Lebensjahre ein Gutteil seiner Hörqualität eingebüßt. Und das Ohr wächst weiter, weil wir dann offenbar einen Teil unseres Hörverlustes kompensieren können."

Bei der Geburt ist das menschliche Ohr geradezu riesig. Dann wächst es gleichmäßig mit den übrigen Körperteilen mit. Bis zum Alter von etwa sechs Jahren eine Verlangsamung eintritt. Carsten Niemitz:

"Wenn der Jugendliche so seinen riesigen pubertären Wachstumsschub hat, dann wächst das Ohr kaum noch mit. Und wenn er dann skelettmäßig erwachsen ist, dieser Mensch, dann hört es nicht auf zu wachsen, sondern es wächst so weiter, dass die durchschnittlichen achtzigjährigen deutschen Männer - das haben wir errechnet - 2,29 Meter groß sein müssten, wenn sie weiter im Skelett so wachsen würden wie ihr Ohr."

Die äußere Form des Ohres wächst also exakt so, dass sie der nachlassenden Fähigkeit, Töne zu orten, entgegenwirkt. Die Studie von Carsten Niemitz und seinen beiden Kolleginnen ergänzt an dieser Stelle ein Ergebnis, zu dem Wissenschaftler der Universität Kiel in den achtziger Jahren gekommen waren:

"Die haben mit Gips oder Silikon die Ohrmuschel verschmiert und haben somit das äußere Relief eingeebnet. Interessanterweise, das war ihre Feststellung, konnten diese Leute Schallquellen nicht mehr gut orten. Wir haben jetzt mit dieser wirklich sehr einfachen Arbeit, lineare Strecken an Fotos auszumessen, sozusagen eine Erklärung nachliefern können, für etwas, was man seit über dreißig Jahren weiß."

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