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StartseiteSport am WochenendeWieder Diskussion13.12.2011

Wieder Diskussion

Eine Rezension des zweiten Bandes der umstrittenen Carl Diem-Biographie

Gut Ding will Weile haben. Sieben Jahre, nachdem die Deutsche Sporthochschule Köln und der Deutsche Olympische Sportbund eine wissenschaftliche Biographie über den umstrittenen Sportfunktionär Carl Diem angestoßen haben, ist diese Biographie endlich komplett.

Von Erik Eggers

Der Sportfunktionär Carl Diem (1932) (picture alliance / dpa)
Der Sportfunktionär Carl Diem (1932) (picture alliance / dpa)

Als vierten und letzten Teil hat der Essener Historiker Frank Becker nun den Band über das Wirken Diems in der Weimarer Republik vorgelegt, den Teil Zwei in der Chronologie dieses Projektes. Und erneut schafft der Autor das, was selten der deutschen Sportgeschichte vorkommt: In lebendigem Stil ordnet er souverän und sachlich die Lebensgeschichte Diems während der komplizierten Entwicklung des deutschen Sports Weimarer Prägung.

Dabei hat Becker erneut belastbare Belege gefunden, die Diem als Antisemiten ausweisen. So bedient Diem 1924, in einem Brief an einen Freund, das Klischee vom reichen Juden. Junge Frauen, die am Rande des Olympischen Kongresses 1930 in Berlin einen seltenen Tanz aufführten, nannte er "Juden-Mädels". Auch hat Becker verschiedentlich "rassekundliche" Bemerkungen Diems ausgemacht. Diese Fundstellen bestätigen die Antisemitismus-These, die auch der Berliner Historiker Ralf Schäfer vertritt.

Das letzte Kapitel dieses Bandes heißt "Der Diktatur entgegen". Für die letzten Jahre der Weimarer Zeit beschreibt Becker den wichtigsten Sportfunktionär hier als Prototyp des antidemokratischen Denkens jener Zeit.

"Unter allen schlechten Regierungen ist die Diktatur aber immer noch die relativ beste", schrieb Diem einem ehemaligen Studenten der Deutschen Hochschule für Leibesübungen damals. Diem sei auch der Dolchstoßlegende gefolgt, die innere Feinde für den verlorenen Ersten Weltkrieg verantwortlich machte.

Schon vor der Machtübernahme durch die Nazis 1933 habe sich Diem zum Konzept einer radikalnationalistischen Diktatur hingewandt, lautet ein Fazit Beckers.

Es wird also wieder Diskussionen geben über Diem, über die Biographie, über die Geschichte des deutschen Sports, die Diem wie niemand anders verkörpert. Aber auch eine solche Debatte macht ja schließlich ein gutes Buch aus.

Besprochenes Buch: Frank Becker, Den Sport gestalten. Carl Diems Leben (1882-1962). Band II: Die Weimarer Republik, Universitätsverlag Rhein-Ruhr, Duisburg 2011.

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