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StartseiteKultur heute"Es ist ein Fake"30.11.2016

Wiederaufbau der Schinkelschen Bauakademie in Berlin"Es ist ein Fake"

Berlin will die Schinkelsche Bauakademie rekonstruieren. Der Direktor der Berlinischen Galerie, Thomas Köhler, steht der Idee skeptisch gegenüber. Ein Wiederaufbau entspräche nicht dem Geist Schinkels - und wäre zudem eine Ableugnung geschichtlicher Tatsachen, sagte er im DLF. Wünschenswert sei ein zeitgenössischer Neubau an selber Stelle.

Thomas Köhler im Gespräch mit Doris Schäfer-Noske  

Schaufassade, auf der die von Karl Friedrich Schinkel 1832 errichtete Bauakadmie zu sehen ist, aufgenommen 2004 am Berliner Schlossplatz (picture-alliance / ZB / Peer Grimm)
Schaufassade der von Karl Friedrich Schinkel 1832 errichteten Bauakademie - Berlin will sie wieder aufbauen, Thomas Köher hält das für keine gute Idee. (picture-alliance / ZB / Peer Grimm)
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Doris Schäfer-Noske: Manchmal, da sind die Haushaltspolitiker des Bundestages ja für eine schöne Überraschung gut: Vor zwei Jahren haben sie zum Beispiel in einem Nachschlag zum Bundeshaushalt 200 Millionen Euro locker gemacht - für ein Museum der Moderne in Berlin. Und vor gut zwei Wochen gab es wieder Geldgeschenke für die Hauptstadtkultur, wenn auch nicht so viel Geld wie beim letzten Mal. 62 Millionen Euro hat der Haushaltsausschuss des Bundestages bewilligt - für den Wiederaufbau der Schinkelschen Bauakademie. Über 20 Jahre schon hatte es Pläne gegeben, den klassizistischen Bau zu rekonstruieren, doch immer wieder waren die Pläne gescheitert. Zu DDR-Zeiten hatte man das stark kriegszerstörte Gebäude in der Nähe des Stadtschlosses abgerissen. Frage an Thomas Köhler, den Direktor der Berlinischen Galerie:

Herr Köhler, die Bauakademie soll also wieder aufgebaut werden - ein Gebäude, das wegweisend war für das 19. Jahrhundert - daneben wird das Stadtschloss rekonstruiert. Wird Berlin also bald zu einem Architekturmuseum?

Thomas Köhler: Ich will das nicht hoffen. Jedenfalls nicht, dass es zu einem Museum aus lauter Rekonstruktionen wird, und das scheint ja, im Moment die Richtung zu sein, die bei der Stadtplanung für die Mitte Berlins eingeschlagen wurde. Und da bin ich ausgesprochen skeptisch, ob das die richtige Richtung ist, die man bei zeitgenössischer Architektur einschlagen sollte.

"Ich halte das für ausgesprochen zweifelhaft"

Schäfer-Noske: Andererseits ist es ja doch durchaus schön, wenn der Bundestag Geld für die Berliner Kultur zur Verfügung stellt, oder?

Köhler: Das ist natürlich absolut begrüßenswert. Allerdings etwas zu beschließen, bei dem überhaupt noch nicht feststeht, wie denn überhaupt die Nutzung dann sein soll und mit welchen Tücken das vielleicht wieder begleitet ist, das halte ich für unklug. Und wir sehen, in welche Schwierigkeiten die Planer beim Wiederaufbau des Schlosses gestürzt sind, denn da stand der Beschluss des Wiederaufbaus vor einer Definition der Nutzung, und das ist immer ein bisschen schwierig, auch bei der Planung der Innenräume, bei eigentlich allen Details.

Schäfer-Noske: Erste Vorschläge für die inhaltliche Nutzung der Schinkelschen Bauakademie gibt es schon. So hat der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, ein Architekturmuseum vorgeschlagen. Was halten Sie von dieser Idee?

Köhler: Ein Architekturmuseum für Berlin ist sicherlich wünschenswert, zumal sich im Moment unterschiedliche Institutionen mit Baukultur befassen. Ob allerdings ein Wiederaufbau nach historischem Vorbild, also praktisch eine Attrappe eines Gebäudes, was im 19. Jahrhundert entstanden ist, der richtige Ort ist, um Architektur und Stadtplanung in die Zukunft zu denken, halte ich für ausgesprochen zweifelhaft.

"Mir schwebt ein zeitgenössischer Architekturentwurf vor"

Schäfer-Noske: Was soll denn Ihrer Meinung nach den Kern der neuen Bauakademie bilden?

Köhler: Ich würde hinter die Frage des Wiederaufbaus und der Rekonstruktion erst mal ein großes Fragezeichen machen. Die Mitte Berlins ist unglaublich wichtig und man wird unter Umständen in zehn, 20, 30 Jahren überhaupt nicht mehr unterscheiden können, ob das nun ein tatsächlich historisches Gebäude ist oder ein Fake. Und es ist ein Fake und ich denke, das ist wichtig, dass man das unterstreicht. Schinkel hat seinerzeit sehr revolutionär gedacht, hat in der Baukonstruktion neue Maßstäbe gesetzt, und deswegen schwebt mir da eindeutig ein zeitgenössischer Architekturentwurf vor, der an dieser Stelle entstehen sollte.

Schäfer-Noske: Und was sollte da dann reinkommen, so es mal dazu kommen sollte?

Köhler: Stadtentwicklung und Urbanismus sind große Themen in Berlin. Es war eine der wenigen Städte Deutschlands, die noch ganz viele Freiflächen hatte, und in den letzten Jahren erleben wir einen ungeahnten Boom mit allen Risiken und Tücken, die ein derartiger Boom mit sich bringt - von "gated communities", also abgeschotteten Wohngebieten für Wohlbetuchte, bis hin zu der Frage Mitte und Peripherie, was ereignet sich da eigentlich in der Hauptstadt, was passiert da mit bestimmten Bevölkerungsgruppen, wo leben die. Und ich denke, das sind die Fragen, die Urbanisten und Architekten in der Zukunft interessieren sollten, und das sollte ein Forum werden, wo genau so was verhandelt wird.

"Es gibt nichts mehr, was dort an dieser Stelle rekonstruiert werden könnte"

Schäfer-Noske: Sie gehen mit Ihrer Idee da in eine ähnliche Richtung wie die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und der Kunsthistoriker Dieter Nägelke. Die haben aber beide gesagt, sie könnten damit leben, wenn es diesen historischen Wiederaufbau gäbe, denn dann wäre ja die Bauakademie auch souverän genug, mit dieser historischen Referenz umzugehen. Könnten Sie sich dem anschließen?

Köhler: Nein - nein. Wir sehen jetzt am Wiederaufbau des Schlosses: Es ist ein Betonkern, der mit einer Fassade verblendet wird. Das entspricht so überhaupt gar nicht dem Geiste Schinkels. Allein diese Haltung der guten Stubenarchitektur, dass man neben diesen ganzen Rekonstruktionen im Zentrum der Stadt noch eine weitere hinzustellen will, das sehe ich als eine etwas verträumte Haltung an, die sich zurückträumt in eine Zeit der Unschuld, der vormodernen Unschuld vor den ganzen Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs. Es hat auch was mit einer gewissen Ableugnung von geschichtlichen Tatsachen zu tun. Das Gebäude ist verloren gegangen. Es ist stark zerstört worden. Ein Wiederaufbau zu DDR-Zeiten hat nicht stattgefunden. Und dann erfolgte ein kompletter Abriss. Das heißt, es gibt nichts mehr, was dort an dieser Stelle rekonstruiert werden könnte, und das ist eigentlich mein Hauptpunkt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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