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Wiedereröffnung des Musée de l'Homme
Nichts mehr von einem rassistischen Kuriositätenkabinett

Das Musée de l'Homme in Paris zeigt das vielleicht komplizierteste Ausstellungsobjekt überhaupt: den Menschen. Nach mehr als sechs Jahren Renovierungszeit und knapp 100 Millionen Euro an Kosten wurde es nun wiedereröffnet. Und es findet einen völlig anderen Ansatz im Umgang mit dem Thema.

Von Kathrin Hondl | 17.10.2015

    Die Galerie Büsten verschiedener Ethnien ist am 16.10.2015 im Museum des Menschen in Paris (Frankreich) zu sehen.
    Die Galerie Büsten verschiedener Ethnien ist am 16.10.2015 im Museum des Menschen in Paris (Frankreich) zu sehen. (picture alliance / dpa /Sabine Glaubitz)
    Die Geschichte des neuen Musée de l'homme begann mit einem Verlust. Das Museum verlor nämlich seine bedeutende ethnologische Sammlung an zwei neu gegründete Museen: das 2006 am gegenüberliegenden Seine-Ufer eröffnete Musée du Quai Branly und das Mucem, das Museum für die Kulturen Europas und des Mittelmeeraums in Marseille. Doch was die Wissenschaftler im Musée de l'homme zunächst schmerzte - und zu einem monatelangen Streik bewegte -, entpuppte sich als echte Chance, sagt Evelyne Heyer, die Kuratorin der neuen Dauerausstellung:
    "Die ethnologischen Visionen der 30er- und 50er-Jahre haben das Musée de l'homme verlassen. Aber nun haben wir eine neue ethnologische Sammlung aufgebaut rund um die Themen "Der Mensch und sein Körper" und "Der Mensch in der Natur"."
    Und das passt perfekt ins Ausstellungskonzept der neuen Galerie de l'homme. Denn während die Präsentation der Sammlung früher streng nach Disziplinen getrennt war – Ethnologie, Anthropologie, Biologie, Vorgeschichte - vereint die neue Dauerausstellung kulturelles, biologisches und prähistorisches Wissen über den Menschen zu einem komplexen Gesamtbild. Ein Bild – ein berühmtes Gemälde von Paul Gauguin - stand auch Pate für die drei großen Fragen, die die Ausstellung strukturieren.
    "Qui sommes-nous? D'où venons-nous? Où allons-nous?"
    "Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir?" Schnell wird klar, dass es auf die Frage nach der Natur des Menschen nicht eine simple Antwort gibt, auch, wenn seit jeher Philosophen und Naturwissenschaftler danach suchten. Ein Wesen aus Fleisch und Blut, sozial, vernunft- und sprachbegabt – all das ist der Mensch. Die Galerie de l'homme macht das mit teilweise spektakulären Objekten anschaulich: dem Totenschädel von Descartes zum Beispiel. Oder – ebenfalls das Original – dem Schädel eines Cro-Magnon-Menschen, des ersten Homo Sapiens. Rituelle Totenkultobjekte wiederum dokumentieren das menschliche Bewusstsein für die eigene Sterblichkeit.
    Beschäftigung mit dem Homo Sapiens
    Deutlich wird: Alle Menschen gehören zur gleichen Familie Homo Sapiens und haben zugleich eine immense kulturelle Vielfalt hervorgebracht. Die Ethnomusikologin Susanne Fürniss gehört zum Team der insgesamt 150 Wissenschaftler, die das Museum ständig beschäftigt.
    "Ein Beispiel, das ich persönlich aufgenommen habe, ist ein magisches Ritual, das die Baka-Pygmäen-Jäger schützen soll vor einer Elefantenjagd. Und daneben natürlich einen unausweichlichen Jodel aus dem Alpenraum. Murter Tal, Schweiz."
    Ebenso, wie die Vielfalt, wird auch die Gleichwertigkeit der Kulturen im neuen Musée de l'homme besonders betont.
    "Ich denke, das ist der Diskurs, den wir heute führen müssen. Wo die westliche Übermacht in der Welt eigentlich im Grunde sehr, sehr viel Rassismus produziert und kulturelle Diversität ganz an den Rand des Bewusstseins gleiten lässt. Ich denke, dass das unsere Aufgabe ist hier im Abendland, immer wieder darauf hinzuweisen, dass wir nicht die einzigen Bewohner dieser Welt sind. Die anderen sind zwar furchtbar exotisch, aber sie funktionieren genauso."
    Auch die Geschichte des Musée de l'homme hat übrigens ihre dunklen Kapitel, was westliche Überheblichkeit angeht. Noch bis 1981 wurde hier die sogenannte Hottentotten-Venus zur Schau gestellt, der präparierte Körper einer Afrikanerin. Erst 2002 gab Frankreich ihre sterblichen Reste nach Südafrika zurück.
    Hervorragend präsentierte Dauerausstellung
    Das neue Musée de l'homme hat nichts mehr von einem rassistischen Kuriositätenkabinett. Im Gegenteil: Die hervorragend präsentierte Dauerausstellung erinnert die Rassisten von heute daran, dass alle Menschen zu einer Familie gehören. Eine Familie, die allerdings Gefahr läuft, ihren kulturellen Reichtum und ihren Lebensraum zu zerstören.
    "Wohin gehen wir?" Die große Frage am Ende der Ausstellung bleibt unbeantwortet. Und vielleicht hatte Frankreichs Präsident Hollande ja die richtige Idee, als er bei der Museums-Eröffnung überlegte, die Teilnehmer der Pariser Weltklimakonferenz ins Musée de l'homme zu bringen: "Damit sie wissen, was sie zu tun haben."