Freitag, 30. September 2022

70 Jahre Luxemburger Abkommen
Warum „Wiedergutmachung“ der falsche Begriff ist

Was jüdischen Ohren wehtut, verwenden deutsche Regierungsbeamte als legitime Bezeichnung des eigenen Tuns, kommentiert Sebastian Engelbrecht. „Wiedergutmachung“ heute als Marke zu verwenden und darauf zu beharren, verrate einen Mangel an Sensibilität.

Ein Kommentar von Sebastian Engelbrecht | 18.09.2022

Christian Lindner (FDP), Bundenminister für Finanzen, spricht bei der Gedenkveranstaltung "70 Jahre Luxemburger Abkommen" im Jüdischen Museum in Anwesenheit von Vertretern des Staates Israel und der Conference on Jewish Material Claims Against Germany (Claims Conference). In dem Abkommen wurde 1952 eine Wiedergutmachung zwischen Deutschland auf der einen und dem Staat Israel und deer Jewish Claims Conference auf der anderen Seite geregelt.
Gedenkveranstaltung "70 Jahre Luxemburger Abkommen" (picture alliance / dpa / Carsten Koall)
Die Veranstaltung im Berliner Jüdischen Museum war ein Moment des gemeinsamen Erinnerns und der gegenseitigen Würdigung. Die Regierungen der Bundesrepublik und Israels und die Jewish Claims Conference gedachten am Donnerstag der Unterzeichnung des Luxemburger Abkommens vor 70 Jahren. Am 10. September 1952 hatte sich Deutschland zu Entschädigungszahlungen und Warenlieferungen in Milliardenhöhe verpflichtet, vor allem zur Ansiedlung jüdischer Flüchtlinge in Israel und auch außerhalb Israels. Als „einzigartig“ bezeichnete es Stuart Eizenstat, Chefunterhändler der Claims Conference, wie Deutschland über 70 Jahre hinweg kontinuierlich seine Verantwortung für die Überlebenden des Holocaust wahrgenommen habe.
An einem Punkt aber endete die feierliche Eintracht. Gideon Taylor, Präsident der Claims Conference, sagte, die deutsche Regierung spreche von „Wiedergutmachung“. „Wir nicht“, fügte Taylor hinzu. Die Jewish Claims Conference glaube nicht, dass nach dem Morden und Leiden der Shoah irgendetwas wiederhergestellt werden könne.

Neun Kreise, in drei Reihen übereinandergestapelt

Es ist ungewöhnlich, dass bei einem offiziellen Anlass wie diesem ein Dissens so offen ausgesprochen wird – in Anwesenheit des Bundeskanzlers, des Bundesfinanzministers und der israelischen Ministerin für soziale Gleichberechtigung. Die Worte der jüdischen Vertreter – „wir nicht“ – offenbaren, dass trotz aller partnerschaftlichen Beziehungen der Abgrund der Shoah immer noch zwischen den Verhandlungspartnern klafft. Vor 70 Jahren, erinnerte Kanzler Scholz, sei bei der 13-minütigen Unterzeichnungszeremonie kein einziges Wort gesprochen worden. Aus dem Schweigen entwickelten sich im Laufe der Jahrzehnte Gespräche. Aber im Umgang mit einem zentralen Wort herrscht immer noch keine Einigkeit.
Wiedergutmachungsabkommen zwischen Israel und Deutschland
Am Morgen des 10. September 1952 wurde im kleinen Empfangssaal des Luxemburger Stadthauses das deutsch-israelische Wiedergutmachungsabkommen von Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem israelischen AuÃenminister Moshe Sharett unterzeichnet. (picture-alliance / dpa / dpa)
Es ist merkwürdig, dass das Bundesfinanzministerium das Wort „Wiedergutmachung“ in seiner Öffentlichkeitskampagne weiter offensiv verwendet, ja, es zur Marke erhebt. Seit dem Frühjahr wirbt das Ministerium mit einem Logo für die Entschädigungsleistungen, die Deutschland seit 70 Jahren zahlt: Neun Kreise, in drei Reihen übereinandergestapelt. Zwei äußere Kreise sehen aus wie Sprechblasen, daneben steht „Wiedergut-Machung“. Zugleich betont das Ministerium, sei es in einem Video auf seiner Webseite, sei es durch die Rede des Ministers Christian Lindner, dass der Holocaust nicht wiedergutzumachen sei.

Nur verwendbar, wenn es erläutert und relativiert wird

Warum aber beharrt das Finanzministerium auf einem Wort, das nur verwendbar ist, wenn es erläutert und relativiert wird? Es ist ganz offenkundig nicht geeignet, das Gemeinte auszusagen. Anfang der 50er Jahre, in einem Klima der Verdrängung der historischen Schuld, stand der Begriff in Deutschland für den Versuch, zu sühnen. Er stand für die Absicht, die deutsche Schuld zu bekennen, die deutschen Verbrechen ehrlich zu benennen. Und er stand für die moralische Aufgabe, vor der die Deutschen standen: sich nämlich dieser Schuld zu stellen.
Heute dagegen, 77 Jahre nach dem Ende der Shoah, nach fast acht Jahrzehnten der historischen Auseinandersetzung, wirkt das Wort „Wiedergutmachung“ wie eine Verzerrung des Gemeinten. Die Rückerstattungen, Renten und sonstigen Zahlungen, die materiellen Lieferungen, die Deutschland seither geleistet hat, sind in erster Linie Entschädigungen für die Entrechtung, Enteignung, Vertreibung, Verfolgung und Ermordung von Juden durch das NS-Regime. Sie sind auch Anerkennungen der Schuld – und Bekenntnisse, dass das Leid der Opfer und ihrer Angehörigen nicht vergessen ist.
Das Wort „Wiedergutmachung“ hat eine lange Geschichte hinter sich. Heute hat es ausgedient, weil es – wörtlich genommen – unverständlich geworden ist. Deshalb sollte das Bundesfinanzministerium darauf verzichten. Die Aversion der Jewish Claims Conference gegen die Vokabel zeigt, wie weit die Nachfahren von Tätern und Opfern immer noch voneinander entfernt sind. Was in jüdischen Ohren wehtut, verwenden deutsche Regierungsbeamte als legitime Bezeichnung des eigenen Tuns. Nur: „Wiedergutmachung“ heute als Marke zu verwenden und auf der Verwendung des Wortes zu beharren, verrät einen Mangel an Sensibilität. Wie muss das Wort klingen für den, der um einen nahen, lieben Menschen trauert?
Deutsche Behörden wie das Bundesfinanzministerium leisten Entschädigungszahlungen. Sie werden um so mehr bewirken, wenn sie von verantwortlichem Mitgefühl begleitet sind.