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StartseiteEssay und DiskursWiederkehr der Religion?10.09.2006

Wiederkehr der Religion?

5. Der Philosoph Jean Luc Nancy im Gespräch

Man spricht wieder über Religion. Das zeigen nicht nur der Medienrummel um das Sterben von Papst Johannes Paul II. und die Faszinationskraft von Benedikt XVI., das zeigen ebenso die Popularität von Autoren wie Paulo Coelho oder Eric Emmanuel Schmitt, aber auch die philosophischen Bücher von Richard Rorty oder Jürgen Habermas. Im Innern der westlichen Gesellschaft gärt ein neues Bedürfnis nach Frömmigkeit und metaphysischer Verortung, das von den Kirchen alleine nicht mehr befriedigt wird. Esoterik, Sektenwesen, aber auch die Konjunktur der Ersatzreligionen (Sport, Medien, Sex) verweisen auf die anthropologische Konstanz religiöser Bedürfnisse.

Eine Gesprächsreihe von Jochen Rack

Religion ist wieder zum Thema geworden. (AP)
Religion ist wieder zum Thema geworden. (AP)

So markiert die neue Aktualität der Gretchenfrage einen Bruch mit dem linksliberalen Kulturverständnis der 68er, die im Namen der Emanzipation Religion als Opium des Volkes verächtlich gemacht haben. Inzwischen will Habermas religiöse Überzeugungen "nicht schlechthin irrational" nennen und fordert für die "postsäkulare Gesellschaft" eine Lernbereitschaft gegenüber den in der Religion "verkapselten" ethischen Bedeutungspotentialen.

Nicht zuletzt erfährt die aufgeklärte säkulare Kultur des Westens die Herausforderung durch die Religion in Form des Islam. Es gibt, so Botho Strauß, "die Chance der Inspiration und der indirekten Beeinflussung, die von der unmittelbaren Nähe einer fremden und gegnerischen sakralen Potenz herrührt." Der so genannte Karikaturen- und Kopftuchstreit, die Diskussionen um das Kruzifixurteil und den Religionsunterricht an deutschen Schulen, aber auch der neue christliche Fundamentalismus in Amerika - man denke an die "Kreationisten" - stellen die Frage nach den verdrängten religiösen Grundlagen der rationalen Zivilisation und den Grenzen des Dialogs im drohenden Kampf der Kulturen. "Die Religionskritik muss einen zweiten Durchgang machen, weit hinein in die Frühgeschichte und Ethnologie, aber auch in die Neurophysiologie und Psychoanalyse, um nicht beim platten Atheismus stehenzubleiben." (Christoph Türcke)

Literatur

Kurt Flasch
Meister Eckhart, München 2006
Ders.: Nicolaus Cusanus, München 2001
Ders.: Das philosophische Denken im Mittelalter, Stuttgart 1986
Ders.: Philosophie hat Geschichte, Frankfurt 2003 und 2005

Christoph Türcke:
Gott - inexistent, aber unabweisbar; in Merkur Nr.605/606, 1999
Ders.: Fundamentalismus - maskierter Nihilismus, Springe 2003
Ders.: Der Markt hat´s gegeben, der Markt hat´s genommen; in: Literaturen 12/05

Gianni Vattimo/ Richard Rorty:
Die Zukunft der Religion, Frankfurt 2006
Gianni Vattimo: Jenseits des Christentums, München 2004
Gianni Vattimo/ Jacques Derrida: Die Religion, Frankfurt 2001

Hans Joas:
Braucht der Mensch Religion? Freiburg 2004

Jean-Luc Nancy:
La Déclosion (Deconstruction du christianisme), Paris 2005

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