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StartseiteComputer und KommunikationAutoren und Nachwuchs gesucht17.09.2016

WikipediaAutoren und Nachwuchs gesucht

In Kornwestheim bei Stuttgart treffen sich an diesem Wochenende die deutschsprachigen Wikipedia-Autoren. Und diesmal ist es eine etwas größere Veranstaltung als in früheren Jahren. Denn in diesem Jahr ist nicht nur der harte Kern der Artikel-Schreiber zur WikiCon eingeladen, sondern auch Wikipedia-Leser sollten kommen. Und das hat Gründe.

Achim Killer im Gespräch mit Manfred Kloiber

Kissen mit "Wikipedia"-Schriftzug auf einem grauen Sofa in den Räumen von Wikimedia Deutschland in Berlin (picture alliance / dpa / Alexandra Stober)
Keine Zeit zum Ausruhen: Ein Kissen mit "Wikipedia"-Schriftzug in den Räumen von Wikimedia Deutschland in Berlin (picture alliance / dpa / Alexandra Stober)
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Manfred Kloiber: Auch mein Kollege Achim Killer war bei der WikiCon und sitzt nun in Stuttgart im Studio. Achim, worüber wurde und wird denn zur Zeit diskutiert in Kornwestheim?

Achim Killer: Übers Gleiche wie im letzten Jahr in Dresden, Manfred. Übers Gleiche, nicht übers Selbe. Drei Themen sind es ja, die seit Jahren die Diskussion bestimmen - in verschiedener Form und aus unterschiedlichen konkreten Anlässen. Es gibt jeweils neue Technologien, die eingeführt werden. Die machen manchmal Probleme, manchmal nicht. Immer droht der freien Enzyklopädie irgendwelcher Ärger mit dem Urheberrecht. Und ein Problem der Wikipedianer ist auch, dass sie eigentlich zu wenige sind für so ein gewaltiges Projekt. Es sind ja allein in der deutschen Ausgabe zwei Millionen Artikel, die gepflegt werden wollen.

Kloiber: Und welches Problem ist das größte?

Killer: Eindeutig Letzteres. Deswegen auch die Öffnung der Veranstaltung für die Öffentlichkeit. Forum freies Wissen nennt sich das. Und für die Gruppe der Jung-Wikipedianer - das sind 14- bis 18-jährige Autoren - da gibt es ein eigenes Programm. Es wird also um Autoren und Nachwuchs geworben. Mir haben zwei Jung-Wikipedianer erzählt, was sie motiviert mitzumachen.

"Also ich war in Brüssel im Urlaub. Und da ich mich so für Straßenbahnen interessiere und dann halt gemerkt habe, dass da viele Sachen fehlen, hab ich ein bisschen was ergänzt. Und dann hat man, wenn man später mal im Urlaub war, wieder was gefunden. Und so hab ich mein Thema gefunden. Also ich schreib immer über Straßenbahnen, neue Linien, neue Fahrzeuge und so was alles."

"Ich bin durch mein Vater zu Wikipedia gekommen. Er ist auch Autor. Er hat mir von einem Projekt damals erzählt, das ganz interessant klang. Das war ein Fotoprojekt im Landtag von Schwerin. Dann hab ich da mal mitgemacht und es hat mir sehr gut gefallen ... und bin dann auch zum Schreiben gekommen. Und seitdem bin ich bei Wikipedia."

Kloiber: So kann es gehen. Und schon ist man Wikipedianerin oder Wikipedianer. Das hört sich doch eigentlich vielversprechend an. Oder?

Die Frustrierten kommen erst gar nicht

Killer: Schon. Aber die, die frustriert sind, die gehen ja erst gar nicht hin, zur Wikicon. Und die, die sich aus der Community zurückziehen, sind derzeit wohl mehr als die, die neu dazu kommen. Zwei Millionen Artikel pflegen, erweitern und neue schreiben, das wird im Wesentlichen von 6.000 Autoren erledigt. Tendenz: fallend.

Kloiber: Woran liegt es? Was meinen Sie, Achim?

Killer: Das hab ich Lukas Mezger gefragt, einen sehr aktiven Wikipedianer, der auch im Präsidium des Trägervereins, des Wikimedia e.V. sitzt. Der hat das sehr anschaulich formuliert: 

"Wikipedia ist ein Projekt, bei dem es um Wissen geht. Natürlich versammeln sich da auch die Besserwisser und wissen es besser als der jeweils andere. Darüber hinaus handelt es sich bei Wikipedia auch um eine anonyme Online-Community. Und damit sind wir mit dem Problem nicht alleine. Das hat jede Community im gesamten Netz. Wenn die Menschen anonym im Netz aufeinandertreffen, dann wird der Ton leider sehr schnell rau."

Killer: Ja, und genau das macht ein Online-Lexikon aus. Es geht um Wissen und steht Online, im Netz. Der belehrende, besserwissende Ton mancher Wikipedianer, der scheint mir das größte Problem dieses Projekts zu sein. 

Kloiber: Kommen wir zur Technik, zur Informationstechnik. Die erhöht auch mitunter auch die Produktivität von Lexikon-Autoren. Wikidata beispielsweise, ein großes Wikipedia-Projekt in der jüngeren Vergangenheit, eine einheitliche Datenbank für die verschiedenen nationalen Ausgaben. Gibt's da etwas Neues, das vergleichbar wäre?

Bots sollen keine Artikel schreiben

Killer: Nee. Einige nationale Communitys lassen Bots schreiben. Die Schweden beispielsweise. Die schwedische Ausgabe umfasst erstaunlich viele Artikel. Und die meisten stammen von Bots. Das haben die deutschsprachigen Wikipedianer abgelehnt. Raimond Spekking hat mir erklärt, warum. Der ist mit der Software befasst, die Wikipedia einsetzt:

"Die deutschsprachige Wikipedia  hat gesagt, oder die Community hat gesagt: Wir wollen das nicht. Die Qualität reicht uns nicht aus. Im Prinzip basieren Bot-basierte Artikel auf Daten. Ich kann einen Artikel schreiben: Wir sind heute in Kornwestheim. Und das wäre dann: Kornwestheim, eine Stadt im Landkreis Ludwigsburg, Baden-Württemberg, Deutschland und hat 33.100 Einwohner. Das wär's aber auch so ungefähr. Vielleicht noch zwei, drei andere Daten kann man in eine natürliche Sprache bringen. Das ist Information. Aber das Wissen, enzyklopädische Wissen, entsteht eben dadurch, dass ein Mensch die Literatur auswertet, dass der Mensch guckt: Wie ist Kornwestheim entstanden? Wie alt ist Kornwestheim? Gab es hier irgendwelche Aufstände? Kriege? Wie hat es sich entwickelt? Wie hat die Wirtschaft sich entwickelt? Welche Abhängigkeiten bestehen zu Ludwigsburg? (Oder wir sind hier im Stuttgarter Raum?) All diese Verflechtungen, die kann ein Bot, ein Programm, nicht erfassen und nicht darstellen. Deswegen: ein Mensch."

Killer: Also da sieht man halt wieder, wie eng die Grenzen sind, die Bots derzeit gezogen sind. Die funktionieren vielleicht im Marketing, bei Chats in sozialen Medien oder als Ersatz für ein User-Interface. Aber wenn es um etwas wirklich Anspruchsvolles geht wie Wissen, da stoßen sie sehr schnell an ihre Grenzen. Es gibt übrigens noch eine andere Methode, um schnell Wikipedia-Seiten zu erstellen. Die wird in der deutschen Ausgabe allerdings auch nicht genutzt. So eine ohne viel Arbeit erstellte Seite besteht dann aus einer Art Datenbankauszug aus der angesprochenen Wikidata: 

"Wikidata erstellt auf Wunsch für wenig gesprochene Sprachen sogenannte Platzhalter-Seiten. Das sind keine richtigen Artikel. Das sind keine geschriebenen Sätze, sondern, die zu einem Objekt in Wikidata stehen, werden in eine tabellarische Form gebracht, eine übersichtliche Form, um wenigstens in der Sprache des jeweiligen Benutzers anzuzeigen: Wann ist eine Person geboren? Wo ist sie geboren? Welchen Beruf übt sie aus? In welchem Landkreis liegt eine Stadt?"

Kloiber: Sie haben das Urheberrecht angesprochen. Da macht sich Wikipedia ja für die Panorama-Freiheit stark, also für das Recht beispielsweise ein öffentliches Kunstwerk abzubilden. Wie sieht es damit aus?

Killer: Also, Gefahr für die Panoramafreiheit besteht derzeit wohl eher nicht. In den meisten Ländern darf man fotografieren, was öffentlich ist, und die Bilder dann auch publizieren. Und darauf ist Wikipedia ja auch stark angewiesen. Es gibt Einschränkungen in einigen Ländern wie in Frankreich. Andere wie Belgien haben sie jetzt eingeführt. Und eine EU-weite Regelung, die die Panorama-Freiheit einschränken würde - das war ja damals der Anlass für die große Wikipedia-Kampagne zugunsten der Panorama-Freiheit - die steht nicht mehr an.

Kloiber: Also alles in Butter?

Wieder ein Streit über geistiges Eigentumsrecht

Killer: Nee, es gibt jemanden Neuen, der ein geistiges Eigentumsrecht geltend zu machen versucht, das für Wikipedia gefährlich werden könnte. Da gibt's ja viele Reproduktionen von Gemälden drin. Der Künstler ist meist schon lange tot. Das Urheberrecht abgelaufen. Viele digitale Fotos von Gemälden bekommt Wikipedia von Museen geliefert. Die freuen sich, wenn ihre Sammlung auch da ausgestellt wird. Manche Gemälde werden von Wikipedianern im Museum angeknipst. Das ist meist nicht so schön. Außerdem herrscht da auch oft Fotografier-Verbot. Deshalb werden manche Bilder auch aus Katalogen abfotografiert. Und da ist jetzt ein Mannheimer Museum der Ansicht: Das geht nicht. Es dreht sich um ein Gemälde aus dem 19. Jahrhundert, das Richard Wagner zeigt. Der Maler ist tot. Wagner ist tot. Aber das Museum ist der Ansicht, dass das Gemälde nur von ihm gezeigt werden darf, weil es ein Museumsangestellter war, der es abfotografiert hat. Bei Wikipedia sieht man das natürlich anders:

"Wir sind der Auffassung, dass Reproduktionsfotografien gar nicht schutzfähig sind, dass wir deswegen diese Reproduktionsfotografien nutzen können, um zum Beispiel in der koreanischen Wikipedia den Wikipedia-Artikel über Richard Wagner zu illustrieren und damit Menschen auf der ganzen Welt deutsches Kulturgut näherzubringen."

Killer: Ja, der Wikipedianer, der das Bild hochgeladen hat, ist abgemahnt worden. Wikimedia ist abgemahnt worden. Es gab schon einen Prozess, den hat Wikimedia verloren. Das geht jetzt in die nächste Instanz. Das ist ein großes Problem. Wikipedia würde anders aussehen ohne Gemälde-Fotografien. Es ist halt einfach blöd, wenn man was über bildende Kunst erfahren will und sieht keine Bilder.

Kloiber: Ist das existenzgefährdend für Wikipedia?

Killer: Eher nicht. Fragen des geistigen Eigentums haben weder Linux noch Wikipedia jemals ernsthaft gefährdet. Größer ist schon das Problem mit dem Autorenmangel.

Kloiber: Achim Killer berichtete über die WikiCon, das Treffen der deutschsprachigen Wikipedia-Autoren, dieses Wochenende in Kornwestheim bei Stuttgart, vielen Dank. 

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