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StartseiteInterviewWildangel: Bei den Palästinensern ist die Überraschung nicht sehr groß07.11.2013

Wildangel: Bei den Palästinensern ist die Überraschung nicht sehr groß

Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah über die Reaktionen auf das neue Obduktionsergebnis von Arafat

Für die meisten Palästinenser sei ohnehin klar, dass ihr früherer Präsident Jassir Arafat ermordet worden sei, sagt René Wildangel, Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah. Eine offizielle Schuldzuweisung an Israel gebe es jedoch nicht.

René Wildangel im Gespräch mit Christoph Heinemann

Jassir Arafat im Kreise seiner tunesischen, jordanischen und ägyptischen Ärzte am 28. Oktober 2004 (AP)
Jassir Arafat im Kreise seiner tunesischen, jordanischen und ägyptischen Ärzte am 28. Oktober 2004 (AP)
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Christoph Heinemann: Wir sind mit René Wildangel verbunden, dem Leiter der Heinrich Böll Stiftung in Ramallah. Wir wollen sprechen über die Erkenntnisse Schweizer Ärzte, die laut dem Fernsehsender Al-Dschasira nachgewiesen haben, dass Jassir Arafat mit dem radioaktiven Element Polonium ermordet wurde. Guten Morgen, Herr Wildangel.

René Wildangel: Schönen guten Morgen, Herr Heinemann!

Heinemann: Hat diese Nachricht bei Ihnen in Ramallah überrascht?

Wildangel: Ja, das ist eigentlich ganz interessant. Das ist ja jetzt in den internationalen Medien sehr prominent, während hier in Ramallah, glaube ich, die Überraschung sich in sehr engen Grenzen hält. Ich gehe davon aus, dass die meisten Palästinenser sowieso davon ausgegangen sind, dass Arafat ermordet wurde, auch wenn es dafür keine Beweise gibt. Auch dieser Bericht beweist das ja nicht, von daher ist die Überraschung hier nicht sehr groß und es ist auch bisher nicht so das ganz große Thema. Ich habe heute Morgen die palästinensische Version des "Morgenmagazins" geschaut. Da war das erste Thema der 11. augenmedizinische Kongress in Palästina. Also es wurde nicht aufgemacht mit dieser Nachricht. Es ist nicht so das Thema, was die Palästinenser bewegt, nicht weil sie Arafat, diese wichtige Gestalt der Palästinenser, nicht bewegt, sondern man dieses Thema schon lange hier kennt und von dieser Nachricht nicht sehr überrascht ist.

Heinemann: Ist das mit den Schuldzuweisungen so einfach? Sagen die Palästinenser uni sono, das kann nur Israel gewesen sein?

Wildangel: Na ja, auch das ist interessant. Bisher gibt es keine offizielle Schuldzuweisung. Ich hatte noch mal mit einem Sprecher der PLO gesprochen und da wurde sehr vorsichtig reagiert. Man hat gesagt, wir wollen erst mal abwarten, bis der offizielle Bericht herauskommt, denn bisher ist ja nur dieser Bericht an die Witwe übergeben worden und er ist noch nicht der Öffentlichkeit zugänglich und wohl auch nicht der palästinensischen Autorität hier vor Ort. Da ist man sehr vorsichtig und man hat auch ausdrücklich gesagt, man wird hier keine Propagandaschlacht beginnen.

Ich glaube, da denken die Palästinenser, dass es derzeit für sie viel wichtigere Themen gibt und dass man hiermit nur verlieren kann, und man überlegt möglicherweise, wenn dieser Bericht vorliegt, ein offizielles internationales Gerichtsverfahren anzustreben, aber man ist sehr zurückhaltend, was Schuldzuweisungen gegenüber Israel betrifft, jedenfalls offiziell. Das heißt nicht, dass es viele Palästinenser trotzdem nicht gibt, die davon sehr überzeugt sind. Und ganz abwegig – das muss man natürlich auch dazu sagen – ist diese Theorie nicht, wenn man sich noch mal in den November 2004, als Arafat gestorben ist, zurückversetzt, denn das waren ja die Tage der zweiten Intifada, einem regelrechten Krieg zwischen der palästinensischen Autorität und Israel und da war am Ende Arafat belagert in seinem Präsidentenpalast, umstellt von der israelischen Armee. So abwegig zumindest aus Sicht der meisten Palästinenser ist das nicht. Aber nochmals: Es gibt keinen Beweis, auch durch diesen Bericht nicht.

Heinemann: Andererseits war ja Arafats Politik auch aufseiten der Palästinenser hoch umstritten. Wer hätte denn im Palästinenser-Lager Interesse an einem vorzeitigen Ableben des Präsidenten haben können?

Wildangel: Na ja, ich glaube, das bringt wenig, da Spekulationen anzustellen. Fest steht – und das hat auch die Witwe von Arafat jetzt noch mal gesagt -, dass er viele Feinde hatte, und Israel gehörte dazu. Innenpolitische Gegner gehörten auch dazu, islamistische Kräfte beispielsweise, innenpolitische Rivalen. Aber durch diesen Bericht, der jetzt veröffentlicht wurde, kann man natürlich nicht viel mehr machen, als wirklich wilde Spekulationen zu beginnen, und das ist, glaube ich, auch aus der Sicht der meisten Palästinenser wenig fruchtbar und von daher ist das jetzt hier zwar ein Thema, weil Arafat eine wichtige Person ist für die Palästinenser und sich ja jetzt auch zum neunten Mal sein Todestag wiederholt im November, und das wird schon bedacht bei den Palästinensern, aber andererseits hat man viele aktuelle Themen. Man hat die Verhandlungen mit Israel, man hat hier eine schwierige wirtschaftliche Situation, man ist sehr frustriert von dem fehlenden Fortschritt bei den Verhandlungen. Es gibt viele Themen, die die Palästinenser, glaube ich, mehr bewegen als jetzt die Spekulationen, wer könnte denn damals möglicherweise Arafat umgebracht haben.

Heinemann: Herr Wildangel, rechnen Sie damit, dass dieses Obduktionsergebnis politisch missbraucht werden wird, dass diejenigen, die mit dem Friedensprozess sowieso nichts anfangen können, diese Meldung jetzt instrumentalisieren werden?

Wildangel: Ich glaube es eigentlich weniger, wie ich eben schon gesagt habe. Die PLO selber ist sehr zurückhaltend. Israel hat gleich klar gemacht, dass man diesem Bericht eigentlich keine Bedeutung schenkt. Das heißt, die beiden Hauptparteien, die derzeit verhandeln unter der Führung von dem amerikanischen Außenminister Kerry, die werden damit weitermachen.

Heinemann: Es gibt aber bei den Palästinensern auch den Hamas-Flügel.

Wildangel: Das stimmt. Aber Hamas hat ja nie diesen Verhandlungen zugestimmt und ist sowieso dagegen, so wie übrigens auch viele Palästinenser mittlerweile in der Westbank. Abbas ist ein ganz schwacher Präsident, viele kritisieren ihn hart dafür, dass er weiter diese Verhandlungen fortführt. Gestern war ja Kerry hier in Bethlehem, hat Gespräche geführt. Er war begrüßt worden mit der Ankündigung der israelischen Regierung, dass 3500 Wohnungen in Siedlungen gebaut würden, und das ist ein Thema, wo viele Palästinenser sagen, wir sollten nicht mehr verhandeln, das ist politisch für uns unklug. Ich glaube nicht, dass da jetzt das Thema Obduktionsbericht Arafat eine große Rolle spielen wird oder instrumentalisiert wird, weil die Kritik an diesen Verhandlungen und am Friedensprozess, die ist riesig, weil viele Palästinenser nicht sehen, dass sie aus diesen Verhandlungen mit einem Erfolg herauskommen. Ich glaube nicht, dass das Thema Arafat da eine große Rolle spielen wird.

Heinemann: Was lernen Schülerinnen und Schüler im Westjordanland oder im Gazastreifen heute über Jassir Arafat?

Wildangel: Das ist eine gute Frage, die ich Ihnen so genau nicht beantworten kann. Dann müsste ich selber mal in die Geschichtsbücher genau reingucken. Klar ist, dass Arafat natürlich die einende Figur bis heute der Palästinenser ist. Ich habe es eben schon angesprochen: Abbas ist sehr geschwächt. Wir haben jetzt auch eine Spaltung zwischen dem Gazastreifen und der Westbank. Und Abbas (gemeint ist Arafat, Anm. der Redaktion) steht für diese alte Zeit der Palästinenser, als man geeint war, auf die man sicher auch etwas überhöht zurückschaut, auch auf die gesamte Geschichte Arafats, seine alte Kampfzeit bis hin dann zu dem Beginn des Friedensprozesses 1993. Ich denke, dass auch darüber palästinensische Jugendliche und Kinder eine Menge lernen. Klar ist auch, dass Arafat hier eine Vaterfigur ist, dass er in gewisser Weise auch verehrt wird. Auch davon wird sicher ein Schuss in diesen Unterrichtsmaterialien zu finden sein.

Heinemann: René Wildangel, der Leiter des Büros der Heinrich Böll Stiftung in Ramallah. Danke schön für das Gespräch und auf Wiederhören.

Wildangel: Danke und tschüß!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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