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StartseiteBüchermarkt"Einen größeren Pechvogel als den Frauenmörder Honka hat es nicht gegeben"21.09.2016

Wilhelm-Raabe-Preis für Heinz Strunk"Einen größeren Pechvogel als den Frauenmörder Honka hat es nicht gegeben"

Der Hamburger Schriftsteller, Musiker und Schauspieler Heinz Strunk erhält den diesjährigen Wilhelm-Raabe-Literaturpreis für seinen Roman "Der goldene Handschuh". Darin geht es um den Frauenmörder Fritz Honka, den es wirklich gab. Zu einer Karriere als Musiker habe es bei ihm nicht gereicht, als Schriftsteller aber habe er eine gewisse Originalität, sagte Strunk im DLF.

Heinz Strunk im Gespräch mit Tanya Lieske

Heinz Strunk bei der Präsentation seines Romans "Der goldene Handschuh" auf der Leipziger Buchmesse. (Imago)
Heinz Strunk bei der Präsentation seines Romans "Der goldene Handschuh" auf der Leipziger Buchmesse. (Imago)
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Tanya Lieske: Herr Strunk, hinter Ihrem Namen tauchen immer ganz viele Bezeichnungen auf: Entertainer, Musiker, Kandidat einer Partei namens "Die Partei" und eben auch Autor. Welche Berufsbezeichnung ist Ihnen denn eigentlich die liebste?

Heinz Strunk: Ich hatte mich mal mit mir selber auf die Formulierung Kunst- und Kulturschaffender mit Schwerpunkt Humor geeinigt. Das inkludiert diese ganzen unterschiedlichen Dinge, die Sie eben genannt haben. Eigentlich bin ich ein Musiker, und jetzt in erster Linie Schriftsteller, auch Autor, wie immer man auch will, und im Nebenberuf dann noch Schauspieler.

20 Jahre erfolglosen Schaffens

Lieske: Autor sind Sie seit 2004, und Ihren Anfängen darf man durchaus viel Humor bescheinigen. "Fleisch ist mein Gemüse" hieß Ihr Debüt. Darin tourt ein ambitionierter Musiker mit einer eher drittklassigen Tanzkapelle durch die norddeutsche Provinz. Das Buch, habe ich mir sagen lassen, hat sich fast eine halbe Million mal verkauft. Was hat sich denn danach für Sie verändert?

Strunk: Na ja, ich habe ja nun 20 Jahre mehr oder weniger erfolglosen Schaffens hinter mir, und es war der erste messbare Verkaufserfolg. Und dann hat sich so mein Leben neu geordnet. Das war auch das erste Mal, dass ich dann im nennenswerten Umfang Geld verdient habe.

Lieske: Acht Romane haben Sie insgesamt geschrieben. Den Wilhelm-Raabe-Preis des Deutschlandfunks bekommen Sie für Ihren Roman "Der goldene Handschuh". Das ist jetzt ein Roman mit einer ganz anderen Tonlage, auch einem ganz anderen Sujet. Es geht um den Frauenmörder Fritz Honka, den gab es wirklich. Zwischen 1970 und 1975 hat er vier Frauen umgebracht, Körperteile in seiner Wohnung aufbewahrt. Der erste Roman, der ganz fiktiv ist, der also – nehmen wir stark an – keine autobiografischen Bestandteile hat. Was gab denn für Sie den Anstoß, diesen Roman zu schreiben?

Strunk: Zum einen, dass das Biografische, was meine vorherigen Bücher geprägt hat, auserzählt war weitgehend. Und das andere der sportliche Grund einer Veränderung. Also in dem Fall ist es ja kein fiktionaler Roman, sondern eher ein Tatsachenroman, würde ich mal sagen, und das war auch jetzt, glaube ich, für die Leser langsam langweilig, immer nur Geschichten aus irgendeinem Lebensabschnitt von Heinz Strunk zu lesen. Außerdem bedarf es für ein solches Buch eines anderen sprachlichen Instrumentariums. Ich habe mich ja da schrittweise rangearbeitet. Also schon meine vorherigen Bücher waren ja literarischer vielleicht als der Erstling, den man ja, ich würde mal denken, so in dem Bereich Popliteratur eingeordnet hat.

Titelgebend: 24-Stunden-Kneipe auf der Reeperbahn

Lieske: Wofür steht der Titel "Der goldene Handschuh"?

Strunk: Das ist die gleichnamige 24-Stunden-Kneipe auf der Reeperbahn, in der Fritz Honka seine sämtlichen Opfer kennengelernt hat.

Lieske: Sie werten in diesem Roman nicht. Sie geben keine Erklärung, keinen Trost. Sie steigen auch nicht nennenswert in die Psyche dieses Mörders Fritz Honka ein. Was haben Sie von Fritz Honka verstanden?

Strunk: Es geht darum, wie es dazu kommen konnte, dass dieses, wie Peggy Parnass gesagt hat, dieses ärmste Würstchen auf Erden, auch noch das Pech haben konnte, zum Mörder zu werden – so lautet die Formulierung, und die finde ich sehr passend. Also ich würde mal denken, dass es einen größeren Pechvogel als Honka nicht gegeben hat: ein durchgeknechtetes Menschlein, der eben aufgrund unglücklichster Umstände zum Mörder wurde.

Lieske: Sie haben mal gesagt, dass Charles Bukowski eines Ihrer Vorbilder ist. War Ihnen vor diesem Preis auch der Braunschweiger Autor Wilhelm Karl Raabe schon mal begegnet?

Strunk: Nee, tatsächlich nicht. Ich werde jetzt irgendwie schon aus Gründen, dass ich da meine kleine Rede bestücke, werde ich mich mal damit beschäftigen, aber der war mir tatsächlich, also namentlich bekannt, aber nicht inhaltlich.

"Zu einer Karriere als Musiker hat es nicht gereicht"

Lieske: Sie sind, Herr Strunk, 1962 in Norddeutschland geboren, Comedian, Entertainer, Autor – das alles war schon gesagt –, Sie haben aber auch klassische Musik gelernt, Sie können Saxophon und Querflöte spielen. Ein gewisses Understatement oder eine gewisse Bescheidenheit habe ich bei Ihnen schon rausgehört. Was sagen Sie den Menschen, die Sie für über die Maßen begabt halten?

Strunk: Was soll man da sagen. Ich bin als Musiker durchaus talentiert, aber zu einer Karriere hätte es nicht gereicht, hat es ja auch nicht gereicht. Und deswegen bin ich ja denn doch relativ spät, also mit 30 habe ich mich dann dazu entschlossen, die Musik an den Nagel zu hängen und dann zuerst, sagen wir mal, dem Humor zuzuwenden. Wobei das irgendwie ganz klar – das betone ich auch immer gerne wieder – mit Comedy nichts zu tun hat, sondern sich eher orientiert an der neuen Frankfurter Schule. Ich lese jetzt schon seit Beginn die "Titanic", das ist sozusagen eine einsame Insel des Humors irgendwie, die ich nach wie vor sehr unterstütze, und ich habe ja mittlerweile auch meine Kolumne. Und nachdem ich dann zehn Jahre Humorist war, und das eben auch nur mit bescheidenem Erfolg, habe ich mich dann noch mal neu orientiert und bin zum Schreiben gekommen und glaube, dass ich da tatsächlich eine gewisse Originalität habe.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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