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StartseiteKalenderblattWillys Abschied23.03.2007

Willys Abschied

Vor 20 Jahren endete die Ära Brandt in der SPD

In den vergangenen zwei Jahrzehnten zählte die SPD acht Vorsitzende. Diese Unstetigkeit ist neu in der jüngeren Geschichte der Partei. Willy Brandt hatte die SPD zuvor 23 Jahre lang geführt. 1987 erklärte er seinen Rückzug von der Parteispitze.

Von Bert-Oliver Manig

SPD-Vorsitzende seit '46, von unten links im Uhrzeigersinn: Schumacher, Ollenhauer, Brandt, Vogel, Engholm, Scharping, Lafontaine, Schröder und Müntefering. Mitte: Platzeck (links) und Beck. (AP)
SPD-Vorsitzende seit '46, von unten links im Uhrzeigersinn: Schumacher, Ollenhauer, Brandt, Vogel, Engholm, Scharping, Lafontaine, Schröder und Müntefering. Mitte: Platzeck (links) und Beck. (AP)

"Der Vorsitzende der SPD, Willy Brandt, hat heute dem Parteivorstand mitgeteilt, dass er angesichts der öffentlich geführten Diskussion, für die die Reaktion auf die vorgesehene Besetzung des Pressesprechers der SPD nur ein Symptom sei, nicht die Absicht habe, seine Aufgabe als Parteivorsitzender bis zum Ende einer Wahlperiode zu erfüllen."

Der vorzeitige Rücktritt Willy Brandts vom Vorsitz der SPD, den Johannes Rau am 23. März 1987 bekannt gab, war ein Einschnitt in der Geschichte der Partei. Ausgelöst wurde der Abtritt des letzten noch in der sozialistischen Arbeiterbewegung verwurzelten SPD-Vorsitzenden durch eine auf den ersten Blick nebensächliche Personalie. Der Versuch Brandts, die PR-Journalistin Margarita Mathiopoulos zur Parteisprecherin zu machen, war in der SPD auf großen Unmut gestoßen. Flügelübergreifend stieß man sich daran, dass die parteilose Griechin keine intime Kenntnis der SPD besaß. Zweifel an ihrer Loyalität kamen auf, weil Mathiopoulos Stipendiatin der FDP-nahen Naumann-Stiftung gewesen und mit einem prominenten CDU-Mitglied verheiratet war.

Wenngleich nur einzelne Stimmen offen den Rücktritt Brandts forderten, war der Verfall seiner Autorität offenkundig: Teile der Partei trugen ihm nach, dass er die Strategie des Kanzlerkandidaten Johannes Rau bei der Bundestagswahl im Januar 1987 durchkreuzt hatte, der auf eine eigene absolute Mehrheit der SPD gesetzt hatte. In Brandts Hoffnung auf eine "Mehrheit links von der Union" witterte die Parteirechte ein verkapptes Bündnisangebot an die Grünen. Und auch die Parteilinke hatte jüngst die Stellung Brandts untergraben, als Oskar Lafontaine handstreichartig Hans-Ulrich Klose als neuen Schatzmeister der SPD durchsetzte.

Insofern musste Brandt den Widerstand gegen Mathiopoulos als weiteres Signal verstehen, sich schleunigst vom Parteivorsitz zurückzuziehen. Sein Versuch, die Nachfolge zu regeln, scheiterte: Zu Brandts großer Enttäuschung ließ sich Oskar Lafontaine nicht zur Kandidatur für den Parteivorsitz bewegen: Der 43-Jährige meinte, zur Führung der Partei zu jung zu sein. Auf dem Sonderparteitag der SPD im Juni 1987 erteilte Brandt den Ratschlag:

"Die Nachrückenden sollten nie zu lange damit warten, der Gemeinschaft zu geben, was sie zu geben vermögen. Die aus Überzeugung und Erfahrung sich formende Selbstsicherheit nimmt dann von einem gewissen Alter an ohnehin nicht mehr zu; es sei denn, sie schlägt um in eine die Wirklichkeit verklärende Form von Altersstarrsinn."

Der Sonderparteitag wählte Hans-Jochen Vogel zum neuen Vorsitzenden, für Willy Brandt schuf man das Amt des Ehrenvorsitzenden. Gründe zur Dankbarkeit gab es reichlich: Seit er im Februar 1964 den Vorsitz der SPD übernommen hatte, war die Mitgliedschaft von 600.000 auf fast eine Million angewachsen. Unter Brandt war die Arbeiterpartei zur linken Volkspartei geworden. Und 16 Jahre lang hatte er die SPD in Bonn an der Regierung gehalten.

Willy Brandts Erfolg als Parteivorsitzender gründete nicht zuletzt in seiner Sensibilität für neue gesellschaftliche Bewegungen und Werthaltungen. Nachdem die SPD 1982 in die Opposition verdrängt worden war, wollte er die Partei weiter öffnen: nicht nur für die friedens- und umweltbewegte Generation, sondern auch für die eher individualistisch orientierte liberale Intelligenz. Brandt sprach in diesem Zusammenhang von "parteilosen Sozialdemokraten":

"Es lohnt sich zur Kenntnis zu nehmen, dass es - zumal im Umkreis künstlerischer, intellektueller, wissenschaftlicher Berufe - nicht jedermanns Sache ist, sich parteipolitisch formell zu binden. Dies zu begreifen gehört ebenfalls zur Verantwortung für die Partei der Freiheit. Mündige Bürger können in unterschiedlichen Formen des Zusammenwirkens Nützliches bewirken. Zur Mitarbeit sollten auch Nichtmitglieder willkommen sein."

Der Fall Mathiopoulos zeigte, dass Willy Brandts Gespür für gesellschaftliche Entwicklungen zuletzt größer war als sein Einfühlungsvermögen in die Partei. Dies war die eigentliche Ursache für den Rücktritt des erfolgreichsten Parteivorsitzenden in der Geschichte der SPD.

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