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StartseiteKalenderblattWilsons Visionen08.01.2008

Wilsons Visionen

Vor 90 Jahren verkündete US-Präsident Woodrow Wilson ein 14-Punkte-Programm zur Beendigung des Ersten Weltkriegs

Wie können Nationen ihre Konflikte friedlich lösen? Die Gründung der Vereinten Nationen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war eine Antwort auf diese Frage. Der Vorläufer der Vereinten Nationen war der Völkerbund, eine Idee des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson.

Von Georg Gruber

Woodrow Wilson war der 28. Präsident der USA. (AP Archiv)
Woodrow Wilson war der 28. Präsident der USA. (AP Archiv)

Die USA waren erst im April 1917 in den Ersten Weltkrieg eingetreten als Antwort auf den von deutscher Seite geführten "uneingeschränkten U-Boot-Krieg". Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson hatte zuvor lange versucht, die Rolle eines neutralen Vermittlers einzunehmen. So klang auch seine Rede vor dem Kongress am 8. Januar 1918:

"Was wir in diesem Krieg verlangen, ist nichts Besonderes für uns. (...) Der Frieden der Welt ist ... unser Programm, und dieses Programm, nach unserer Meinung das einzig mögliche Programm, ist dieses:"

14 Punkte zählte er auf. Darunter Regeln, die allgemein gültig sein sollten:

"Die Abschaffung der Geheimdiplomatie, die Freiheit der Meere, gleiche Handelsbedingungen für alle Staaten und Rüstungsbeschränkungen."

Andere Punkte betrafen allein das Deutsche Reich wie die Räumung Belgiens und der besetzten russischen und französischen Territorien. Der wichtigste war für Wilson der letzte: Punkt 14. Es solle eine "Vereinigung der Nationen" geschaffen werden, mit dem Ziel:

"die politische Unabhängigkeit und die territoriale Unversehrtheit der großen wie der kleinen Staaten zu garantieren."

Wilson, der vor seiner politischen Karriere Professor für Geschichte und Staatswissenschaft und Präsident der Princeton-Universität gewesen war, glaubte, mit diesen 14 Punkten die Grundlage für eine gerechte und dauerhafte Friedensordnung zu entwerfen. Die europäischen Konfliktparteien reagierten verhalten auf Wilsons Visionen. Die deutschen Generäle beriefen sich erst im Herbst 1918 auf sein Programm - aus rein taktischen Gründen, um im Angesicht der unausweichlichen Kapitulation die besten Bedingungen für einen Frieden auszuhandeln. Doch nun waren besonders die europäischen Siegermächte nicht bereit, sich auf einen Friedensvertrag im Geiste der 14 Punkte einzulassen. Deutschland sollte entmachtet werden, damit nie wieder eine Kriegsgefahr von dem Land ausgehen würde. Die Friedenskonferenz in Paris fand ohne Vertreter der besiegten Mächte statt.

Der Mann, der bei seiner Ankunft in Frankreich im Dezember 1918 von den Massen als Friedensbringer bejubelt wurde, konnte dann allerdings nicht die Rolle spielen, die man von ihm erwartet hatte. Der Ökonom John Maynard Keynes, der vor Ort war, bemerkte:

"Zu Beginn der Pariser Konferenz glaubte man allgemein, der Präsident habe mit Hilfe eines großen Stabes von Beratern einen Plan nicht nur für den Völkerbund, sondern auch für die Verkörperung der 14 Punkte in einem ausführlichen Friedensvertrag entworfen. In Wirklichkeit hatte der Präsident nichts entworfen. Als man zur Ausführung seiner Gedanken schritt, waren sie nebelhaft und unvollständig."

In den USA hatte Wilson nach den Kongresswahlen keine Mehrheit mehr hinter sich, ein weitreichender Autoritätsverlust. Der französische Ministerpräsident Clemenceau hatte denn auch wenig Lust, dem Amerikaner zu folgen:

"Mr. Wilson ödet mich mit seinen 14 Punkten an, selbst der Allmächtige hat nur 10."

Das Ergebnis der Pariser Konferenz war alles andere als der "Frieden ohne Sieg", den Wilson in den Jahren zuvor propagiert hatte. Die Deutschen wurden gezwungen, ihre Alleinschuld am Ausbruch des Krieges anzuerkennen und hohen Reparationsforderungen zuzustimmen. So erwies sich der Versailler Vertrag als schwere Hypothek für die junge Weimarer Republik. Woodrow Wilson aber glaubte, trotz der ernüchternden Erfahrungen in Paris, mit dem Versailler Vertrag zumindest das wichtigste Anliegen seiner 14 Punkte gerettet zu haben: den Völkerbund.

"Die Bühne ist abgebaut, das Schicksal enthüllt. Nicht wir haben diesen Plan gemacht; Gottes Hand hat uns den Weg gewiesen."

Zurück in den USA reiste er quer durchs Land, um für den Vertrag zu werben, bis er im September 1919 einen schweren Schlaganfall erlitt, von dem er sich nicht mehr erholen sollte. Wilson starb 1924 als gescheiterter Visionär: 1920 lehnte der Senat den Versailler Vertrag ab, die USA wurden nicht Mitglied im Völkerbund, der deswegen ein kraftloses Gebilde blieb - auch wenn Wilson für seine Initiative mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

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