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StartseiteCorso"3D ist im Arthaus ein ungewöhnliches Medium" 25.01.2017

Wim Wenders über seinen neuen Film"3D ist im Arthaus ein ungewöhnliches Medium"

"3D hat den schlechten Ruf weg, weil so viele Mistfilme gedreht worden sind", sagt der Regisseur Wim Wenders im Corso-Gespräch. Er glaubt, dass man mit dieser Technik auch ganz leise und behutsame Töne anschlagen kann. Für seine Literaturverfilmung "Die schönen Tage von Aranjuez" hat er zum vierten Mal dreidimensional gedreht.

Wim Wenders im Corso-Gespräch mit Sigrid Fischer

Regisseur Wim Wenders steht am 15.04.2015 in seiner Fotoausstellung "Wim Wenders. Landschaften. Photographien." im Museum Kunstpalast in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen). (Rolf Vennenbernd/dpa)
"Das 3D hat halt einen schlechten Ruf weg bekommen, sodass man befürchten muss, dass es damit vorbei ist", sagt Regisseur Wim Wenders im Deutschlandfunk (Rolf Vennenbernd/dpa)
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Sigrid Fischer: Wim Wenders, wir sitzen im Kinofoyer, drinnen läuft Ihr neuer Film "Die schönen Tage von Aranjuez". Wie ist das, wenn Sie einen Film von sich im Kino sehen, sind Sie dann grundsätzlich der Überzeugung: alles richtig gemacht? Oder finden Sie Kleinigkeiten, wo Sie denken, das hätte ich vielleicht im Nachhinein ein bisschen anders gemacht?

Wim Wenders: Ein Film ist nie dasselbe. Je nachdem, wo man den zeigt und wer da guckt, sehe ich den Film auch immer noch mal anders. Und ich finde durchaus noch Macken. Manchmal denke ich, ist alles zu leise, manchmal denke ich, ist viel zu laut, je nachdem, wie alt die Leute da drin sind zum Beispiel. Das hört irgendwie nie auf. Deshalb bin ich immer froh, wenn er dann anläuft, denn dann kann ich zumindest nichts mehr dran machen.

Fischer: Interessant fand ich gerade in den Vorbemerkungen, die Sie vor dem Publikum gemacht haben: Man erklärt dem Arthauspublikum dann doch noch mal, dass es die 3D-Brille aufsetzen muss.

Wenders: Das ist ja ein ungewöhnliches Medium im Arthaus. Das ist ja leider in diesem Bereich des Kinos den Bach runtergegangen, diese eigentlich wunderschöne, zärtliche Sprache. Die kann ja so viel, ist aber für so wenig genutzt worden. Beziehungsweise für so viel abgenutzt oder verbraucht oder ausgebeutet worden, und letzten Endes ist im Arthausbereich - die Leute haben die Nase voll und sagen: Nee, wir haben jetzt ein paar 3D-Filme gesehen. Dein Film "Pina" war ja okay, Wim. "Avatar" war auch noch toll, aber danach kam ja nichts mehr. Und deswegen ist das eigentlich im Arthausbereich so gut wie verschwunden.

"3D hat den schlechten Ruf weg, weil so viele Mistfilme gedreht worden sind"

Fischer: Aber Sie sind ja einer, der jetzt schon zum vierten Mal in Folge dranbleibt. Also hat das mit diesem schlechten Image vielleicht auch zu tun, dass Ihre Kollegen keine Lust haben, sich daran zu wagen?

Wenders: Ich weiß nicht, warum sich niemand daran gewagt hat. Scorsese hat einen Film gemacht, der Ang Lee hat einen Film gemacht, und das war's dann schon. Das hat den schlechten Ruf weg, weil so viele Mistfilme gedreht worden sind. Und wenn man's ernst nimmt, ist es alles andere als laut und lärmend. Sondern es kann auch wirklich für so etwas Leises wie meinen Film "Die schönen Tage von Aranjuez" benutzt werden. Und es kann auch wirklich ganz behutsam mit Menschen und mit Dingen umgehen. Und es kann auch die Natur herrlich zeigen. Aber insgesamt hat das 3D halt einen schlechten Ruf weg bekommen, sodass man befürchten muss, dass es damit vorbei ist. Zumindest in unserem Arthaus- oder Dokumentarfilmbereich.

Fischer: Wir haben es im Wesentlichen mit einer Gesprächssituation zu tun. Da könnte man sich vorstellen, da gibt es viele Standbilder, viel Standkamera. Aber Ihre Kamera ist fast immer in Bewegung. Manchmal ganz sanft, sodass man es nicht direkt bemerkt, aber sie ist fast immer in Bewegung. Hat das mit 3D zu tun oder hätten Sie das in diesem Setting in jedem Fall so gemacht?

Wenders: Nein, das hat ganz viel mit 3D zu tun, denn wir haben uns ja sehr bemüht, herauszukriegen, wie gucken wir denn wirklich mit zwei Augen? Und was tut das menschliche Gehirn, und was tut dieses wunderbare Instrument, das der liebe Gott uns gegeben hat, unsere Augen. Wie funktioniert das und wie kann man das mit zwei Kameras so gut wie möglich nachmachen? Und eine der Sachen, die wir herausgekriegt haben, ist, dass die zwei Augen natürlich nie richtig fixiert sind, sondern man sich mit seinem Kopf immer etwas bewegt. Und selbst wenn wir uns hier gegenüber sitzen, bin ich hier nicht so fest gezurrt und sehe Sie sozusagen in einer stehenden Einstellung. Sondern es bewegt sich immer ein bisschen und das hilft der räumlichen Wahrnehmung sehr.

Fischer: Wie gesagt, wir haben im Wesentlichen: eine Frau, einen Mann, einen Garten, ein Gespräch. Das schreit nicht unbedingt nach Kinoleinwand. Aber Sie hat's offenbar doch angeschrien. Warum?

Wenders: Ich finde es ist einer der großen Verluste im Kino, dass so etwas Einfaches nicht mehr vorkommt. Dass man sich die Zeit nimmt, einander was zu erzählen und zuzuhören. Das ist ja eine so wunderbare, privilegierte Situation. Vor allem wenn man das in einem Garten machen kann, in dem man ganz ungestört ist, in dem auch kein Krach ist und kein Flugzeug drüber fliegt und kein Moped vorbei donnert. Sondern in dem man einfach nur die Vögel zwitschern hört und den Wind durch die Bäume fahren sieht und hört. Und dann miteinander Zeit hat. Und füreinander Zeit zu haben, ist eine herrliche  Sache, auch im Kino. Weil auch der Zuschauer auf einmal aufgefordert wird, sich drauf einzulassen, ein bisschen Zeit zu haben und mit zuzuhören. Das ist eine friedliche Situation. Das Kino kann auch ein ganz friedlicher Ort sein.

"Ich habe mich sehr auf meine Schauspielerin verlassen"

Fischer: Interessanterweise haben zwei Männer - nämlich Sie, Wim Wenders, und Peter Handke - haben Sie sich ja ganz stark in eine Frau hineinversetzt. Die Frau erzählt von ihren Erfahrungen mit Männern, auch von ihren Liebeserfahrungen mit Männern. Und dann dachte ich so: Waren Sie sich beide immer so sicher - okay, Peter Handke hat die Grundlage geliefert, hat das geschrieben, aber Sie haben das Drehbuch geschrieben und haben es inszeniert - waren Sie da immer sicher, dass Sie da richtig liegen? Also dabei, sich in das Innerste der Frau zu versetzen?

Wenders: Wie soll man da wissen, dass man richtig liegt? Ich hab mich da sehr auf meine Schauspielerin verlassen, für die Peter Handke das im Übrigen geschrieben hat. Er hat dieser Frau, Sophie Semin, den Text gewidmet und die ist, glaube ich, bewanderter in dem, was diese Frau sagt, als irgendeine andere Frau. Da habe ich mich schon sehr drauf verlassen, dass sie das sagen will und kann und auch tut. Sonst hätte ich mich das, glaube ich, nicht getraut, denn es geht da doch ganz schön ans Eingemachte manchmal.

Fischer: Ich musste auch an den Loriot-Satz denken: "Männer und Frauen passen nicht zusammen" (Wenders lacht), der das ja so ganz knapp auf den Punkt bringt vielleicht. Sagt der ein bisschen, was der Film sagt?

Wenders: Kann man so sehen. Gleichzeitig lassen sie sich schon aufeinander ein, sie hören sich sehr aufmerksam zu. Man merkt als Zuschauer auch, wie anders Männer und Frauen ticken. Also, dass Frauen kein Problem haben, von sich selbst zu reden und auch von ihrem Innersten zu reden und auch von Gefühlen zu reden, und dass Männer das nicht so richtig gerne tun und dass Männer das lieber objektivieren und lieber von etwas reden, womit sie sich auskennen. Das muss nicht unbedingt sie selber sein.

Fischer: Sie sind ja lange befreundet, Peter Handke und Sie, Wim Wenders. Und irgendwann fällt ja der Satz im Film, in dem die Frau sagt: der Frauenhass gegenüber Männern ist zum Glück vorbei. Es gibt doch nichts Schöneres als zusammen im Baum zu sitzen und Kirschen zu essen. Da dachte ich: Ist das die kleine Abrechnung mit dem Hardcore-Feminismus, über den Sie sich vielleicht als junge Männer unterhalten haben? Das war wahrscheinlich auch mal Thema damals?

Wenders: Ja, das war bestimmt ein Thema, auch in meinem Leben. In den 70ern vor allem. Das war ja manchmal schon eine Art kalter Krieg. Die Zeiten sind ja vorbei, in beide Richtungen. Wir kennen uns ja lange genug, der Peter und ich, um offen darüber zu reden. Wir feiern in diesem Jahr unser 50. Freundschaftsjubiläum. Ich war ein Jungspund von 21 Jahren, als ich den Peter kennengelernt habe. Der Peter war auch nicht viel älter, der war 23.

"Ich bin felsenfest überzeugt, dass es keine unpolitischen Filme gibt"

Fischer: Ein zweiter Punkt, den ich auch spannend fand, sie sagt, oder er, ich weiß nicht mehr, einer sagt: "Zeitgeschehen lass uns in Ruhe". Und eigentlich befinden die sich da oben, fernab der Stadt auf dem Hügel über Paris, außerhalb der Aktualität, das sagen die auch irgendwann, letzten Endes in einer idyllischen Blase. Aber irgendwann bricht die Realität dann doch da ein. Wie ist das in der Kunst? Sie sind nie ein politischer Filmemacher gewesen, kann man sagen. Wie weit kann man Filme machen und das rauslassen, das Zeitgeschehen, was uns umgibt, was uns unmittelbar betrifft? Kann man das?

Wenders: Das kann man überhaupt nicht. Und ich bin felsenfest überzeugt, dass es gar keine unpolitischen Filme gibt. Und dass gerade die Filme, die so unpolitisch tun, höchst politisch sind, indem sie uns versuchen abzulenken von dem, wie wir uns fühlen sollten und könnten. Entertainment ist etwas höchst Politisches. Ich finde, dass man sich als Filmemacher heute weniger denn je in den berühmten Elfenbeinturm begeben kann und von oben herab gucken kann. Man muss sich schon einmischen. Vielleicht jetzt in dieser Zeit umso mehr, als so viele andere Medien sich eben nicht mehr einmischen. Fernsehnachrichten, zumindest in Amerika, auch in allen anderen europäischen Ländern, sind eine Form von Entertainment geworden. Nur in Deutschland eigentlich gibt es noch so etwas wie tatsächliche Berichterstattung im Fernsehen, das ist ja eigentlich alles den Bach runter, das ist eigentlich alles eine Form von Unterhaltung geworden.

Fischer: Vom Zeitgeschehen fernhalten können wir uns im Moment gerade gar nicht. Wir sitzen hier am Abend, bevor der neue Präsident vereidigt wird, Donald Trump -

Wenders: Trumpf.

Fischer: Herr Trumpf.

Wenders: (lacht) Ich finde, der ist so als Schlumpf-Trumpf - ich hab ihn nie ernst genommen. Jetzt muss man ihn ernst nehmen, weil er viel Schaden anrichten kann, aber gleichzeitig kann man ihn nicht ernst nehmen, weil er einfach ein Volltrottel ist. Die Amerikaner werden das schon überleben, die haben, glaube ich, eine lange Tradition in Demokratie und die werden sich die nicht unter den Füßen wegziehen lassen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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