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StartseiteKommentare und Themen der WocheOhne mehr Windstrom keine Energiewende05.09.2019

WindenergieOhne mehr Windstrom keine Energiewende

In Deutschland stockt der Windenergieausbau nicht nur, es droht sogar ein Rückbau, kommentiert Theo Geers. Die Politik lässt das bislang kalt - sie schaut dem Niedergang der Windindustrie tatenlos zu. Dabei kann die Energiewende nur mit der Windkraft gelingen.

Von Theo Geers

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Ein Windrad am blauen Himmel (picture alliance / dpa / blickwinkel)
Windenergie ist wichtig für die Energiewende, kommentiert Theo Geers (picture alliance / dpa / blickwinkel)
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Steigt Deutschland aus der Windindustrie früher aus als aus der Kohle? Wer das als absurde Frage abtut, verkennt, dass dies in der Solarindustrie schon passiert ist. In der Windindustrie  sind 30.000 Jobs schon weg – und wieder kräht kein Hahn danach.

Es herrscht Flaute, es ist höchste Zeit gegenzusteuern. Sonst stockt nicht nur der Windenergieausbau, sonst droht sogar ein Rückbau, weil alte Anlagen nicht mehr durch neue ersetzt werden.

Die Politik hat das bislang kalt gelassen. Seit Wochen ringen CDU, CSU und SPD zwar um den Klimaschutz, sie bringen den Kohleausstieg und die Milliardenhilfen für die betroffenen Regionen auf den Weg, aber dem Niedergang der Windindustrie sehen sie tatenlos zu.

Eine Klimaschutz- und Energiepolitik aus einem Guss sieht anders aus.

Es herrscht Flaute

Viel zu spät hat Wirtschaftsminister Altmaier zum Windgipfel geladen. Dabei geht die Krise von heute auf falsche Weichenstellungen vor zwei, drei Jahren zurück, an denen auch er beteiligt war. Aus Sorge um fehlende Leitungen, aber auch aus Angst vor Protesten wurde der Zubau von Windrädern fast bis auf Null herunter gebremst, statt den Bürgern klar zu sagen: ohne mehr Windstrom keine Energiewende, kein Kohleausstieg und kein Klimaschutz.

Wer auf Elektroautos oder Wärmepumpen setzt, um Öl und Gas im Verkehr und Gebäudesektor zu ersetzen, der muss mehr grünen Strom bereitstellen. Und soll dieser Strom auch noch bezahlbar sein, kann das nur Windstrom sein. Dafür müsste die Politik vor allem mehr Flächen bereitstellen. Doch statt - im wahrsten Sinne - den Boden zu bereiten, blockiert man mit pauschalen Abstandsregeln. Vor allem in Süddeutschland wird den Bürgern vorgegaukelt, bei der Energiewende könne, wenn sie aus dem Fenster gucken, alles weitgehend so bleiben.

Das kann es nach Lage der Dinge aber wohl nicht und das muss den Bürgern auch ehrlich und mutig gesagt werden.

Mehr Akzeptanz in der Bevölkerung ist nötig

Dabei lässt sich Akzeptanz auch schaffen, etwa indem es bei Bau der Anlagen transparenter zuginge. Heute errichtet häufig eine anonyme GmbH & Co KG ein Windrad. Deren Teilhaber wohnen ganz woanders, verdienen aber das Geld und vor Ort kassiert bestenfalls noch ein Landwirt eine üppige Pacht. Das muss sich ändern, die Bevölkerung auf dem Land muss stärker vom Strom profitieren, der bei ihr für die Ballungsräume erzeugt wird.

Auch müssen Investoren nicht so bräsig daherkommen. Jüngste Beispiel ist die Forderung, für den Bau von Windrädern pauschale Ausnahmen vom Artenschutz zu erlangen. Das ginge eindeutig zu weit.

Wie verheerend pauschale Ausnahmen wirken, zeigt die Massentierhaltung. Der explosionshafte Bau von Ställen zulasten von Natur und Anwohnern ist nur möglich, weil die Landwirtschaft umfassende Privilegien im Baurecht besitzt.

Wer nicht will, dass sich Vergleichbares beim Bau von Windanlagen wiederholt, darf am Artenschutz – wenn überhaupt – nur sehr vorsichtig rütteln.

Theo Geers, 1959 in Sögel geboren, Studium der Volkswirtschaft an der Universität Köln, seit 1984 freier Journalist u. a. für DLF, WDR und andere ARD-Anstalten, seit 1991 als Wirtschaftsredakteur beim Deutschlandfunk. 1997 bis 2001 Korrespondent in Brüssel, 2010 bis 2011 Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt, seit 2012 Berliner Korrespondent für die Programme des Deutschlandradio, Themenschwerpunkt Wirtschaft und Finanzen.

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