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StartseiteForschung aktuellWindkraft statt Solarthermie21.06.2012

Windkraft statt Solarthermie

Richtungswechsel beim Wüstenstrom

Energietechnik. - Nach einem furiosen Start ist es um das Wüstenstromprojekt Desertec ruhig geworden. Jetzt trat das Konsortium, an dem sich inzwischen 55 Unternehmen beteiligt haben, mit einer Studie an die Öffentlichkeit, die eine Neuausrichtung des Projekts bedeutet. Der Wissenschaftsjournalist Ralf Krauter erläutert das Papier im Gespräch mit Uli Blumenthal.

Ralf Krauter im Gespräch mit Uli Blumenthal

Photovoltaik wird die Sonnenergie-Technik der Zukunft sein. (Stock.XCHNG / Steve Woods)
Photovoltaik wird die Sonnenergie-Technik der Zukunft sein. (Stock.XCHNG / Steve Woods)

Blumenthal: Herr Krauter, Sie haben die Studie gelesen. Was steht drin?

Krauter: Uli Blumenthal "Desertec Power 2050", so heißt diese Studie, erstellt wurde sie unter Beteiligung von Forschern unter anderem des Fraunhofer Instituts für System- und Innovationsforschung, und die beiden Kernaussagen dieser Studie lauten ganz kurz gesagt: Erstens, die Energiewende ist machbar und zweitens, sie rechnet sich sogar wirtschaftlich und finanziell. Und zwar dann und nur dann, wenn Europa, Nordafrika und Nahost künftig gemeinsame Sache machen und zu einem riesigen Energieverbund verschmelzen. Denn dann könnte man Ökostrom eben genau dort erzeugen, wo es am günstigsten ist, in den Wüsten der Erde, wo Wind und Sonne zuhauf vorhanden sind. Das Potenzial ist so riesig, dass der Energiehunger der Menschen in Nordafrika, Nahost und Mittelost, egal wie rasant er wachsen würde, es wäre immer noch genug übrig, um etwas zu exportieren. Und das ist die Grundidee. Und der Studie zufolge könnte Europa bis 2050 aus genau diesem Grund – Wind und Sonne gibt's in der Wüste reichlich – ein Fünftel seines Stromes aus dem Süden importieren und würde dadurch sehr viel Geld sparen. Jede importierte Megawattstunden Ökostrom, haben die Experten vorgerechnet, käme rund 40 Prozent billiger als die Eigenproduktion. Das heißt konkret: Europaweit ließen sich so ab 2050 sage und schreibe 33 Milliarden Euro einsparen. Und der Süden könnte zeitgleich eine milliardenschwere Strom-Exportindustrie aufbauen. Also das klingt nach einer klassischen win-win-Situation.

Blumenthal: Gibt es konkretere Vorstellungen, wie dieser Energiemix 2050 dann aussehen kann und soll?

Krauter: Das ist das eigentlich spannende an der Studie, die heute präsentiert wurde. Die Idee ist schon länger im Raum, jetzt wird sie erstmals konkret. Es werden konkrete Szenarien für einzelne Länder und Regionen damals vorgestellt. Generell ist die Prämisse der Experten, dass erneuerbare Energien in dieser gesamten Region Eumena, also Europa, Mittlerer Osten, Nordafrika bis 2050 90 Prozent des Stroms liefern sollen. Die restlichen zehn Prozent entfallen dann auf relativ umwelt- und klimafreundliche Gaskraftwerke. Schauen wir uns diese 90 Prozent erneuerbaren Energien an, das ist das eigentlich Interessante. Da ist der Wind ganz vorne, der hat mit 53 Prozent Platz 1 belegt, soll über die Hälfte des Stroms liefern. Platz 2, dicht dahinter, dann der Solarstrom mit rund 25 Prozent. Und der Rest, das ist dann sozusagen Kleinvieh, wie Wasserkraft, Biomasse, Geothermie, die man aber nicht im selben Maße hochskalieren kann wie Wind und Sonnenstrom.

Blumenthal: Sie haben es gesagt: Klarer Fokus auf Windstrom also. Das deckt sich aber nicht ganz so mit dem ursprünglichen Konzept,das Desertec vor zweieinhalb Jahren vorgestellt hat!

Krauter: Das ist interessant, es gab da einen klaren Kurswechsel, muss man sagen. Ursprünglich wollte Desertec vor allem solarthermischer Großkraftwerke in die Wüste bauen, in denen also Sonnenwärme geerntet wird, die dann Dampf erzeugt und über Turbinen dann Strom macht. Da ist man jetzt ein bisschen von abgekommen, diese Technologie Solarthermie spielt zwar immer noch eine Rolle, aber keine zentrale mehr. Die 25 Prozent Solarstrom setzen sich zusammen aus 16 Prozent Solarthermie plus neun Prozent Photovoltaik. Warum dieser Strategiewechsel? Ganz klar: die Kosten. Die Stromkosten für die Solarzellen, die Herstellungskosten sind dramatisch gesunken, in den letzten Jahren, Photovoltaik ist viel billiger geworden, liefert Strom heutzutage für etwa 0,10 € pro Kilowattstunde, bei einem neugebauten Photovoltaikkraftwerk. Noch billiger ist die Kilowattstunde Windstrom, die kostet heute bei Onshore-Windanlagen, also an Land, bei günstigen Bedingungen, wie sie zum Beispiel in Marokko herrschen, im Atlasgebirge, nur noch 0,06 bis 0,08 €. Das ist praktisch schon konkurrenzfähig zum Strom aus konventionellen Quellen, also aus Kohle, Gas und Atomkraftwerken. Also die Tendenz ist ganz klar: man muss zu den wirtschaftlich konkurrenzfähigen Quellen gehen, und da hat Wind, und danach Photovoltaik die Nase vorn. [Anmerkung der Redaktion: In der ursprünglichen Version spricht der Gesprächspartner versehentlich davon, dass Solarthermie einen 16-Prozent-Anteil am Sonnenstromanteil haben solle. Wir bitten, das Versehen zu entschuldigen.]

Blumenthal: Das heißt, auch diese Studie und Desertec möglicherweise zeigen, dass Solarthermie eigentlich schlicht zu teuer ist für den zukünftigen Energiemix und kaum eine Perspektive hat oder ist das eine falsche Schlussfolgerung?

Krauter: Solarthermie ist deutlich teurer, die ist bei 0,18 € pro Kilowattstunde zurzeit. Sie wird aber weiter eine Rolle spielen, weil es die einzige Technik ist, mit der man Strom speichern kann. Das ist spannend für Länder, die rund um die Uhr einen hohen Strombedarf haben. Sie wird wichtig werden im Nahen Osten und im Mittleren Osten vor allem. Weniger wichtig im Maghreb, da kann Photovoltaik sehr viel abdecken. Wind, das ist vielleicht die Grundaussage, deutlich attraktiver, als man das vor drei Jahren noch gedacht hätte. Solarthermie ein bisschen abgeschlagen. Entscheidend für mich aber eigentlich, dass die Grundaussage bleibt. Man wird regional angepasste Lösungen finden, aber die Experten sagen: Wir wären nicht nur dumm, wenn wir diesen Übergang zu einer nachhaltigen Energieversorgung nicht zügig und entschlossen vorantreiben, also auch über Ländergrenzen und das Mittelmeer hinweg, wir würden am Ende auch draufzahlen. Und deswegen eben der Appell an die Politik: Lasst uns das angehen und die Weichen jetzt stellen.

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