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StartseiteEssay und DiskursWarum wir eine Kultur der Schwäche brauchen14.02.2021

Wir haben die Macht! (1/3)Warum wir eine Kultur der Schwäche brauchen

Im Zuge von Globalisierung, weltanschaulichen Kulturkämpfen und verzweifelten Marketingstrategien erleben Begriffe wie Macht, Würde, Ehre, Respekt derzeit eine Renaissance. Auf diese altehrwürdigen Werte beruft man sich in Philosophie, Politik, Wirtschaft und Popkultur und meint doch Verschiedenes.

Von Jörg Scheller

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Donald Trump zeigt mit ausgestreckter Hand ins Publikum  (picture alliance / Dennis Van Tine/STAR MAX/IPx | Dennis Van Tine/STAR MAX/IPx)
Seit Trumps Präsidentschaft scheint es nur noch um Macht und Härte zu gehen - auch im Kampf gegen das vermeintlich Böse (picture alliance / Dennis Van Tine/STAR MAX/IPx | Dennis Van Tine/STAR MAX/IPx)

Macht, Würde, Ehre, Respekt? Klingt irgendwie nach 19. Jahrhundert. Nach einer Kultur schnauzbartbekrönter Innerlichkeit und Ernsthaftigkeit, die so gar nicht zu unserer angeblich oberflächlichen, schrillen, sich in kommerziellen Brummkreiseleien erschöpfenden Gegenwart passen mag. Aber weit gefehlt – im Zuge von Globalisierung, weltanschaulichen Kulturkämpfen und latent verzweifelten Marketingstrategien erleben die Begriffe derzeit eine Renaissance.

Der Essay lotet aus, wie die altehrwürdigen Werte in Philosophie, Politik, Wirtschaft und Popkultur besetzt werden. Ob Linke oder Rechte, Gangstarapper oder Gospelsänger, Progressive oder Konservative – ganz unironisch beruft man sich auf das Gleiche und meint doch Verschiedenes.

Jörg Scheller (*1979) ist Professor für Kunstgeschichte an der Zürcher Hochschule der Künste, war Gastdozent unter anderem in Poznań und an der Taipei National University of the Arts. Er schreibt regelmäßig für Zeitungen und ist Kolumnist der Stuttgarter Zeitung. Zudem ist er Mitbetreiber des Heavy Metal Lieferservices Malmzeit und ist zertifizierter Fitnesstrainer.


Eigentlich hätte die Geschichte ja auch so ausgehen können: Wir schreiben das Jahr 2021. Die Prognosen kulturkonservativer Pessimisten sind eingetreten: Ganz Deutschland ist zu einem Streichelzoo geworden. Die Bürgerinnen und Bürger fristen ein zwar dumpfes, aber ziemlich angenehmes und vor allem: friedliches Dasein. Alles, was sie interessiert, ist Unterhaltung, Essen, Sex und Urlaub. Weil sie keine höheren Ziele oder heiligen Werte mehr haben und ihnen auch der Wille zur Macht fehlt, können sie gut auf das verzichten, was in der Vergangenheit verlässlich für Gewalt, Krieg, Elend sorgte, nämlich die Huldigung von Stolz, Ehre und Respekt. Ehre und Stolz hat man bekanntlich, damit sie verletzt werden können. Dann liegt eine Legitimation für Rache vor, man kann wie im Actionfilm losstürmen und sich endlich mal wieder so richtig stark, mächtig, frei fühlen. Für Werte oder Ideale wiederum tritt man gemeinhin nicht nur ein, weil man von ihnen unendlich tief überzeugt ist, sondern auch, weil man sich mit ihnen so schön von Anderen abgrenzen kann. Außerdem sind sie billig zu haben.

Früher mochte es mal geheißen haben: Verletzt du meine Ehre, verweigerst du mir den Respekt, und sei es nur in deiner Sprachwahl, dann werde ich dich bis aufs Blut bekämpfen! Aber den Menschen unseres Szenarios ist das ziemlich wurscht. Ihre Souveränität besteht in achselzuckender Gelassenheit. Jemand hat mich dumm angemacht? Was soll's, ich brutzel' mir lieber ein schönes Steak, als ihn zum Duell zu fordern. Jemand hat mein Land, meine Religion, meine Identität in den Schmutz gezogen? Naja, lasst sie machen, man muss ja nicht über jedes Stöckchen springen und den Pöblern zu viel Aufmerksamkeit schenken. Jemand nimmt meine Kultur nicht ernst, würdigt meine Traditionen und Gebräuche nicht, anerkennt mich nicht in der Besonderheit meiner Identität? Tja, zum Glück stehe ich über den Dingen und weiß, dass Anderes viel wichtiger ist – sauberes Trinkwasser, gute Lebensmittel, Spielplätze und Schulen sowie ein verlässlicher Rechtsstaat, der dafür sorgt, dass keine durchgeknallten Ideologen oder Fundamentalisten an die Macht kommen.

Peter Strasser. Universitätsprofessor an der Karl-Franzens Universität Graz und Philosoph (IMAGO / Rudolf Gigler) (IMAGO / Rudolf Gigler)Umdrehen und Weggehen - Ist es Zeit für eine "Ethik der Abwendung"?
Gerade in unserer Zeit mag der Zwang zu Gemeinschaft umschlagen in Revolte, zwanghaftes Aufbegehren, Querdenkerei. Der österreichische Philosoph Peter Strasser plädiert deshalb für eine Ethik der Abwendung.

Genau dieses Szenario der Gelassenheit, der Nüchternheit und des Pragmatismus, gepaart mit Genussfreude und Machtverzicht war es, das konservativen Kulturkritikern um 1900 als "Untergang des Abendlandes" erschien. Der deutsche Philosoph Oswald Spengler beispielsweise diagnostizierte in den 1910er-Jahren, der moderne Westen sei auf dem Weg von der Kultur zur Zivilisation. Unter letzterer verstand Spengler eine Phase des Materialismus, der Sachlichkeit, der Vergnügungssucht, der Amoral. Hinter den Werten der Moderne, vor allem denen der Französischen Revolution, witterte er nichts als die Herrschaft des Geldes.

Wenn man sich heute umschaut, so spielen, allem Hedonismus und Materialismus zum Trotz, Begriffe wie Stolz, Respekt, Anerkennung weiterhin eine wichtige Rolle. "Überall stolze Menschen, die öffentlich stolz sind. Und wenn's grad passt, krass unsicher und deep bescheiden", twitterte der schweizerische Schriftsteller Jürg Halter entnervt im November 2019. Worüber er sich da so geärgert hatte?

Materielle Sättigung verstärkt das Bedürfnis nach Differenz

Webshops tragen ganz selbstverständlich Namen wie "Heimatstolz", während die Footer von Internetseiten "stolz präsentiert von Worldpress" verkünden. Am Weltfrauentag 2019 wurde der Hashtag #proudandloud lanciert, in der Gay Pride‑Bewegung ist der Begriff "Stolz" prominent im Namen verankert. Und natürlich führen Rechtspopulisten den Stolzbegriff ebenfalls im Munde. Alles unterschiedliche Stolzintentionen, schon klar. Aber die Realität erschöpft sich nicht in Intentionen. Begriffe und Diskurse entwickeln eine Eigendynamik, über die die Sprecher keine, nun ja: Macht haben.

Die eben genannten Beispiele zeugen, unter unterschiedlichen Vorzeichen, vom Bedürfnis, die jeweils eigene Besonderheit anerkannt und respektiert zu wissen. So unterschiedlich sie auch sind, ein Umstand begünstigt so ziemlich alle Stolzbewegungen unserer Breitengrade – ausgerechnet der demokratische Massenwohlstand, in dem konservative Kulturkritiker einen Stolzkiller und den Sargträger höchster Werte sahen! Niemals in der Geschichte hat es in den entwickelten Industrieländern so viel Wohlstand in der Breite gegeben wie in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Selbst diejenigen, die arm sind, sind heute weitaus besser dran als jene, die in den Jahrhunderten und Jahrtausenden zuvor arm waren – was nicht bedeutet, dass damit alle Ungerechtigkeiten aus der Welt sind.

Materielle Sättigung führt jedoch nicht zur eingangs beschriebenen Utopie gelassener, genügsamer Friedfertigkeit und Indifferenz. Vielmehr verstärkt sie das Bedürfnis nach Immateriellem und Differenz. Wenn es gelungen ist, ein paar der wichtigsten Grundbedürfnisse zu befriedigen, etwa eine Wohnung zu haben, sauberes Trinkwasser und genug zu Essen, dann treten andere Bedürfnisse in den Vordergrund – darunter dasjenige, in der eigenen Besonderheit oder in der Besonderheit einer Gruppe anerkannt zu werden. Und nachdem Hauptprobleme wie absolute Armut gelöst werden konnten, werden die bisherigen Nebenprobleme zu den neuen Hauptproblemen, denen die ganze Aufmerksamkeit gilt. Die Ökobewegung und die Frauenbewegung gehen ebenso mit steigendem materiellen Wohlstand einher wie die Identitätspolitik der Black Lives Matter-Bewegung. Diese konnte nur deshalb eine so starke Präsenz entfalten, weil sich seit den 1960er‑Jahren eine schwarze Mittelschicht herausgebildet hat. Heute wird die Bewegung von Milliardären wie Michael Jordan unterstützt.

Demonstranten in Paris halten Plakate hoch. Darauf geschrieben steht "Black lives Matter" oder "Pas de Justice, pas de Paix" (picture alliance/dpa/MAXPPP | ©tatif/Wostok Press)Die Black-Lives-Matter-Bewegung wurde auch so stark, weil sich eine schwarze Mittelschicht herausgebildet hat (picture alliance/dpa/MAXPPP | ©tatif/Wostok Press)

Mit Blick auf Deutschland ist der Trend zum Distinktionsbedürfnis dahingehend bemerkenswert, dass man nach dem Zweiten Weltkrieg tunlichst vermied, Identitätsunterschiede zu politisieren. Anstatt Menschen aufgrund dieser oder jener spezifischen Identität anzuerkennen, schrieb sich die junge Republik einen Universalismus des Staatsbürgerlichen auf die Fahnen. Schon gar nicht sollte und wollte man "stolz" auf diese oder jene Identität sein. Schließlich sollten Identitäten nicht von Demagogen gegeneinander ausgespielt werden können. Im neuen Jahrtausend lässt sich jedoch ein Dominoeffekt beobachten, den der Literaturkritiker Ijoma Mangold 2019 in einem Interview mit dem Schweizer Fernsehen beschrieb. Mit Blick auf das Verhältnis zwischen einer weißen Mehrheitsgesellschaft und linksprogressiver Identitätspolitik sagte Mangold: "Sowie man […] bestimmte Identitäten [als] etwas Besonderes anerkennt, stärkt man natürlich auch eine Identität, die in diesem Spiel sonst keine Rolle spielt, nämlich, in Anführungszeichen, die der 'Ureinwohner', die der Weißen. Wenn es nur noch um Gruppeninteressen geht, [dann fragen sich diese:] warum dürfen wir Weißen nicht auch unsere Gruppe sein?"

Immaterieller Wert steigt in Zeiten der Überflussproduktion

Das Bedürfnis nach Stolz und Anerkennung des Eigenen ist also kein einheitliches Phänomen. Obwohl es ein Paradigma bildet, speist es sich aus unterschiedlichen Quellen und artikuliert sich auf unterschiedliche Weise. Im populären Gangsta-Rap beispielsweise dreht sich vieles um Stolz und Respekt, weil zum Ausdruck gebracht werden soll, dass der genretypische Materialismus kein Selbstzweck, sondern Ausdruck eines Kampfs um soziale Anerkennung ist. Man wähnt sich in einem Kampf mit der privilegierten Mehrheitsgesellschaft, die dem eigenen Empfinden nach ausgrenzt und marginalisiert. Also wird mit Hilfe von allen möglichen Statussymbolen eine möglichst starke, idealerweise furchterregende Identität aufgebaut – wenn ihr mich nicht liebt, dann hasst mich wenigstens!

In der Wirtschaft schreiben sich Unternehmen derweil "purpose" auf die Fahnen. Sie geloben, nicht nur materiellen Wert, sondern auch ideellen Mehrwert zu bieten. Damit zeichnen sie sich vor jenen Unternehmen aus, die einfach nur materielle Produkte herstellen. Hier führen also die Sachzwänge des verschärften Wettbewerbs zum Distinktionsbedürfnis: In Zeiten von Überflussproduktion ist der immaterielle Wert eines Produkts das Zünglein an der Waage des Absatzes. Wenn ich aus 20 Sorten von Haferflocken im Supermarkt auswählen kann und über einen gewissen finanziellen Spielraum verfüge – warum sollte ich nicht dasjenige Produkt kaufen, das mir nicht nur Gesundheit, sondern auch die Rettung der Pandabären, die Wiederauferstehung Lady Dis und das Ende der Klimaerwärmung verspricht? So kann ich stolz sein auf meinen Einkauf, stolz auf meinen Beitrag zum Guten und Gerechten in der Welt.

Die Neue Linke wiederum investiert ihre Energien in die Forderung nach Respekt für spezifische Identitäten, nach mehr öffentlicher Präsenz für Marginalisierte und nach Anerkennung von abweichenden Lebensstilen. Auch sie befürwortet Stolz, allerdings nicht den Stolz der Mehrheitsgesellschaft, sondern den Stolz von Minderheiten, denen die öffentliche Selbstfeier bislang erschwert war. Sie konzentriert sich auf diese eher abstrakten Aspekte, weil sie sich nicht mehr primär aus der hemdsärmeligen Arbeiterschaft und dem Prekariat rekrutiert, sondern größtenteils aus universitär gebildeten, gut situierten Kreisen – da ist es schlichtweg kompetenzbedingt, dass man sich auf Symbole, Bilder, Diskurse und Sprachspiele konzentriert. Klar ist aber, dass die symbolische Macht, die hier gewonnen werden soll, die Vorstufe zu realer Macht bildet. Erst gewinnt man die Hoheit über den Diskurs, dann über das Andere.

Europäische und amerikanische Rechtspopulisten wiederum haben sich "westliche Werte" auf die Fahnen geschrieben, nicht weil sie diese Werte selbst lebten, sondern weil sie sich damit von anderen Kulturen abgrenzen und ein Gefühl von Geborgenheit, Übersichtlichkeit und Kontrolle in der eigenen imaginierten Gemeinschaft herstellen können. Nicht zuletzt gilt es, einer im Abstieg begriffenen weißen Mittelschicht wieder ein Gefühl von Stolz zu vermitteln. Genau darin bestand die Methode Trump – wählt mich, denn ich sehe in euch nicht nur einen Haufen von Rassisten und Nationalisten! Bei mir findet ihr Anerkennung, ich würdige eure Verdienste!

Der US-Politologe Francis Fukuyama ist vor allem für seine Zeitdiagnosen bekannt. (picture alliance / dpa | Maurizio Brambatti)Menschen streben nach Distinktion, Anerkennung und Erhabenheit, so der US-Politologe Francis Fukuyama (picture alliance / dpa | Maurizio Brambatti)

Politikwissenschaftler und Philosophen wie Francis Fukuyama und Peter Sloterdijk laborieren schon seit den 1990er-Jahren daran, Stolz und Zorn als menschlicher Antriebskraft mehr Sichtbarkeit zu verschaffen. Menschen, so lassen sich Fukuyamas und Sloterdijks Thesen grob zusammenfassen, sind nicht mit materiellem Wohlstand zufrieden, sie streben nach Distinktion, Anerkennung und Erhabenheit. Fukuyama berief sich Anfang der 1990er-Jahre in seinem Buch 2The End of History and the Last Man" in einer wenig beachteten Passage auf die platonische Seelenlehre um zu begründen, warum der Trias Kapitalismus, Liberalismus, Demokratie die Zukunft gehöre. In Platons Politeia bestehen die drei Teile der Seele aus a) Thymos, deutsch: Stolz oder Zorn, b) Eros, deutsch: Begierde oder Lust, und c) Logos, deutsch: Vernunft. Dabei wacht die Vernunft über die anderen beiden Seelenteile. Kapitalismus, Liberalismus, Demokratie befriedigen laut Fukuyama sowohl das Bedürfnis nach Stolz, etwa durch wirtschaftlichen Wettbewerb und sozialen Aufstieg, wie auch nach Vernunft, nämlich durch Rechtsstaatlichkeit und politische Partizipation, und schließlich nach Begierde und Lust, nämlich im Konsum. Fukuyama kritisiert, dass man Menschen viel zu lang als vom Eros geleitete und allenfalls noch vernunftbegabte Wesen definiert hätte, nicht aber als stolzbewegte. Ehre, Respekt, Würde, Anerkennung, Macht – das ist es, wonach der aufbegehrende thymotische Seelenteil strebt, auch in Zeiten saturierter Konsumgesellschaften.

In seinem 2009 erschienenen Buch "Du mußt dein Leben ändern" setzt sich Peter Sloterdijk, der viel von Fukuyama übernommen hat, mit Anthropotechnik vor dem Hintergrund einer "vom menschlichen Dasein unabtrennbaren Vertikalspannung" auseinander. Menschen, so Sloterdijk, wollten über sich hinauswachsen, sie wollten nicht nur Entspannung, sondern auch Anspannung.

Sloterdijk spannt einen gewohnt weiten Bogen vom armlosen Geiger Carl Herrmann Unthan, der sein Instrument virtuos mit den Füßen spielte, über diverse Athleten und Asketen bis hin zu Rainer Maria Rilkes lapidarem Satz "du musst dein Leben ändern", dem Leitmotiv seines Buches. Es gäbe, so Sloterdijk, kein Menschenrecht auf Nicht-Überforderung. Raunend beobachtet er, dass in unserer Zeit "Ungeheuerliches in der Luft" liege und gewaltige Krisen und Katastrophen sich anbahnten. Zugleich bestünde eine "lähmende Harmlosigkeit sämtlicher gängigen Diskurse, gleich ob sie gesinnungs- oder verantwortungsethisch, diskurs- oder situationsethisch argumentieren". Die Reaktion auf diese Lage könne nicht "Bewahrung" lauten, vielmehr Bewährung in der erhabenen Erfahrung mit Überforderung. Akrobaten und Artisten, im übertragenen und buchstäblichen Sinne, werden damit zu den Referenzfiguren einer als behäbig empfundenen Gegenwart. Ob man das nun Lebenskunst oder Empowerment nenne, ist für Sloterdijk nur eine "Geschmacksfrage".

Sloterdijk im Roten Salon der Volksbühne. (Anke Beims )Menschen wollen über sich hinauswachsen, sie wollten nicht nur Entspannung, sondern auch Anspannung, so Philosoph Peter Sloterdijk (Anke Beims )

Grundsätzlich ist gegen Sloterdijks Beobachtung nichts einzuwenden. Sie ist liberal im besten Sinne. Eine der größten Grausamkeiten gegenüber Menschen besteht in der Tat darin, sie zu unterfordern, ihnen persönliche Weiterentwicklung zu verwehren und ihnen Sinnperspektiven zu verweigern. Ein Leben ohne Werte und Ethik; ein Leben ohne die Möglichkeit zur Selbstoptimierung; ein Leben ohne Vertikalspannung ist ein armes Leben. Doch gerade der von Sloterdijk angeführte Begriff "Empowerment" ist ein gutes Stichwort, um auf die Schattenseiten des vielgestaltigen Wunsches nach Distinktion, Stolz und Anerkennung hinzuweisen: Im Verbund mit "Empowerment" führt er zu einer anabolen Kultur; zu einer Kultur, in der Macht und Stärke zu Leitmotiven werden.

Militarisierung gesellschaftlicher Konflikte

In der Tat ist es ja, als bestünde die Welt nur noch aus Muskeln. Empowerment! Followerpower! Global Power! Superpower! Student Power! Female Power! Resistance! Resilienz! Rise Against! Organisiert euch, optimiert euch, wappnet euch, lernt zu kämpfen, setzt euch durch! Entwickelt eine Haltung, ein Ethos, eine Moral! Wir müssen schnell diese da in Machtpositionen bringen, dann jene, dann jene! Werbeplakate, auf denen Kunden als Superhelden zu sehen sind. Ratgeberbücher, die Stärkung des Selbstbewusstseins versprechen. Starke Statements, starker Widerstand, starke Wirtschaft, starke Körper, starke Meinungen, starke Frauen, strong Leadership, gemeinsam sind wir stark. "Keine Macht für niemand", tönte es zu einer Zeit, als die Linke noch Punk war. Nun erschallt der Ruf: "Alle Macht für alle!" Wenn wandelnden Steroiden wie Donald Trump eines gelungen ist, dann dies: Dass alle anderen, nicht zuletzt seine Gegner, sich ebenfalls wieder stark und mächtig fühlen wollen, da man eben stark und mächtig sein muss, um gegen Starke und Mächtige zu bestehen.

Die Kampfsportcenter verzeichnen rege Zuläufe, man deckt sich mit Pfefferspray, Schreckschuss- und schrecklicheren Waffen ein, liest hektisch aktivistische Manuals, stapft mit sloganschwangeren Pappschildern durch Innenstädte, kanzelt in den Sozialen Medien Zwischentönezwitschernde als Streikbrecher ab, empört sich überhaupt sehr gerne und sehr oft, panzert den eigenen Lebenslauf mit Myriaden von Zertifikaten gegen die Fährnisse der Zukunft und sortiert seine Zeitgenossen in Paradiesarchitekten oder Paradiesverhinderer ein. In den USA sieht man, wozu diese Aufrüstung des Denkens führt – zur buchstäblichen Militarisierung gesellschaftlicher Konflikte.

Was in der Kultur der Werte und des Empowerments verloren gegangen ist, ist die gemeinsame Arbeit an einer Kultur des Machtverzichts und der Schwäche – einer Schwäche, die sich gerade nicht mit positivpsychologischen Taschenspielertricks wiederum als Stärke begreift. Das nämlich ist die neoliberale List: Deine Schwäche ist immer willkommen, wenn du sie auf einem Twitter-Account zelebrierst und massig Follower sammelst, einen Bestseller darüber schreibst, in Talkshows darüber referierst oder sie vermittels einer medienwirksamen Performance in einer New Yorker Kunstinstitution inszenierst! Neoliberalismus lebt davon, dass alles einen Wert hat und alles zu einem Asset gemacht werden kann. Nein, diese Schwäche ist nicht gemeint. Gemeint ist Schwäche. Schwache Schwäche. Schwäche, die schwach genug ist, sich als solche anzuerkennen. Es bedarf eben nicht der Stärke, sich Schwächen einzugestehen. Es bedarf der Schwäche.

Die Avengers in kämpferischen Posen (picture alliance/ dpa / Collection Christophel / Marvel Studios)Superheldenfilme sind auch Zeichen einer wachsenden Sehnsucht nach übermenschlicher Stärke (picture alliance/ dpa / Collection Christophel / Marvel Studios)

Dass wir angesichts gewaltiger globaler Herausforderungen und wachsender sozialer Unruhen weniger Stärke und mehr Schwäche benötigen, weniger Macht und mehr Ohnmacht, mag ein zutiefst kontraintuitiver Gedanke sein. Aber ist es nicht die ewige Wiederkehr der Kulte der Stärke und des Begehrens nach Macht, die zu vielen Problemen überhaupt erst geführt hat, welche es nun mit aller Macht, im Namen der Werte zu lösen gilt? Etwa zu kraftmeierischen Mentalitäten, die sich nicht mehr lange mit Differenzierungen aufhalten, sondern knallige Kollektivsingulare auf Twitter rausballern: Die Weißen! Die Frauen! Der Mann! Die People of Color! Ist die aktuelle Flut an Superheldenfilmen, so gebrochen manche Figuren auch sein mögen, vielleicht Zeichen einer wachsenden Sehnsucht nach übermenschlicher Stärke? Der Künstler Jonathan Meese beobachtet, dass trotz aller Liberalisierungen, Öffnungen und Demokratisierungen eines bestehen bleibe: der Wille zur Macht, der Wille zur Menschenherrschaft über Menschen im Namen von Idealen, die das Poetische, Spielerische, Kindliche zermalmen. Im Jahr 2010 schrieb er über sich in der dritten Person: "Jonathan war, ist und wird immer unfähig sein, Menschenmacht zu erdulden. Jonathan Meese wollte sich noch nie, auch nicht als Kind, selbstverwirklichen. Rückzug, Kapitulation, Intrige, Zynismus und Kreativität waren nie sein Ding. Es geht immer nur um das freie Spiel der Kräfte. Kapitän Ahab, Kapitän Bligh, Humpty Dumpty, Zardoz, Megan Fox und vor allem Scarlett Johansson sind als Zustand liebevollste Vorreiter einer verheißungsvollen, instinktiven Zukunft."

Seit Trumps Präsidentschaft stehen das Offene, Spielerische, aber auch das Poetische, Verletzliche, Feinsinnige, Zarte, Ironische, Diffuse mehr denn je unter Verdacht, den Kampf gegen das Böse in der Welt zu torpedieren. Denn für diesen Kampf braucht es Macht, Organisation, Härte, keine dichterischen Zärteleien! Und Werte, versteht sich; Werte, denen zuliebe man in den Kampf zieht. Es ist die große Zeit der instrumentellen Theorien und der Ratgeberliteratur. How To! Dabei benötigten wir so dringend wie schon lange nicht mehr: Ratlosigkeitsgeber. Oder, mit einem der schönsten Songtexte von Tocotronic gesprochen – Kapitulation: "Und wenn du kurz davor bist / Kurz vor dem Fall / Und wenn du denkst / 'Fuck it all!' / Und wenn du nicht weißt / Wie soll es weitergehen / Kapitulation ohoh / Kapitulation ohoh / Kapitulation ohoh / Kapitulation ohoh."

person holding sign with picture of a man wearing clown face art (Jannes Van den wouwer (Unsplash)) (Jannes Van den wouwer (Unsplash))Politik als Manege - Das Zeitalter der Clowns
Wir leben in einer Ära der politischen Clownerie, meint der Autor Torsten Körner: Aus der Downing Street sei längst die Clowning Street geworden und das Weiße Haus zur Kulisse einer absurden Fernsehshow mutiert.

Wo sind eigentlich die Menschen, die ihre Werte, Meinungen, Haltungen nicht vor sich hertragen wie Monstranzen; Menschen, die nicht stolz, sondern demütig sein wollen; Menschen, denen das Nebelweiche lieber ist als scharfe  Konturen; Menschen, die eingestehen, dass sie nicht sicher wissen, was und vor allem wie es zu tun ist – und genau deshalb auf andere angewiesen sind, sich mit anderen austauschen, sich mit ihnen vernetzen, von ihnen lernen, mit ihnen zusammenarbeiten, auch über Gräben hinweg? "Die Tatsache, dass unser Leben von anderen abhängt, kann auch zur Grundlage einer Forderung nach nichtmilitärischen politischen Lösungen werden", heißt es bei der Philosophin und Aktivistin Judith Butler. Nach Macht, Autonomie und Freiheit zu streben, ist nur zu verständlich. Aber vielleicht sollten wir zugleich nach mehr und nach neuen Abhängigkeiten streben, um ein stabileres soziales Geflecht zu bilden.

Menschen, die ihre Abhängigkeit anerkennen und nicht einfach eine "starke Position" vertreten oder eine "starke Meinung" haben, gelten in der Öffentlichkeit schnell als schwach. Anders als Aktivisten und Populisten, die wissen, wo's langgeht und wo die Wahrheit wohnt. Believe in Facts and Science! Make America Great Again! Wie wohltuend. Doch erst das Eingeständnis der eigenen Ratlosig- und Bedürftigkeit setzt wahre Erkenntnis- und Solidarisierungsprozesse in Gang. Man kennt das aus der Wissenschaft. Da gibt's die einen, die mit ehernen Thesen in die Forschung gehen, um genau diese zu beweisen. Das vorab festgelegte Ergebnis klingt zunächst mal toll. Stark. Klar. Der Kapitalismus! Das Patriarchat! Die Einwanderung! Das Klima! Auf lange Sicht erweisen sich die Ergebnisse als brüchig. Langfristig erfolgreicher sind Suchende, die nicht schon am Anfang wissen, was sie finden werden. Die nicht ihre "Werte" verteidigen wollen, sondern ergebnisoffen forschen. Die hadern, die Beistand bedürfen, die nicht einem geschlossenen Denkkollektiv angehören. Was sie herausfinden, ist oft weniger knallig. Aber womöglich nachhaltiger. Denken wir an die Coronakrise. Da gab es die einen, die von Beginn an wussten, dass das Virus "nur eine Grippe" sei. Und andere, die von Beginn an wussten, dass nur flächendeckende Lockdowns hülfen. Was strotzten diese Typen vor Gewissheit! Das war's dann auch. Und dann gab es jene, die demütig, im Wissen um ihr Noch-Nicht-Wissen ergebnisoffen zu arbeiten begannen, sich Schritt für Schritt im Nebel orientierten, sich international vernetzten, austauschten und experimentierten. Diese Menschen haben uns weitergebracht.

Der Mensch als endliches, verletzbares Wesen

In der verblichenen postmodernen Theorie, die heute sowohl von materialistisch‑universalistischen Linken wie auch von gegenwartsüberforderten Rechten lächerlich gemacht wird, gibt es das schöne, fragile Theorem des "schwachen Denkens". Geprägt hat es der italienische Philosoph Gianni Vattimo, ein schwuler italienischer Linkenpolitiker und atheistischer Katholik, der die Postmoderne im Christentum angelegt sieht. Wenn man so will, bildet er eine Unwahrscheinlichkeitsallianz mit sich selbst. In einem Interview sagte Vattimo 2011: "'Schwaches Denken' meint […], dass ich mich nicht auf die absoluten Wahrheiten berufen kann, sondern anerkennen muss, dass ich selbst nur ein Wesen bin, das sich seiner Beschränkungen bewusst ist. […] Ich bin mir bewusst, dass der Mensch ein endliches, verletzbares Wesen ist, dem ich mit Respekt und ohne Gewaltanwendung begegnen muss. Indem ich das Gefühl des Mitleids verspüre, entdecke ich, was ich als Schwäche bezeichne; wenn ich jemanden leiden sehe, entwickle ich spontan das Gefühl des Mitleids." Vattimo sekundierte Friedrich Nietzsche dahingehend, dass sich die höchsten Werte in der Moderne zwar aufgelöst hätten. Darin sieht er jedoch gerade nicht den Beginn einer Ära der nackten Machtentfaltung, sondern eine Chance zu Dialog und Pluralismus statt Letztbegründungen und Ausschluss. Die Denker Gilles Deleuze und Félix Guattari forderten zurecht: "Lasst keinen General in euch aufkommen!"

Heute scheint es, als seien die Generäle wieder auf dem Vormarsch, mitsamt dem ihnen eigenen Hang zu Generalisierungen. Auch der Pluralismus wird von manchen als höchster Wert verabsolutiert und zur Essenz des "Guten" stilisiert; zu einer Sicherheit spendenden Wahrheit. Aber Pluralismus ist alles andere als "sicher". Er ist fragil, er macht viel Arbeit, er ist eine ewige Herausforderung. Erinnert werden sollte deshalb daran: Wir werden geboren als eines der schwächsten aller Wesen. Unverhältnismäßig lange bleiben wir schutzbedürftig, unverhältnismäßig hoher Kulturaufwand ist nötig, um unsere Existenz zu sichern – schon bei einer kleinen Unterbrechung des Glasfasernetzes bricht das mühsam errichtete zivilisatorische Gebäude zusammen. Es sind nicht die starken Werte, es ist nicht das Empowerment, es ist gerade die Schwäche der Menschen, es ist gerade ihre Bedürftigkeit, es ist gerade ihre Ambivalenz, die sie zu Kulturleistungen inspiriert. Der Stolz mag am Ende eines Prozesses stehen, am Anfang ist er kontraproduktiv. Wer gelernt hat, sich von Beginn an auf Stolz und Stärke zu verlassen, kloppt das Unliebsame weg und robotert weiter. Das ist die Methode Trump, Bolsonaro, Maduro & Co. Auch "Nazis von der Straße kloppen" erweist sich als eher schwierig. Erst die Einsicht in unsere eigene Schwäche bringt uns dazu, uns mit anderen zu verbinden. Und nein, das ist eben nicht eine paradoxe Form von Stärke. Mit Framing kommt man hier nicht weiter – Dingen einen anderen Namen zu geben, verändert zunächst einmal nicht die Dinge selbst, sondern, nun ja, eben nur deren Namen. Wer Schwäche sagt, aber Stärke meint, hat nicht verstanden, worum es geht.

Es sind die, die nicht laufen können, deretwegen wir Anatomie verstehen wollen und Apparate konzipieren, deren Technologien sich auch in anderen Bereichen des Lebens als nützlich erweisen. Es sind die Schüchternen und Introvertierten, die aus der Zurückgezogenheit einen anderen Blick auf die Gesellschaft werfen. Es sind die Unentschlossenen, Hadernden und Bedachten, die uns erkennen lassen, dass sich unsere Bekenntnisse, Pamphlete, Manifeste, Programme, Forderungskataloge, Petitionen und Hashtags zwar wunderbar als Brechstangen für Veränderungen einsetzen lassen, aber das zu Verändernde dafür auf ein unterkomplexes Abziehbild der Welt reduzieren – am Ende verändert man das Abziehbild der Welt, nicht aber die Welt. Es sind die Differenzierten, die sich im medienöffentlichen Diskurs nie so wuchtig durchsetzen können wie die anabolen Fleischhauers und Stokowskis und Yaghoobifarahs und Don Alphonsos. Doch genau die oft blass und kompromisslerisch wirkenden Zeitgenossen können uns mit Blick auf Gesellschaft und Politik vermitteln, was wir aus der Musik kennen: Der geile Popsong ist geil für die Party, aber die Party ist nun mal die Ausnahme. Der Rest der Woche ist Alltag. Wenn es ein Mantra für unsere Umbruchszeit gibt, dann ist es ein Satz von Gustav Heinemann: "Nicht der Krieg, sondern der Friede ist der Ernstfall, in dem wir uns alle zu bewähren haben."

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