Mittwoch, 28.10.2020
 
Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteInterview"Wir müssen früher als Wirtschaft in die Schulen gehen"09.09.2010

"Wir müssen früher als Wirtschaft in die Schulen gehen"

DIHK: Schulen und Eltern müssen Kinder besser auf Ausbildung vorbereiten

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag hat die Bedeutung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund für die Wirtschaft hervorgehoben. Diese Auszubildenden seien eine Chance für die Firmen, sagte der Hauptgeschäftsführer, Martin Wansleben.

Martin Wansleben im Gespräch mit Christoph Heinemann

Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer DIHK (DIHK)
Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer DIHK (DIHK)
Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Fatma ist nicht doof

Externe Links:

Deutscher Industrie- und Handelskammertag (DIHK)

Christoph Heinemann: Thilo Sarrazin hat viel Wirbel mit einem Buch ausgelöst, von dem viele sagen, der Autor sei ja gar kein ausgewiesener Experte für Migration oder Integration von Zuwanderern. Aber er hat einen empfindlichen Nerv getroffen. Gestern hat die Bundesregierung beschlossen, Anreize dafür herzustellen, dass in deutschen Schulen mehr Lehrer mit Migrationshintergrund unterrichten. Augenblicklich sind es gerade einmal 1 bis 2 Prozent in den Lehrerkollegien. Rainer Brandes hat in Köln zwei türkischstämmige Referendarinnen, also angehende Lehrerinnen, nach ihren Erfahrungen befragt.

"Ich merke es ja auch jetzt an der Schule, dass Eltern und auch Schüler total erstaunt sind, wenn sie dann hören, dass ich halt türkisch bin. Oh, du bist Türkin? Also die Kinder sind immer total baff, auch die Eltern. Wir sind so noch die Exoten."

"Das hat mir meine Mentorin mal gesagt, das habe ich erst selbst gar nicht bemerkt, dass ich vor allem von den türkischen Mädchen in der Klasse sehr als Vorbild genommen werde, weil es auch eine andere Richtung gibt, als jetzt nur eine "Ausbildung" zu machen, oder nur Hausfrau und Mutter zu sein, sondern auch zu studieren, auch mal alleine zu leben."

Heinemann: Auch Schüler fänden es gut, wenn es in Deutschland mehr Lehrer mit ausländischen Wurzeln gäbe.

"Es wäre wesentlich besser, wenn wir türkische oder arabische Lehrer hätten, damit sie uns verstehen können. Sie würden gar keine Vorurteile haben, sie würden uns gleichberechtigen."

"Ich bin halb Araberin, halb Türkin, und ich habe erlebt, dass häufig arabisch oder auch türkisch geflucht wird über die Lehrer. Das würde nicht passieren, wenn die Lehrer selbst die Sprache sprechen würden."

Heinemann: Schülerinnen zum Vorschlag, mehr Migrantenlehrer einzustellen. – Am Telefon begrüße ich Martin Wansleben, den Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages. Guten Morgen!

Martin Wansleben: Guten Morgen, Herr Heinemann.

Heinemann: Herr Wansleben, das Handwerk klagt immer, die Schüler seien nicht genug oder nicht gut genug ausgebildet. Ist das jetzt eine gute Idee, mehr Lehrer mit Migrationshintergrund anzuwerben?

Wansleben: Ich fand die Kommentare der Schülerinnen und Schüler eigentlich ganz überzeugend. Ich glaube, was wichtig ist, dass die Schülerinnen und Schüler sehen, dass es auch Migranten gibt, die sich integrieren, die auf die Schule gegangen sind, die sogar studiert haben. Ich glaube, Vorbilder ist schon das Wichtigste. Und das, was wir seitens der Wirtschaft ja leider bemängeln müssen, ist, dass zu viele Jugendliche mit Migrationshintergrund nicht gut genug, nicht qualifiziert genug von der Schule gehen und wir dann eben Probleme haben, diese dann in die betriebliche Ausbildung zu integrieren.

Heinemann: Wie ist das denn in der betrieblichen Ausbildung? Wie viele Handwerksmeister mit Migrationshintergrund bilden denn dort aus?

Wansleben: Ich kenne die Zahlen nicht genau. Das ist aber eine große Herausforderung, die Sie angesprochen haben. Wir haben seitens der Industrie- und Handelskammern und der Handwerkskammern vor Jahren schon gestartet eine Aktion, nicht nur in die Betriebe zu gehen, sondern auch in die Moscheen zu gehen, um genau da anzufangen, um zu sagen, liebe Eltern, liebe Unternehmerinnen, liebe Unternehmer mit Migrationshintergrund, ihr müsst das Thema Ausbildung ernst nehmen. Wenn ihr als Unternehmer Ausbildungsplätze anbietet, wenn ihr euch als Eltern damit befasst, dann signalisiert ihr den Kindern, dass das ein wichtiges Thema ist.

Ich bin ein bisschen traurig darüber, dass man jetzt so tut, Migrationshintergrund gleich Probleme. Ich meine, es sind 13 Prozent der Jugendlichen, die von der Schule gehen, ohne dass sie einen qualifizierten Abschluss haben. Das heißt aber, immerhin über 80 Prozent sind nicht der Fall.

Und was ich wirklich gerne ergänzen möchte ist: In den Diskussionen in den Moscheen war ich schon persönlich sehr erstaunt, wie deutlich dort auch in diesem Falle von Türken das Problem angesprochen worden ist, mangelnde Qualifikation, mangelnde Integration und eine Riesengefahr von Kriminalität. Also wir sollten nicht so tun als Deutsche, dass zum Beispiel jetzt in den türkischen Gemeinden dieses Thema nicht sehr, sehr deutlich angesprochen wird.

Heinemann: Gleichwohl – Sie haben es ja eben selber gesagt – gibt es immer aus den Betrieben wieder die Klage, Jugendliche mit Migrationshintergrund seien schlechter qualifiziert als die deutschen Bewerber.

Wansleben: Ja, klar. Ich meine, das ist leider so, dass die Wahrscheinlichkeit, dass jemand mit Migrationshintergrund Eltern hat, eine Mutter hat, die nicht so gut Deutsch können, und deswegen nicht selbstverständlich in die Sprache hineinkommt. Fast muss man jetzt sagen, leider gibt es auch Satellitenfernsehen, sodass man türkisches Fernsehen zum Beispiel hier in Deutschland ohne Probleme empfangen kann. Das heißt also, die Kinder gucken noch nicht mal deutsches Fernsehen.

Das ist ein Problem und wir wollen deshalb sehr offensiv dieses Thema im Rahmen der Verlängerung des Ausbildungspaktes angehen. Also wir müssen früher als Wirtschaft in die Schulen gehen, wir müssen früher versuchen, die Jugendlichen zu interessieren für das, was in den Unternehmen stattfindet, dass das eine faszinierende Welt ist, damit die Kinder nicht einfach nur so in die Schule gehen, sondern damit sie das Lernen in der Schule, damit sie die Schularbeiten, die Klassenarbeiten verbinden können mit neuen Perspektiven, mit Chancen für ihr weiteres Leben.

Heinemann: Herr Wansleben, gibt es vielleicht auch in den Betrieben Hindernisse? Kennen Sie Chefs, anders gefragt, die sagen, in meinen Betrieb kommt kein Ausländer?

Wansleben: Nein, kenne ich nicht. Viele Unternehmen wissen natürlich, dass sie selbst vom Export leben. Viele Unternehmer, auch die selbst nicht exportieren, wissen, dass Deutschland als Exportweltmeister, als Vizeweltmeister, aber immer noch mit der größten Exportquote, klar davon lebt, dass andere uns die Tür aufmachen und sagen, wir finden klasse, dass die Deutschen exportieren. Wir leben also von einer Weltoffenheit. Aber es ist keine Frage: Wir laufen schon durch die Gegend und werben dafür, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund nicht nur eine Last sein müssen, weil sie eben meinetwegen mit einer schlechteren Qualifikation von der Schule kommen, sondern auch eine Chance sind, weil sie sich zum Beispiel – nehmen wir das konkrete Beispiel – eben mit der türkischen Kultur auskennen und insofern eine gute Brücke bauen können zwischen deutschen Lieferanten und türkischen Kunden.

Heinemann: Herr Wansleben, wenn es diese Hemmschwellen nicht gibt, dann verstehe ich nicht, warum Hauptschüler – und Sie kennen die Klagen auch – und Sozialarbeiter immer wieder sagen, unsere Schüler mit Migrationshintergrund können noch so gute Abschlüsse von den Hauptschulen haben, sie haben einfach keine Chance bei der Bewerbung.

Wansleben: Ich glaube nicht, dass das stimmt. Ich würde auch davor warnen, den Jugendlichen so den Schneid abzukaufen. Wir machen gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit, die Industrie- und Handelskammern und auch die Handwerkskammern, regelmäßig Nachvermittlungen und leider kommen zu wenig Jugendliche dahin. Die Jugendlichen, die dahin kommen, die können sich fast den Ausbildungsplatz aussuchen.

Deswegen bin ich der Meinung, nicht theoretisch darüber diskutieren. Die Jugendlichen mögen sich bitte an die Bundesagentur, an die Handwerkskammern und oder an die Industrie- und Handelskammer wenden. Sie mögen die Einladungen ernst nehmen. Wir wissen, dass das eine wichtige Herausforderung ist.

Nur eines gehört natürlich auch zur Wahrheit: Die Unternehmen können nicht kompensieren, sie können nicht reparieren, was vorher die Eltern, die Kindergärten, die Schulen nicht geschafft haben.

Heinemann: Aber das ist doch kein Problem von Migranten. Oder anders gefragt: Ist das eigentlich eine Integrationsdebatte, die wir führen müssen, oder eine Unterschichtendebatte, die wir führen müssen? Es gibt doch auch viele schlecht integrierte Deutsche.

Wansleben: Leider haben Sie Recht. Ich zögere jetzt mit der Unterschichtendebatte, aber Sie haben völlig Recht. Auch wenn die Prozentzahlen - deutschstämmige Jugendliche sind etwa nur zur Hälfte davon betroffen, aber Sie haben völlig Recht. Deswegen warne ich auch davor, jetzt Migrationshintergrunds-Jugendliche von vornherein zu stigmatisieren. Das wäre völlig falsch. Ich bin dankbar für die Frage.

Wir haben in der Tat ein Integrationsproblem. Wir haben ein Problem, dass es zu viele Jugendliche gibt, die mit einer zu geringen Qualifikation, ja eigentlich muss man sagen, in den Kindergarten, in die Schulen kommen und dann auch die Schulen verlassen, und dass die Betriebe dann auch überfordert sind. Sie können das nicht kompensieren. Wir müssen und wollen das Thema seitens der Wirtschaft angehen, aber, um das auch deutlich zu sagen, am Ende wird es weder der Wirtschaft, noch dem Staat möglich sein, die Kinder von dem Schicksal der Eltern zu befreien. Deswegen auch ein ganz klarer Aufruf – das sage ich auch als Vater -, kümmert euch um die Kinder. Wenn sich nicht die Eltern um die Kinder kümmern, alle anderen werden das schlechter können.

Heinemann: Herr Wansleben, Thilo Sarrazin hat provoziert und er will auch provozieren. War das ein heilsamer Schock, oder des Unguten zu viel?

Wansleben: Persönlich, muss ich Ihnen sagen, bin ich insofern unglücklich über die Diskussion, weil sie sehr undifferenziert geworden ist. Ich fange jetzt langsam an, mich so richtig damit zu beschäftigen, lese alle Zeitungsartikel. Da gibt es ja interessante dabei.

Heinemann: Meinen Sie die Diskussion, oder das Buch?

Wansleben: Das Buch und die Artikel, die dazu sind. Die Diskussion ist völlig überpointiert und ich habe persönlich große Angst davor, dass wir in so eine Freund-Feind-Diskussion kommen, die sind gut, die anderen sind schlecht. Ich glaube, dass wir gut beraten sind, Vielfalt als Chance zu sehen, und ich glaube, dass die Zukunft darin besteht, dass Deutschland die Tore öffnet und bewusst mit dem Integrationsthema umgeht, und zwar ohne negative Vorurteile.

Heinemann: Wäre Thilo Sarrazin Vorstandsmitglied des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, hätten Sie ihn dann ausgeschlossen?

Wansleben: Das ist eine hypothetische Frage, die kann ich nicht beantworten. Ich habe mich selbst mal gefragt, wenn ich in einer analogen Situation wäre als Hauptgeschäftsführer des DIHK, wie ich dann vorgehen müsste. Ich glaube, ich würde dann den DIHK verlassen müssen, weil ich wüsste, dass das, was ich sage, nicht nur der Person Martin Wansleben zugerechnet wird, sondern zumindest in dieser Intensität am Ende auch dem Arbeitgeber, und wenn das nicht die Auffassung des Arbeitgebers ist, ich glaube, dann muss man einfach der Sache wegen und auch der eigenen Glaubwürdigkeit wegen dann sagen, dann gehe ich auch alleine meinen Weg.

Heinemann: Das heißt, Sie halten es für richtig, dass er aus der Bundesbank und aus der SPD ausgeschlossen werden soll?

Wansleben: Ich würde mir wünschen, dass man nicht diese spektakulären Aktionen machen müsste, sondern dass es eine andere Form von Verständigung gibt.

Heinemann: Danach hatte ich allerdings nicht gefragt. Ich fragte, ob Sie es für richtig halten, dass er gehen muss.

Wansleben: Ich habe Gott sei Dank die Entscheidung nicht zu treffen. Ich finde es richtig, dass die Bundesbank sagt, das was Thilo Sarrazin dort macht ist nicht Aufgabe der Bundesbank, und ich kann verstehen, dass Herr Weber sagt, das wird so stark möglicherweise mit der Bundesbank verbunden, dass es auf Dauer die Unabhängigkeit, auch die politische Unabhängigkeit der Bundesbank schädigt, und wir alle sind bislang gut damit gefahren, dass die Bundesbank sich konzentriert auf die Geldpolitik und nicht sich in politische Diskussionen einmischt.

Heinemann: Martin Wansleben, der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages. Danke schön für das Gespräch und auf Wiederhören!

Wansleben: Bitte sehr.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk