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StartseiteForschung aktuell"Wir müssen unsere Energiepolitik ganz neu ausrichten"12.11.2008

"Wir müssen unsere Energiepolitik ganz neu ausrichten"

Internationale Energieagentur fordert mehr Investitionen in die Energieforschung

Umwelt. - Die Internationale Energieagentur (IEA) in Paris hat heute ihren "World Energy Outlook 2008" vorgestellt. Der jährlich aktualisierte Welt-Energieausblick gilt als der für den Energiesektor wichtigste Wegweiser in die Zukunft. Die IEA fordert die Energieproduzenten in ihrem Bericht eindringlich dazu auf, ihre CO2-Emissionen schleunigst zu reduzieren. Dabei komme der Förderung von Wissenschaft und Technik eine maßgebliche Rolle zu.

Von Volker Mrasek

Windkraft, Solarenergie und Wasserkraft - die IEA fordert den Ausbau erneuerbarer Energien. (AP)
Windkraft, Solarenergie und Wasserkraft - die IEA fordert den Ausbau erneuerbarer Energien. (AP)
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Im Jahr 2030 wird die Welt über 40 Prozent mehr Energie benötigen als heute, und selbst der Bedarf für klimaschädliches Erdöl soll weiter kräftig steigen. Diese Prognose liefert die Internationale Energieagentur IEA in ihrem neuesten Ausblick für die kommenden Jahrzehnte. Verantwortlich für den enormen Zuwachs sind vor allem China, Indien und die Länder des Mittleren Ostens mit ihrem ungebremsten Wirtschaftswachstum. Dem gegenüber stehen aber rückläufige Fördermengen in vielen Öl-Feldern. Der Chef-Ökonom der IEA, Fatih Birol:

" Nehmen wir mal an, der Öl-Bedarf würde in den nächsten 25 Jahren überhaupt nicht steigen. Selbst dann müssten wir 45 Millionen Barrel pro Tag zusätzlich produzieren - nur, um die abnehmenden Fördermengen in den bestehenden Öl-Feldern zu ersetzen. Das heißt, wir brauchen im Grunde vier zusätzliche Saudi-Arabiens. "

Der türkische Wirtschaftswissenschaftler und Energie-Ingenieur geht davon aus, dass die Öl-Ausbeute in den existierenden Feldern schon bald beschleunigt zurückgeht:

" Viele der weltgrößten Öl-Lagerstätten werden schon lange ausgebeutet und erschöpfen sich allmählich. Sie müssen zunehmend durch kleinere Felder an Land oder durch Offshore-Felder auf See ersetzt werden. Die Deckung des Öl-Bedarfs wird daher zukünftig immer schwieriger und wir haben allen Grund, besorgt zu sein. "

Große Sorgen machen sich die IEA-Strategen auch wegen des Klimawandels. Schon heute stammten mehr als drei Fünftel der weltweiten Treibhausgas-Emissionen aus dem Energiesektor. Dringend nötig sei daher eine - Zitat - "Decarbonisierung" dieses Wirtschaftszweiges, sprich: eine Energieerzeugung, die möglichst und zusehends ohne klimaschädliche Kohlendioxid-Emissionen auskommt:

" Wir müssen unsere Energiepolitik ganz neu ausrichten. Es geht darum, möglichst effizient mit Energie umzugehen. Autos, Lkw und Flugzeuge, aber auch Fernseher, Computer und unsere Beleuchtung müssen so verbrauchsarm wie möglich werden. Wir sollten erneuerbare Energieträger stärker ausbauen: Windkraft, Solarenergie und Wasserkraft. Dort, wo sie akzeptiert wird, können Länder die Kernenergie nutzen. Sie kommt praktisch ohne CO2-Emissionen aus. Auf jeden Fall müssen wir viel mehr Geld in Forschung und Entwicklung stecken, um neue, CO2-arme Technologien auf den Weg zu bringen. "

Zu diesen Technologien zählt die IEA auch "Carbon Capture and Storage". Das ist der englische Begriff für die Abtrennung und Einlagerung von Kohlendioxid aus dem Abgas von Kohlekraftwerken. Andere sprechen lieber vom CO2-freien Kraftwerk. Das Projekt ist umstritten und erst in der Erprobungsphase. Fatih Birol hält die Technologie aber für unverzichtbar, um fossile Kraftwerke in Zukunft klimaverträglich betreiben zu können.

Der IEA-Experte kritisiert allerdings, dass die Forschung hier längst viel weiter sein könnte - genauso wie bei der Entwicklung erneuerbarer Energietechnologien:

" Der Wissenschaft kommt hier eine Schlüsselrolle zu, und deshalb müssen wir viel stärker in sie investieren. Immer mehr Regierungen betonen, dass wir unsere CO2-Emissionen bis zur Jahrhundertmitte halbieren müssen. Tatsächlich hat die Politik in den letzten 20 Jahren die Budgets für die Energieforschung halbiert. Das ist ein eklatanter Widerspruch. "

Der jährliche Ausblick der Internationalen Energieagentur diene der Politik als wichtige Entscheidungsgrundlage, heißt es im Vorwort. Man darf gespannt sein, ob sie auf die heftige Schelte reagiert.

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