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StartseiteKultur heute"Wir sollten verhindern, dass der Antikenhandel davon profitiert"17.08.2013

"Wir sollten verhindern, dass der Antikenhandel davon profitiert"

Archäologe über die Plünderung syrischer Kulturschätze

Der Bürgerkrieg in Syrien bedroht auch das Kulturerbe des Landes, etwa die Altstädte von Damaskus und Aleppo oder archäologische Fundstätten. Manche Kriegsparteien finanzierten sich durch Raubgrabungen, berichtet Kay Kohlmeyer, langjähriger Leiter archäologischer Grabungen in Syrien.

Kay Kohlmeyer im Gespräch Kathrin Hondl

Der Archäologe Kay Kohlmeyer lehrt an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Der Archäologe Kay Kohlmeyer lehrt an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Kathrin Hondl: Mehr als 100.000 Menschen haben im syrischen Bürgerkrieg ihr Leben verloren – und die anhaltenden Kämpfe fordern jeden Tag mehr Opfer. Menschenleben werden zerstört und ihnen, den Menschen, gilt natürlich die erste Sorge. Aber auch die Kultur der Menschen in Syrien geht verloren: Im Juni hat die UNESCO sechs syrische Kulturdenkmäler auf die Liste des "besonders bedrohten" Welterbes gesetzt. Dazu gehören zum Beispiel die Altstädte von Aleppo und Damaskus, oder auch der Krak des Chevaliers, die berühmte Burgfestung aus der Zeit der Kreuzritter.

Am Telefon ist Kay Kohlmeyer, Archäologe an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin und jahrzehntelang Leiter von Ausgrabungen und Forschungsprojekte in Syrien. Herr Kohlmeyer, es ist ja in jeder Hinsicht schwierig, verlässliche Informationen aus Syrien zu bekommen. Was weiß man denn, was wissen Sie über das Ausmaß der Zerstörung des Kulturerbes in Syrien? Welche Kulturschätze sind da in Gefahr?

Kay Kohlmeyer: Es betrifft nahezu alle Fundstätten und alle Kulturstätten in Syrien, egal wo sie liegen, kann man leider sagen. Ein Teil ist direkt in militärische Aktivitäten verwickelt. Dann gibt es nach wie vor in immer größerem Ausmaß Raubgrabungen. Der Antikendienst hat einfach die Kontrolle verloren. Und diese Situation führt natürlich zu einer wirklich immer sich stärker beschleunigenden Zerstörung.

Hondl: Nun hat ja zum Beispiel die UNESCO immer wieder auf die Gefährdung dieser Welterbestätten hingewiesen und an die Kriegsgegner appelliert, das Kulturerbe zu respektieren. Und vor ein paar Tagen hat ja auch die französische Kulturministerin gefordert, dass Orte wie die Altstadt von Damaskus oder der Krak des Chevaliers oder die antiken Dörfer in Nordsyrien geschützt werden müssen. Wie sehen Sie denn die Chancen, dass solche Appelle überhaupt Gehör finden? Kann man da auf Einsicht der Kriegsparteien hoffen?

Kohlmeyer: Nein. Man darf nicht vergessen: Es ist ja ein Bürgerkrieg und auch ein Bürgerkrieg, in dem durchaus Fremde mitmischen. Der syrische Antikendienst versucht, sich neutral zu halten in dem Konflikt. Aber wen sprechen Sie da an? Das ist ja die große Frage. Die einen finanzieren sich beispielsweise durch Raubgrabungen. Dann gibt es diese Stätten, die besetzt sind, weil sie einen symbolischen Wert haben. Dazu gehört die Zitadelle von Aleppo. Da ist mit Vernunft und Einsicht nicht viel zu holen.

Hondl: Haben diese historischen Stätten schon eine ganz wichtige symbolische, auch identitätsstiftende Bedeutung für die Menschen in Syrien?

Kohlmeyer: Ja, auf jeden Fall. Die eine Seite ist: Sie sind tatsächlich wichtig für die Identität der Bevölkerung, und deswegen werden sie ja auch von der Bevölkerung in Teilen respektiert und zum Teil auch geschützt, muss man sagen. Aber auf der anderen Seite haben sie jetzt in diesem Kriegsfall natürlich einen ganz hohen Stellenwert. Wer dort sitzt auf diesen exponierten Stätten, der hat die Kontrolle, das sieht jeder. Wer dort die Flagge hochzieht, das ist der, der der Beherrschende ist.

Hondl: Nun sind ja unter den Kämpfern in Syrien auch radikale Islamisten und in den letzten Jahren haben wir immer wieder erlebt, wie zum Beispiel in Afghanistan die Buddha-Statuen zerstört worden sind oder in Timbuktu auch ganz gezielt Kunst vernichtet worden ist. Muss man so etwas auch in Syrien befürchten?

Kohlmeyer: Ja natürlich. Das kommt aus zwei Quellen heraus, möchte ich sagen. Das eine ist natürlich die Radikalität des Glaubens, der dahinter steckt. Gestern beispielsweise wurde wieder in Aleppo in einem Vorort für die Errichtung eines islamischen Kalifats demonstriert nach dem Freitagsgebet. Das ist die eine Gefahr, kann man sagen. Und jetzt kommt die andere Gefahr – und die ist damit gekoppelt, und das wird hier immer ein bisschen unterschätzt -, dass hier sehr viele Fremde involviert sind, Nordafrikaner, Tschetschenen bis hin zu Iren, auch Deutsche sind ja dort. Die verbindet nichts mit der Geschichte Syriens.

Hondl: Der Rest der Welt sieht diesem Töten und Zerstören in Syrien ja nun schon seit mehr als zwei Jahren mehr oder weniger tatenlos zu. Mehr als 100.000 Menschen sind schon getötet worden und es werden immer mehr. Es ist nicht ganz einfach, in dieser Situation über die Bedrohung von Kunstschätzen und Kulturstätten zu sprechen. Aber was meinen Sie - gibt es irgendetwas, was der Rest der Welt, was wir tun könnten oder müssten, um dieses Kulturerbe zu retten?

Kohlmeyer: Ich glaube, wir müssten primär alles tun, diesen Konflikt, der dort schwelt, nicht nur schwelt, sondern geradezu explosive Ausmaße erreicht hat, dass wir den von außen her auch versuchen zu beenden. Und das bedeutet erst mal, keine Waffen mehr zu liefern. Was wir tun können sicherlich: Wir sollten verhindern, dass der Antikenhandel davon profitiert. In Europa, den USA und auch ganz speziell in Deutschland kommen die auf den Markt. Das feuert ja die Raubgrabungen noch an und die Plünderung von Museen.

Hondl: Die Zerstörung der Kultur in Syrien - der Archäologe Kay Kohlmeyer von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin war das. Und bitte entschuldigen Sie, dass da ein paar Nebengeräusche zu hören waren – ein knarzender Parkettboden war das wohl.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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