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StartseiteEuropa heute "Wir wollen alle, dass die Grenze geöffnet wird"09.10.2009

"Wir wollen alle, dass die Grenze geöffnet wird"

Die Türkei und Armenien suchen sich zu einigen

Wegen eines Fußballspiels reiste der türkische Präsident im letzten Jahr nach Armenien - seitdem bemühen sich die Staaten um eine Annäherung. Nun soll sogar die Öffnung der Grenze vereinbart werden - nach Jahren erbitterter diplomatischer Fehde um Völkermord und die Region Berg Karabach.

Von Susanne Güsten

Opfer der türkischen Massaker an den Armeniern - jahrzehntelang ein Hindernis auf dem Weg zur Einigung (AP Archiv)
Opfer der türkischen Massaker an den Armeniern - jahrzehntelang ein Hindernis auf dem Weg zur Einigung (AP Archiv)

Auf den staubigen Dorfstraßen von Alican wird über Außenpolitik diskutiert. Mindestens so erregt und leidenschaftlich wie in der Hauptstadt Ankara wird in dem bitterarmen Dörfchen im äußersten Osten der Türkei über die Beziehungen zum Nachbarstaat Armenien gestritten. Kein Wunder: Das Dorf liegt nur einen Kilometer vom türkisch-armenischen Grenzübergang entfernt, der seit 16 Jahren geschlossen ist. Dass die Grenze im Zuge der jüngsten Annäherung zwischen den beiden Staaten bald wieder geöffnet wird, hoffen alle Einwohner von Ober-Alican, wie der 28-jährige Güven Güller sagt:

"Die Grenze sollte geöffnet werden, das wäre für uns und für die ganze Provinz gut. Dann gäbe es hier endlich mal ein paar Arbeitsplätze, dann würde es hier besser. Alle denken wir hier so, wir wollen alle, dass die Grenze geöffnet wird."

Güllers Kumpels schließen sich der Forderung lautstark an. Die Männer auf der Dorfstraße verbringen ihren Urlaub daheim in ihrem Dorf. Die Männer von Ober-Alican sind alle Schmiede und arbeiten den größten Teil des Jahres weit weg von zuhause, in der Westtürkei oder im Ausland, weil es in Alican und in der gesamten Provinz keinen Lohn und kein Brot gibt.

"Ich zum Beispiel arbeite in Irak, in Erbil. Wenn die Grenze zu Armenien geöffnet würde und sich hier etwas regen würde wirtschaftlich, dann könnte ich hier bleiben und ein Geschäft eröffnen. Dann müsste ich nicht mehr weg, das wäre viel besser."

Soweit die Sicht aus Ober-Alican. Doch nebenan in Unter-Alican denkt man anders. Der alte Bauer Salim:

"Bevor Armenien seine Truppen nicht aus Karabach abzieht, darf die Grenze nicht geöffnet werden. So denken wir."

Der junge Bauer Sinan:

"Ich bin dagegen, dass die Grenze geöffnet wird, denn erst muss Armenien aus Karabach abziehen, das ist das Wichtigste."

Und auch der Bürgermeister von Unter-Alican, Kenan Önal, denkt beim Stichwort Armenien vor allem an die zwischen Armenien und Aserbaidschan umstrittene Kaukasus-Region Berg-Karabach:

"Sicher, wenn die Grenze geöffnet würde, das wäre schon gut für unser Dorf, dann gäbe es hier Grenzhandel und so, davon würden wir schon profitieren, aber: Wir wollen, dass erst das Karabach-Problem gelöst wird. Solange Karabach besetzt ist, sind wir dagegen, dass die Grenze geöffnet wird.""

Was Ober-Alican von Unter-Alican trennt, das sind nicht nur 1500 Meter Feldweg, sondern auch Sprache, Kultur, Religion und Geschichte. Ober-Alican ist ein kurdisches Dorf, in Unter-Alican leben Azeri-Türken – Angehörige einer eng mit dem aserbaidschanischen Volk verwandten türkischen Minderheit, die überwiegend hier in der Grenzprovinz Igdir verwurzelt ist. Rund zwei Drittel der Bevölkerung stellen die Azeri in dieser Region, das übrige Drittel sind Kurden. Und entlang dieser ethnischen Unterschiede verlaufen auch die Meinungsverschiedenheiten beim Thema Armenien. Eine entsprechend erregte Wendung nimmt die Diskussion in Unter-Alican denn auch, als ein kurdischer Lieferant aus einem Nachbardorf dazutritt und sich einschaltet.

""Eine Grenzöffnung könnte der ganzen Osttürkei einen wirtschaftlichen Aufschwung bescheren. Aber weil die Azeris hier so rassistisch denken, wird nichts daraus. Wir Kurden wollen das alle, da können sie fragen, wen sie wollen, aber die Azeris sind dagegen, weil ihren Landsleuten in Karabach Unrecht getan wird. Das ist doch Rassismus."

Der Kurde, Metin heißt er, schwingt sich in seinen Lieferwagen und fährt davon. Der Mann habe leicht reden, sagt Bürgermeister Önal:

"Diese Kurdensippen wollen alle, dass die Grenze aufgemacht wird, aber die haben eben auch mit nichts was zu tun. Bei uns ist das anders: Die Azeri in Karabach sind von meinem Volksstamm, die Menschen, die da unterdrückt werden, sind meine Leute. Niemand lebt näher an der Grenze als wir hier, niemand würde mehr von der Öffnung profitieren als wir – aber wir wollen das nicht, bevor Armenien aus Karabach abgezogen ist."

Eine Meinung, die zwar von den meisten Azeri in der Grenzregion geteilt wird, aber nicht von allen. Vor allem unter den jüngeren Azeri gibt es einige, die anders denken und einen Neubeginn mit den Armeniern wagen wollen – sogar in Unter-Alican, wie die junge Bauersfrau Sibel Baglamli sagt:

"Wenn es nach mir ginge, würde die Grenze geöffnet. Diese alten Feindschaften müssen doch endlich begraben werden. Die Karabach-Angelegenheit ist was für die Diplomaten, ich als Angehörige der jungen Generation bin dafür, diese Feindschaft beizulegen. Wenn die Grenze geöffnet wird, dann will ich rüberfahren und mir Armenien ansehen, da bin ich schon neugierig drauf. Mein Mann ist schon mal hingereist, ganz außen rum über Georgien ist er eingereist und hat sich zehn Tage lang dort umgesehen, weil er es wissen wollte. Er sagt, das wären aufrichtige und gute Menschen, die Armenier. Wenn die Grenze geöffnet wird, dann fahren wir zusammen rüber, mein Mann und ich, das hat er mir versprochen."

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