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StartseiteKommentare und Themen der WocheNach dem schlechten Dauertheater 22.07.2018

Wirbel um ÖzilNach dem schlechten Dauertheater

Es sei moralisch verwerflich gewesen, dass Mesut Özil kurz vor der schicksalhaften Parlaments- und Präsidentschaftswahl in der Türkei mit Erdoğan posiert habe, kommentiert Kemal Hür. Genauso verwerflich aber wie das, was in den Medien folgte: Am Ende der WM wurde Özil an seiner Herkunft gemessen und nicht an seiner Leistung.

Von Kemal Hür

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dpatopbilder - 13.05.2018, Großbritannien, London. Recep Tayyip Erdogan, Staatspräsident der Türkei, hält zusammen mit Fußballspieler Mesut Özil vom englischen Premier League Verein FC Arsenal, ein Trikot von Özil. Der türkische Präsident Erdogan ist zu Besuch in London. (zu dpa-Meldung: «Foto mit Erdogan: Özil und Gündogan sorgen für Wirbel» vom 14.05.2018) Foto: Uncredited/Pool Presdential Press Service/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ (Uncredited/Pool Presdential Press Service/AP/dpa)
Das Bild des Anstoßes: Mesut Özil mit dem türkischen Präsidenten Erdogan (Uncredited/Pool Presdential Press Service/AP/dpa)
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Fußball und Integration. Diese Paarung wird oft bejubelt; Sport sei integrationsfördernd, eine Weltmeisterschaft bringe gar Nationen zusammen, mache Freunde aus ihnen. Lassen wir einmal die korrupte FIFA beiseite und übergehen ihre Werbesprüche.

Ich habe mich bei den letzten Fußball-Weltmeisterschaften immer gefreut, dass die Türkei nicht dabei war. Aber das hatte weder etwas mit dem unerträglichen Despoten Erdoğan zu tun, noch mit dem schlechten türkischen Fußball. Nein, Grund war die Integrationsdiskussion in Deutschland.

Dümmliche Integrationsdiskussion in Deutschland

Wenn die Türkei bei einer EM oder WM mitspielt, stürzen sich die gesamten deutschen Medien auf die Frage: Warum sind die in Deutschland lebenden Türken für die Türkei und nicht für Deutschland? Nie habe ich diese Frage bezogen auf in Deutschland lebende Polen, Italiener, Spanier oder Griechen gehört. Es ist sogar absurder: Während türkische Fans diese unsägliche Frage beantworten müssen, zeigen dieselben Berichte, wie enthusiastisch italienische, spanische und polnische Fans selbstverständlich für ihre Mannschaften jubeln.

Auch bei der diesjährigen WM war ich froh, dass die Türkei nicht mitspielt und ich diese dümmliche Integrationsdiskussion nicht miterleben muss.

Özil nicht allein verantwortlich für das frühe Ausscheiden  

Doch Gündoğan und Özil haben mir mit ihren Fotos mit dem türkischen Präsidenten einen Strich durch die Rechnung gemacht. Um nicht missverstanden zu werden: Ich fand es moralisch verwerflich, dass diese beiden deutschen Nationalspieler kurz vor der schicksalhaften Parlaments- und Präsidentschaftswahl in der Türkei mit Erdoğan posieren.  

Was darauf in den deutschen Medien folgte, war aber genauso verwerflich. Jede Kritik mit einem Despoten ist selbstverständlich berechtigt. Aber einige Zeitungen und sogar die DFB-Führung haben Özil zum Buhmann für das frühzeitige Ausscheiden der deutschen Elf gemacht. Das ist nicht nur unsportlich, sondern verantwortungslos, niveaulos und schäbig.

Schlechtes Dauertheater

Das ist der Grund, warum sich Özil nun via Twitter zu Wort gemeldet hat. Man kann sportlich gesehen Mitleid mit diesem talentierten Fußballer haben. Aber seine Erklärungen sind – vermutlich mangels besserer PR-Leute - naiv konstruiert. Seine Mutter habe ihm beigebracht, seine Herkunft nicht zu vergessen. Süß! Er ist kein Kind mehr. Seine ehemalige Schule, wo er ein Projekt mit Migrantenkindern geplant hätte, habe ihn ausgeladen. Ein DFB-Sponsor habe ihn fallen lassen. Was sonst nach diesem schlechten Dauertheater? Das hätte ein halbwegs intelligenter Mensch kommen sehen müssen.

Womit Özil aber recht hat, das ist der Punkt, dass die massive öffentliche Kritik mit seiner türkischen Herkunft zu erklären sei. Ja, in diesem Punkt bin ich bei Özil und wieder bei der Diskussion um Integration der türkischen Migranten. Ein Italiener darf für Italien jubeln, ohne nach seiner Integration gefragt zu werden. Klose und Podolski werden selbstverständlich deutsche Nationalspieler genannt. Aber ein Özil wird am Ende des Tages, oder passender gesagt: am Ende der WM, an seiner Herkunft gemessen und nicht an seiner Leistung. Das ist der wahre Stand der deutschen Integrationsdebatte. Unsportlich, armselig und mit rassistischem Beigeschmack.

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