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StartseiteVerbrauchertippAnleger haben Chancen auf Schadenersatz08.07.2021

Wirecard-InsolvenzAnleger haben Chancen auf Schadenersatz

Vor gut einem Jahr meldete der Zahlungsdienstleister Wirecard Insolvenz an – Milliardenbeträge waren wohl Luftbuchungen. Damals verloren auch viele Anleger Geld, denn die Aktie war bei Kleinanlegern sehr beliebt. Es gibt Möglichkeiten, zumindest einen Teil der Anlage zurückzubekommen.

Von Brigitte Scholtes

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Nach Wirecard-Skandal - Opposition einigt sich auf Untersuchungsausschuss (picture alliance / Sven Simon)
Banken sind verpflichtet, auf die negative Presse bezüglich einer Anlageform wie bei Wirecard hinzuweisen (picture alliance / Sven Simon)
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Aktionäre stehen bei der Insolvenz "ihres" Unternehmens hinten an. Zunächst müssen die Ansprüche der Gläubiger befriedigt werden. Und danach ist aus der Insolvenzmasse meist nicht mehr viel zu verteilen. Jan-Henning Ahrens, Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht der Bremer Kanzlei KWAG, hat eine Möglichkeit aufgetan: 

"Bei Wirecard war es so, dass Anfang 2019 eine ziemlich große Flut von negativer Presse, insbesondere der Financial Times, kursierte, in denen auf Bilanzmanipulationen und sogar Bilanzfälschung hingewiesen wurde. Das bedeutet: Anleger, die Anfang 2019 noch Aktien oder Derivate, Zertifikate zum Beispiel von Wirecard erworben haben, also über ihre Bank, können unter bestimmten Bedingungen Ansprüche geltend machen."

Informationsmaterial mit dem Logo der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht BaFin liegen auf einem Tisch (picture alliance/ dpa/ ) (picture alliance/ dpa/ )Wie Fälle wie Wirecard verhindert werden sollen
Die Bilanzfälschungen des Zahlungsdienstleisters Wirecard sind einer der größten Finanzskandale Deutschlands. In der Kritik stehen auch die Finanzaufsichtsbehörde BaFin und die Wirtschaftsprüfer. Mit einem neuen Gesetz will die Bundesregierung nun für mehr Kontrolle und Regulierung sorgen.

Bank auf Schadenersatz verklagen

Grundlage für diese Möglichkeit ist eine schon ältere Entscheidung des Bundesgerichtshofs. Danach sind die Banken verpflichtet, auf die negative Presse bezüglich einer Anlageform hinzuweisen. Sollten Anleger also ihre Aktien oder Derivate erst seit Anfang 2019 gekauft haben, als es entsprechend in den großen Wirtschaftsmedien berichtet wurde, stehen die Chancen nicht schlecht, dass sie ihre Bank auf Schadenersatz verklagen können, sagt Ahrens:

"Dann ist die nächste Frage: In welcher Form habe ich die Aktien erworben? Habe ich ein entsprechendes Beratungsgespräch mit meiner Bank geführt oder ein Vermittlungsgespräch mit meiner Bank oder - und das wäre allerdings nicht so optimal - habe ich den Auftrag einfach kommentarlos an meine Bank weitergeleitet? Das würde bedeuten, dass die Anspruchsdurchsetzung da nicht möglich ist."

Die Banken lenkten meist ein, wenn man diese Ansprüche geltend mache, und böten hohe Vergleichssummen an, sagt der Anlegeranwalt.

Klage gegen EY

Anlegern, die ihre Aktien oder Zertifikate schon vor 2019 oder ohne Bankberatung erworben haben, stehen auch andere Möglichkeiten offen: So können sie Ansprüche gegen ehemalige Vorstände und Aufsichtsräte von Wirecard einklagen. Außerdem setzt Anlegeranwalt Klaus Nieding, der auch Vizepräsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz ist, auf eine Klage gegen EY, die jahrelang die Bilanz von Wirecard testiert haben:

"Wir haben gemeinsam mit einer internationalen Anwaltskooperation eine Stiftung nach holländischem Recht gegründet mit dem Ziel, dass man EY als einem der Hauptanspruchsgegner hier die Möglichkeit eröffnet, über eine bestimmte holländische Rechtskonstruktion in einen Gesamtvergleich einzumünden."

Der Sitz der Wirecard AG in Aschheim. (www.imago-images.de) (www.imago-images.de)Neue Regeln für Wirtschaftsprüfer überzeugen nicht 
Wie es um Wirecard stand, hätte der Wirtschaftsprüfer EY früher erkennen müssen, wenn er sorgfältiger die Bilanzen geprüft hätte. Der Skandal um den insolventen Zahlungsdienstleister lenkt den Blick auf die "Big Four" der Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und deren enormen Einfluss in Wirtschaft und Politik.

Vergleich erzielen

Ein Vergleich sei schneller zu erzielen als ein Urteil, meint Nieding. Er setzt dabei auch auf die Sorge EYs um die eigene Reputation: 

"Wir schlagen vor, dass man sich über die Frage unterhält, wie man möglicherweise diese Sache wieder zum Guten wendet. Wir haben da auch Vorbilder in der Vergangenheit. Nehmen Sie nur den Flowtex-Skandal: Seinerzeit hat KPMG auch eine dreistellige Millionen Summe bezahlt, um den Anlegern ihre Schäden zu kompensieren. So ähnlich kann man sich das hier auch vorstellen."

Für Anleger gebe es keinen Zeitdruck, sagt Nieding. Frühester Verjährungstermin sei Ende 2023.

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