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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie saubere deutsche Wirtschaft ist ein Märchen23.06.2020

Wirecard-SkandalDie saubere deutsche Wirtschaft ist ein Märchen

Egal wie der Bilanzskandal um Wirecard weitergehe, der Fall hinterlasse das ungute Gefühl, dass man der deutschen Wirtschaft nicht trauen könne, meint Michael Watzke. Das sei undifferenziert, aber Gefühle seien schwerer zu erfinden als 1,9 Milliarden Euro auf einem philippinischen Treuhand-Konto.

Von Michael Watzke

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Ex-Wirecard-Vorstandsvorsitzender Markus Braun und das Logo des Unternehmens  (pciture alliance/dpa - Sven Simon)
Ex-Wirecard-Vorstandsvorsitzender Markus Braun (pciture alliance/dpa - Sven Simon)
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Die Deutschen sollen endlich mehr Aktien kaufen, heißt es immer. Wundert sich jemand, dass sie zögern? Wenn sie seit Jahren von immer wieder neuen Wirtschafts-Skandalen erfahren müssen, von denen Wirecard nur der letzte einer langen Reihe ist? Die saubere deutsche Wirtschaft ist ein Märchen. Renommierteste DAX-Unternehmen haben in den vergangenen Jahren ihre Kunden und ihre Anleger am Nasenring durch die Manege geführt.

Dieser Fall ist um einiges dreister als alle bisherigen

Volkswagen hat im Dieselskandal gelogen und betrogen. Der Aktienkurs des Autokonzerns ist zwischenzeitlich wie ein Jojo herumgehüpft. Die ehrwürdige Deutsche Bank hat unzählige zwielichtige Geschäfte getätigt. Ihre Aktie: abgeschmiert. Siemens hat vor Jahren jede Menge Schmiergeld gezahlt. Die Hypo Real Estate hat sich vollkommen verspekuliert. Und und und. Jetzt: Wirecard. Dieser Fall ist tatsächlich nochmal um einiges dreister als alle bisherigen und so grotesk, dass er wie eine Farce irgendwo zwischen den Kino-Erfolgen "Schtonk!" und "Rififi" klingt.

Die Firmenzentrale von Wirecard in Ascheim (Bayern) (dpa-Bildfunk / Peter Kneffel) (dpa-Bildfunk / Peter Kneffel)Bilanz-Skandal bei Wirecard - "Es sind immer Personen, die solche Krisen verursachen"
Der Skandal um den Bezahldienstleister Wirecard ist laut der Leiterin des Deutschen Aktieninstituts einzigartig für einen DAX-Konzern. Sie gehe aber nicht von Betrug aus, denn börsennotierte Unternehmen würden streng reguliert, sagte Christine Bortenlänger im Dlf. Eher müsste man Personen überprüfen.

Natürlich kann man nun jedem Wirecard-Anleger dasselbe sagen wie vor 20 Jahren jedem Telekom-Aktionär: Selbst Schuld, wenn du an dieses Unternehmen glaubst. Und natürlich spielt blindes Vertrauen, bisweilen auch Spielsucht und pure Gier eine Rolle. Aktien sollten eine Langfrist-Investition sein – als solche haben sie in den vergangenen Jahrzehnten für die meisten Anleger auch funktioniert.

Es gab Anzeichen für das Desaster

Es gibt Millionen Menschen in Deutschland, die für ihre kleinen und mittelgroßen Ersparnisse eine solch langfristige, solide, sichere, einigermaßen rentable Anlage suchen. Denn auf dem Konto schmilzt ihr Vermögen mangels Zinsen. Für Immobilien reicht ihr Geld oft nicht. Aktien wären die richtige Alternative. Warum sollten nicht mehr Bürgerinnen und Bürger von den Gewinnen der Wirtschaft profitieren, die sie oft selbst mitgeschaffen haben? Ob als Arbeitnehmer, Unternehmer oder Kunden? Was in den USA üblich ist – nämlich breitgestreuter Aktienbesitz als Altersvorsorge – sollte auch in Deutschland Standard sein.

Aber wie? Wenn man erfahren muss, dass ein DAX-Unternehmen – nein, nicht eines, sondern der strahlende Stern am deutschen Start-up-Himmel – mal eben 1,9 Milliarden Euro erfinden konnte? Klar gab es Anzeichen für das Desaster. Aber nicht jeder kleine Aktienbesitzer liest regelmäßig die "Financial Times". Er vertraut auf das Gütesiegel DAX. Er weiß: An der Börse kann man auch Geld verlieren. Was er nicht wusste: Dass ein DAX-Unternehmen offensichtlich jahrelang Luftbuchungen in Milliardenhöhe vornehmen konnte wie eine russische Zockerbude.

Der Kriminalfall Wirecard – egal wie er sich noch entwickeln wird – hinterlässt das ungute Gefühl, dass man der deutschen Wirtschaft nicht trauen kann. Das mag ungerecht und undifferenziert sein. Aber Gefühle sind schwerer zu erfinden als 1,9 Milliarden Euro auf einem philippinischen Treuhand-Konto.

Michael Watzke  (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Michael Watzke (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Michael Watzke, geboren 1973 in Remscheid, absolvierte die Deutsche Journalistenschule. Er studierte Politik und Soziologie in München und Washington DC. Nach Stationen bei SZ und BILD arbeitete er als Chefreporter für Antenne Bayern. 2003 gewann er den Axel-Springer-Preis. Danach Ausbildung an der Drehbuch-Werkstatt der HFF München. Als Autor des TV-Dramas "Das letzte Stück Himmel" (Regie: Jo Baier) erhielt er den Robert-Geisendörfer-Preis und war für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Arbeit als Regisseur und Produzent. Seit 2010 berichtet er für Deutschlandradio als Bayern-Korrespondent aus München.

 

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