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StartseiteKommentare und Themen der WocheÜberfälliger Dax-Rauswurf13.08.2020

WirecardÜberfälliger Dax-Rauswurf

Wirecard muss demnächst den Dax verlassen. Ein überfälliger Schritt, meint Sandra Pfister. Ein Skandalunternehmen habe in der ersten Börsenliga nichts zu suchen. Aber mit dem Rauswurf allein sei es nicht getan, künftig müsse gute Unternehmensführung eine wichtigere Rolle spielen.

Von Sandra Pfister

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Wirecard Firmenlogo bei Nacht (imago/Passion2Press/MarkusFischer)
Wirecard ist noch immer im Index der 30 wichtigsten deutschen Unternehmen gelistet, da es bislang keine Regel für den sofortigen Ausschluss insolventer Konzerne gab (imago/Passion2Press/MarkusFischer)
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Der Dax ist die Bundesliga der Deutschen Börse. Hier gehören nur die 30 größten und liquidesten Unternehmen in Deutschland hinein. Für viele hat sie nur ein Manko: Ihr fehlt so etwas wie der neue hippe Stürmer aus der Champions League. Außer SAP hat Deutschland kein großes Technologieunternehmen zu bieten - kein Star wie aus dem Silicon Valley. Was waren daher viele stolz, als Wirecard in den Dax aufstieg: ein kleines Unternehmen, das Zahlungen für Online-Händler abwickelt. Und auf einmal ein Global Player zu sein schien.

Sitz der Wirecard AG in Aschheim Dornach mit Wirecard-Logo (imago/Sven Simon) (imago/Sven Simon)Wirecard fliegt aus dem Dax
Eigentlich wäre Wirecard erst zum 21. September aus dem deutschen Leitindex geflogen. Nun geht es plötzlich doch schneller – aufgrund einer überraschenden Entscheidung der Deutschen Börse.

Wirecards Luftnummer

Schien ist hier das entscheidende Wort. Die Erfolgsgeschichte war eine Luftnummer, die Bilanz mutmaßlich gefälscht. Fast alle, bis auf die Kollegen der Financial Times, haben gepennt oder aktiv weggesehen: Wirtschaftsprüfer, Finanzaufseher, Ratingagenturen, Fondsgesellschaften - sie haben für ihre Anleger viel Geld verbrannt. Und ja: Auch viele Journalisten war nicht auf Zack. Einige ließen sich von Wirecard-Anwälten einschüchtern. Andere hingen zu sehr an den Lippen der Bafin. Und die von Wirecard selbst gestreute Geschichte, dass hier die angelsächsische Konkurrenz einen deutschen "Shooting Star" kaputtmachen wolle, wurde blind geglaubt.

Düstere Abendstimmung über dem Gebäude der wirecard AG in Aschheim Dornach am 25.07.2020.  (picture alliance / Sven Simon) (picture alliance / Sven Simon)Der Fall Wirecard
Mit Wirecard ist erstmals ein Dax-Konzern in die Insolvenz gerutscht. Wieso wurde Hinweisen auf mögliche Luftbuchungen nicht nachgegangen – und welche Lehren sind aus dem Fall zu ziehen?

Nach der Entzauberung vor zwei Monaten wurde Wirecard zum Schmuddelonkel im Dax, neben dem man bei Familienfeiern nicht sitzen will, den man aber nicht loswird. Denn unmoralisches Handeln ist kein Grund für einen Rausschmiss. Dass Wirecard sich als einer der ganz großen Wirtschaftsskandale entpuppen könnte, zählt nicht. VW hat Abgaswerte gefälscht, Siemens Bestechungsgelder gezahlt. Solche moralischen Untiefen reichten nicht, um aus dem Dax zu fliegen. Genau das aber ist ein Webfehler des Deutschen Aktienindex: Er legt nicht genug Wert auf "Good Governance".

Eigentliche Reformen müssen noch kommen

Selbst bei einem schlichteren Kriterium, dem Bankrott, war die Deutsche Börse bislang machtlos: Erst drei Monate nach der Insolvenz wird ein Unternehmen rausgeschmissen. Die Börse war gezwungen, ein totes Unternehmen drei Monate lang wie einen Fisch im Dax-Aquarium treiben zu lassen, obwohl er schon anfing zu stinken. Jetzt will man insolvente Unternehmen binnen Tagen rauskicken können. Das ist gut so, denn Geisterwerte im Dax sind imageschädigend. Die Reputation der ganzen deutschen Wirtschaft steht auf dem Spiel.

Dass Wirecard in einer Woche aus dem Dax fliegt, ist zwingend nötig. Aber die eigentlichen Reformen müssen jetzt kommen: Die Börse muss den Dax-Konzernen Kriterien für "Good Governance" abverlangen, und Aufsichtsbehörden wie die Bafin müssen reformiert und personell deutlich verstärkt werden. Nicht mit glamourösen Stars, sondern mit glaubwürdigen Topspielern kann die deutsche Bundesliga auch in der Champions League bestehen.

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