Donnerstag, 12.12.2019
 
Seit 01:30 Uhr Tag für Tag
StartseiteKalenderblattWirkmächtiger Streiter gegen den Rassismus01.12.2012

Wirkmächtiger Streiter gegen den Rassismus

Vor 25 Jahren starb der US-amerikanische Schriftsteller James Baldwin

Ein politischer Führer war er nicht und wollte er nicht sein. Doch als Schriftsteller und Essayist war James Baldwin eine der wichtigsten Stimmen im Kampf gegen den alltäglichen Rassismus in den USA. 1948 zog er nach Frankreich, wo er bis zu seinem Tod am 1. Dezember 1987 den größten Teil seines Lebens verbrachte.

Von Walter van Rossum

Der amerikanische Schriftsteller und Bürgerrechtler  (dpa)
Der amerikanische Schriftsteller und Bürgerrechtler (dpa)

"Es ist ein Schock, wenn Sie eines Tages feststellen, dass Ihr eigenes Land, in dem Sie geboren wurden, dem Sie Ihr Leben und Ihre Identität verdanken, in seinem Realitätsverständnis keinen Platz für Sie vorgesehen hat."

So ist es James Baldwin selbst ergangen - dem Neger, wie man damals noch ganz selbstverständlich sagte. Darüber schrieb er in seinem ersten Roman "Go tell it on the mountain", der 1953 erschien.
Baldwin wurde 1924 in Harlem, New York City geboren. Vater unbekannt. Als er drei Jahre alt war, heiratete seine Mutter einen fanatischen Baptistenprediger. Der gab ihm seinen Namen - Baldwin - und lehnte den Jungen ab. Der kleine James buhlte um seine Anerkennung und wollte ebenfalls Prediger werden - bis ihn die Lebenslügen des religiösen Fundamentalismus anwiderten. Er begann zu schreiben und fand zunächst in dem Schriftsteller Richard Wright einen großen Förderer.
1948 flieht er vor dem alltäglichen Rassismus in New York nach Frankreich, wo er bis zu seinem Tod den größten Teil seines Lebens verbringen wird.

"Nachdem ich mich einmal auf der anderen Seite des Ozeans wiedergefunden hatte, sah ich ganz deutlich, woher ich kam. Ich bin der Enkel eines Sklaven und ein Schriftsteller. Und mit beidem muss ich fertigwerden."

"Ich meine das ganz wörtlich: Die Häfen, die Eisenbahn, die ganze Wirtschaft, besonders in den Südstaaten, hätte niemals werden können, was sie geworden ist, wenn sie eine Sache nicht gehabt hätte, und auch immer noch hat, seit so langer Zeit, so vielen Generationen: Billige Arbeitskräfte."

In Frankreich beginnt Baldwin seinen ersten großen Roman zu schreiben. "Go tell it on the mountain" ist weit mehr als die Anklageschrift eines Schwarzen gegen den Rassismus, es ist vielmehr eine intime Beschreibung, wie der Rassismus die Seelen der Schwarzen korrumpiert und zerstört.

"'Mountain' ist das Buch, das ich schreiben musste, wenn ich jemals noch etwas anderes schreiben wollte. Ich musste mich mit dem auseinandersetzen, was mich am meisten verletzt hatte. Ich musste mich vor allem mit meinem Vater auseinandersetzen."

Das Buch gehört bis heute zu den bedeutendsten Werken der amerikanischen Literatur. Drei Jahre später, 1956, erschien sein zweiter Roman "Giovanni's Room" und der setzte sich mit gleich zwei amerikanischen Zentraltabus auseinander: der Homosexualität und der Liebe zwischen den Rassen.
Baldwin legte großen Wert auf die literarische Autonomie seiner Romane. Doch als Essayist sprach er Klartext. Seine Essays wurden millionenfach verkauft. 1963 widmete das "Time Magazine" ihm die Titelseite und bemerkte dazu:

"Es gibt keinen anderen Schriftsteller - schwarz oder weiß -, der mit solcher Präzision und Direktheit die dunklen Realitäten der rassischen Prozesse in Nord und Süd ausdrückte."

James Baldwin: "Die Oligarchie der Südstaaten, die auch heute noch in Washington, so viel Macht hat und deshalb auch in der ganzen Welt, wurde durch meine Arbeit und meinen Schweiß errichtet, durch den Missbrauch meiner Frauen und durch den Mord an meinen Kindern – und das im Land der Freiheit, dem home of the brave."

Baldwin war nie ein politischer Führer – und wollte es nicht sein. Doch war er wahrscheinlich einer der folgenreichsten Köpfe im Kampf gegen den Rassismus – als Schriftsteller und als Essayist. Nach der Ermordung von Malcom X und Martin Luther King schwanden seine Hoffnungen. Der Ton in seinen letzten Texten wurde unversöhnlicher:

"Die Doktrin des Manifest Destiny versichert allen weißen Amerikanern, dass sie, als Hüter der Zivilisation, das Recht und damit auch die Pflicht haben, alles, was ihrer überlegenen Zivilisation im Wege steht, zu vernichten."

James Baldwin starb am 1. Dezember 1987 in seinem Haus in St. Paul de Vence in Frankreich. Er wurde 63 Jahre alt.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk