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StartseiteInterviewDIW-Chef: "Eine Pleitewelle ist unvermeidbar"28.12.2020

Wirtschaft in der Corona-PandemieDIW-Chef: "Eine Pleitewelle ist unvermeidbar"

Die Coronakrise könnte Deutschland laut einer Prognose des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung rund 400 Milliarden Euro kosten. DIW-Chef Marcel Fratzscher sagte im Dlf, der Staat könne dabei nur einen Teil der verlorenen Wirtschaftsleistung kompensieren. Im nächsten Jahr drohe vielen Unternehmen die Insolvenz.

Marcel Fratzscher im Gespräch mit Dirk Müller

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Geschlossenes Geschäft in Dortmund (dpa/ Bernd Thissen)
Sollte der Lockdown bis Februar oder März andauern, könnte auch die Rekordverschuldung von 180 Milliarden Euro nicht reichen, um viele Unternehmen zu retten, meint DIW-Chef Fratzscher (dpa/ Bernd Thissen)
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Unternehmen in Deutschland trifft die Coronakrise hart. Die Bundesregierung hat Rekordschulden aufgenommen, um Pleitewellen zu verhindern. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat jetzt neue Zahlen präsentiert: Rund 400 Milliarden Euro könnten der deutschen Wirtschaft bis zum Ende der Coronakrise verloren gehen. Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, sagte im Dlf, die Berechnungen beruhten auf der Annahme, dass die deutsche Wirtschaft in ein bis zwei Jahren zu ihrem Wachstum zurückkehre. Wäre das nicht der Fall, könnte der Schaden noch größer ausfallen.

Marcel Fratzscher ist ein deutscher Ökonom. Er leitet seit 1. Februar 2013 das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung und ist Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin.  (dpa / Kai-Uwe Heinrich)Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (dpa / Kai-Uwe Heinrich)

Zweite Infektionswelle unterschätzt

Im letzten Sommer sei man mit Blick auf die Prognose für die Wirtschaft zu optimistisch gewesen, meint der DIW-Chef. Man habe die Wucht der zweiten Welle deutlich unterschätzt. Auch jetzt seien viele Unternehmen am Ende, hätten keine Rücklagen mehr. Vielen stehe im nächsten Jahr deshalb die Insolvenz bevor. "Wir werden uns mindestens noch drei, vier Monate auf eine schrumpfende Wirtschaft einstellen. So lange, bis es gelingt, diese zweite Infektionswelle unter Kontrolle zu bringen."

Clemens Fuest, Präsident des ifo Instituts (Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e. V.) (Picture alliance: Eventpress | Eventpress Stauffenberg) (Picture alliance: Eventpress | Eventpress Stauffenberg)Wirtschaft - "Erst mal nicht zu viele Gedanken über die Schulden machen"
Zwar treffe die Pandemie Europa härter als die Finanzkrise, "es hätte aber auch noch schlimmer kommen können", sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest im Dlf. Es sei nicht so viel Arbeitslosigkeit entstanden, wie man vielleicht hätte befürchten müssen.

Eine Pleitewelle sei in Deutschland trotz aller Hilfen unvermeidbar, so Fratzscher. Die Frage sei nur, wann sie komme. Der Staat könne die verlorengegangene Wirtschaftsleistung nicht voll kompensieren. "Wir haben zu hohe Erwartungen, was der Staat wirklich kann." Die geplante Neuverschuldung von rund 180 Milliarden Euro wird laut Fratzscher nicht reichen, um die Wirtschaft zu stützen. Falls die Restriktionen das Frühjahr überdauern sollten, müsse der Staat noch einmal nachlegen. Dieses Geld sei dann jedoch sehr gut investiert, wenn es Unternehmen und somit Arbeitsplätze sichere. 


Das Interview im Wortlaut:

Dirk Müller: Herr Fratzscher, wie kommen Sie auf derart hohe Zahlen?

Marcel Fratzscher: Das sind Berechnungen, die sagen, was hätten wir denn an Wirtschaftsleistung erzielt, wenn die Corona-Krise nicht stattgefunden hätte, also wenn die deutsche Wirtschaft in diesem und auch im kommenden Jahr beim Potenzialwachstum, also bei knapp ein, anderthalb Prozent gewachsen wäre. Das ist dann die Summe, die da zustande kommt, also einfach eine relativ leichte Szenarienrechnung, aber ganz wichtig, sie macht auch die Annahme, dass die deutsche Wirtschaft wieder auf sein Potenzialwachstum in ein, zwei Jahren zurückkommt. Das ist eine Annahme, weil wir nicht wissen, wie groß wird der Schaden sein, wie permanent vor allem wird der Schaden sein. Aber wenn jetzt Unternehmen pleitegehen, wenn Menschen längerfristig arbeitslos werden, dann wird der Schaden eher noch mal größer werden, weil eben nicht nur der Schaden für ein, zwei Jahre entsteht, sondern eben über fünf oder zehn Jahre. Das ist wie gesagt, ich würde mal sagen Überschlagsrechnung, das ist natürlich keine genaue Rechnung, aber die zeigt, wie enorm diese Kosten sind.

"Wir waren zu optimistisch im letzten Sommer"

Müller: Aber das hört sich schlimmer an als das, was wir in den vergangenen Monaten auch von der Bundesregierung gehört haben in Ihrer Prognose, in Ihrer Projektion.

Fratzscher: Ja. Ich denke, wir waren zu optimistisch im letzten Sommer, wo alle gesagt haben, nein, ein zweiter Lockdown, den können wir uns doch gar nicht mehr leisten, das wird nicht wieder passieren, das machen wir nicht wieder, und jetzt realisieren viele, dass die Virologen mit ihren Vorhersagen recht gehabt haben. Die zweite Welle kommt, sie ist härter als die erste von der Gesundheit her gesehen. Klar, man versucht jetzt, aus der ersten Infektionswelle zu lernen, auch was die Wirtschaft betrifft. Man hat eben nicht ganz so harte oder so schnelle Restriktionen eingeführt wie beispielsweise im März, April noch mit Kita- und Schulschließungen, jetzt überlegt man, ob das vielleicht die richtige Wahl war. Ja, wir haben einfach unterschätzt, wie enorm stark diese zweite Welle ist. Ich befürchte, dass wir noch immer zu optimistisch sind, was das Jahr 2021 betrifft, weil wir eben nicht realisieren, dass viele Unternehmen am Ende sind, keine Rücklagen mehr haben und vielen die Insolvenz bevorsteht, dass die Arbeitslosigkeit doch noch mal wieder stark steigen könnte und dass auch die Weltwirtschaft vielleicht nicht so anzieht, wie wir das hoffen. Die Risiken sind nach wie vor enorm, und ich befürchte, wir werden uns noch mindestens drei, vier Monate auf eine schrumpfende Wirtschaft einstellen, nämlich genauso lange, bis es gelingt, diese zweite Infektionswelle unter Kontrolle zu bringen.

Müller: In dem Papier, was Sie da veröffentlicht haben, bekannt gemacht haben, ist auch vom Pleite-Tsunami die Rede, das habe ich eben in meiner Anmoderation bereits erwähnt. Da sagen ja einige Kritiker, ein bisschen übertrieben, aber wenn ich Sie jetzt richtig verstanden habe, Herr Fratzscher, sagen Sie, das wird Tausende, Zehntausende Unternehmen potenziell treffen, die Insolvenz. Ist das so?

"Der Staat kann es nicht kompensieren"

Fratzscher: Ja, eine Pleitewelle ist wahrscheinlich unvermeidbar. Das ist nicht eine Frage, ob sie kommt, sondern nur, wann sie kommt, denn der Staat hat zwei Dinge getan in diesem Jahr: einmal die Antragspflicht für solche Unternehmensinsolvenzen ausgesetzt. Also wenn ein Unternehmen pleite ist, mussten in der Vergangenheit die das innerhalb weniger Wochen an den Staat melden, an die Gerichte melden. Das wurde in diesem Jahr ausgesetzt bis Ende Dezember. Zweitens hat der Staat natürlich den Unternehmen, vielen Unternehmen, nicht allen, aber sehr vielen Unternehmen massiv unter die Arme gegriffen. Diese zwei Dingen haben dazu geführt, dass im Jahr 2020 die Anzahl der Unternehmensinsolvenzen sogar rückläufig war im Vergleich zu 2019 und 2018, also relativ wirtschaftlich guten Jahren. Das zeigt, da wird einiges auf uns zukommen, die Frage ist, wann wird es genau passieren. Ich denke mal, mit den Wirtschaftshilfen, die der Staat jetzt auch über die Überbrückungshilfen drei – also auch ab Januar gibt es ja noch mal ordentlich großzügigere Hilfen für Unternehmen, um ihre Kosten …

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Die Bundesregierung habe bei den Corona-Hilfen rasch gehandelt, sagte der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Reiner Hoffmann, im Dlf. Doch besonders hart seien untere und mittlere Einkommen betroffen. Hier bedürfe es nun mehr Mut.

Müller: Für die Fixkosten.

Fratzscher: … begleichen zu können.

Müller: Ich wollte Sie jetzt nicht unterbrechen, war nur das Stichwort, Fixkosten. Also dann könnte man jetzt sagen, diese Rekordverschuldung der Bundesregierung, das waren ja über 180 Milliarden an Neuverschuldung, ist völlig richtig, aber wenn ich Sie jetzt richtig verstehe, könnte man sagen, muss der Staat eigentlich noch mehr tun, um das zu kompensieren, dieses immense Loch.

Fratzscher: Der Staat kann es nicht kompensieren. Ich glaube, auch das ist ein Irrglaube mancher, die denken, ja, der Staat muss doch jetzt mal. Es gibt kein Land der Welt, in dem der Staat größere Wirtschaftsprogramme aufgelegt hat als in Deutschland, und der Staat kann nun mal ein überschuldetes Unternehmen, das geschlossen ist und weil es Corona-Restriktionen gibt, er kann diesen Schaden nicht kompensieren. Wir haben zu hohe Erwartungen, was der Staat wirklich kann. Der Staat kann die Schmerzen lindern, er kann so lange wie möglich helfen, Kosten übernehmen, Kurzarbeitergeld zahlen, auch den Konsumentinnen und Konsumenten helfen, aber er kann alleine das natürlich nicht kompensieren. Wir haben auch da Berechnungen angestellt, dass ungefähr knapp ein Drittel bis ein Viertel der wirtschaftlichen Verluste durch den Staat kompensiert werden können. Das ist jetzt nicht wenig, ein Drittel bis ein Viertel, aber es ist eben, einen großen Teil müssen letztlich die Unternehmerinnen und Unternehmen, die Beschäftigen selber tragen. Häufig sind es eben die Schwächsten, die Minijobberinnen und Minijobber, die ihre Arbeit verlieren und gar nichts dafür bekommen, und das trifft wie gesagt vor allem die Schwächsten bei den Unternehmen, aber eben auch bei den Beschäftigten.

"Sehr gut investiertes Geld, wenn es Arbeitsplätzen und Unternehmen das Überleben sichert"

Müller: Für Sie als Ökonom ist das klar, das Ende der Neuverschuldung und der Schuldenaufnahme ist erreicht.

Fratzscher: Nein, der Staat hat tiefe Taschen, und das Geld, das jetzt ausgegeben wird, ist das bestausgegebene investierte Geld, das der Staat überhaupt ausgeben kann.

Müller: Aber nicht noch mehr, oder habe ich Sie missverstanden?

Fratzscher: Doch, der Staat muss. Ich befürchte, der Staat wird im nächsten Jahr noch mal nachlegen müssen. Diese 180 Milliarden Neuverschuldung, die der Bund alleine für nächstes Jahr geplant hat, das ist ein großzügiges Programm, aber es kann sehr gut sein, dass wenn die Restriktionen, der Lockdown jetzt bis Februar, März anhalten muss, dass der Staat noch mal nachlegen muss, dass das eben nicht ausreicht. Wie gesagt, ich mache mir da keine Sorgen, der Staat hat das Geld, das ist sehr gut investiertes Geld, wenn es Arbeitsplätzen und Unternehmen das Überleben sichert. Deshalb glaube ich, muss der Staat so lange helfen, wie er kann. Nur wir dürfen eben auch nicht erwarten, dass er das alleine kann, dass er diesen Schaden ausgleichen kann, er kann wie gesagt diesen Schmerz nur lindern.

Müller: Jetzt haben wir noch ein Stichwort auf unserer Aufgabenliste, Herr Fratzscher, haben wir kurz drüber gesprochen, nämlich der Brexit, dieser Last-Minute-Deal zwischen London und Brüssel. Jetzt haben Sie ein relativ düsteres Szenario gemalt in den vergangenen Minuten, jetzt kommen auch noch der Brexit und die Konsequenzen dazu. Wird der auch Deutschland zusätzlich Geld kosten?

Fratzscher: Der wird Deutschland sicherlich auch zusätzlich Geld kosten, aber diese Kosten werden sich über viele, viele Jahre erstrecken. Einen Teil der Kosten haben wir schon in den letzten Jahren gesehen, denn ganz konkret, was heißt es, dass der Handel zwischen Deutschland und Großbritannien geringer wird. Das haben wir auch in den letzten vier Jahren schon gesehen, die deutschen Unternehmen haben Geschäftsbeziehungen mit britischen Zulieferern entweder abgebrochen oder reduziert, also der Handel hat jetzt schon gelitten, ein Teil des Schadens ist jetzt schon eingetreten. Besonders hart wie die Automobilindustrie getroffen werden in Deutschland, 12 Prozent der deutschen Automobilexporte gehen nach Großbritannien, und das werden auch die zu spüren bekommen. Das sind so schleichende Kosten, das ist anders als eine Corona-Pandemie, wo alles auf einmal kommt, ein riesiger Schock über ein oder zwei Jahre reden wir, beim Brexit über zehn oder 15 Jahre. Die größten Kosten liegen sicherlich bei Großbritannien, die sind viel abhängiger von der Europäischen Union als umgekehrt. Aber auch da gilt, die Offenheit der deutschen Volkswirtschaft, also die hohe Abhängigkeit von Exporten, trifft auch da viele deutsche Unternehmen besonders hart. Wie gesagt, es werden jetzt nicht ab 1. Januar 2021 da riesige Kosten auf die deutschen Unternehmen zukommen, sondern das wird so ein schleichender Prozess sein, der sich eben lange hinzieht. Die deutschen Unternehmen müssen eben sich anders orientieren, müssen sagen, ja, vielleicht macht es dann doch mehr Sinn, Geschäfte mit französischen, polnischen oder italienischen Unternehmen in Lieferketen zu machen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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