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StartseiteWirtschaft und GesellschaftHistorischer Einbruch des deutschen Außenhandels09.06.2020

Wirtschaft in der CoronakriseHistorischer Einbruch des deutschen Außenhandels

Die deutschen Exporte haben im April nach Ansicht von Experten einen Einbruch erlebt, der "in die Geschichtsbücher eingehen" wird. Besonders betroffen war der Handel in Europa. Es gibt zwar auch schon wieder Licht am Ende des Tunnels, aber eine schnelle Erholung ist nicht zu erwarten.

Von Brigitte Scholtes

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Container auf einem Frachter am Terminal Eurokai (Eurogate) im Hafen Hamburg (Christian Charisius/dpa)
Ins Ausland wurde im April viel weniger exportiert (Christian Charisius/dpa)
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Die Volkswirte hatten einen Einbruch erwartet. Aber der April überstieg ihre Befürchtungen. Die Exporte brachen gegenüber dem März um 24 Prozent ein, und das, obwohl es auch da schon ein Minus von fast zwölf Prozent gegeben hatte. Der Vergleich mit dem Vorjahr fällt noch deutlicher aus: Da waren es gar gut 30 Prozent. Auf der Importseite war der Einbruch auch deutlich mit knapp 22 Prozent gegenüber dem April 2019.

"Das ist ein dramatischer Wirtschaftseinbruch. Der Monat April wird wirklich in die Geschichtsbücher eingehen als der schlimmste Monat in Jahrzehnten, wenn nicht vielleicht sogar in Jahrhunderten", sagt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING Deutschland.

Der Tiefpunkt scheint überschritten 

Die Rückgänge waren besonders deutlich gegenüber den Nachbarländern in Europa festzustellen. Das erklärt Ralph Solveen, Volkswirt der Commerzbank so: "Im Euroraum, in der EU, war natürlich der April der absolute Tiefpunkt oder andersherum gesagt, das Maximum an den Beschränkungsmaßnahmen, während wir zum Beispiel in China schon merkliche Lockerungsmaßnahmen hatten. Deswegen sind ja auch die Exporte nach China mit etwa minus zwölf Prozent gegenüber Vorjahr auch deutlich weniger gefallen als eben die Lieferungen in unsere näheren Nachbarländer, also hauptsächlich in die anderen Euroländer."

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Gegenüber Frankreich, das stark von der Pandemie betroffen war, halbierten sich die Ausfuhren gegenüber dem April 2019, nach Italien wurden gut 40 Prozent weniger ausgeführt, in die USA exportierte die deutsche Wirtschaft 36 Prozent weniger. Der einzige Trost: Im Mai wurden die Beschränkungen der Wirtschaft nach und nach gelockert. Und so steigt nicht nur die Stimmung in der Wirtschaft wieder, auch erste harte Daten wie etwa aus der Autoindustrie lassen vermuten, dass der Tiefpunkt durchschritten ist. So habe man im Mai wieder mehr Autos ausgeführt und 35 Prozent des Vorkrisenniveaus erreicht, meldete der Verband der deutschen Automobilindustrie.

Keine schnelle Erholung zu erwarten

Im Mai und Juni gehe es aufwärts, soweit sind sich Volkswirte inzwischen sicher. Ralph Solveen: "Das Statistische Bundesamt meldet täglich Zahlen zum LKW-Verkehr in Deutschland. Die zeigen eigentlich, dass wir schon im Mai eine sehr deutliche Erholung gehabt haben, die halt im Juni sich wohl auch fortsetzt. Allerdings: Ein ‚V‘ würde wohl auch heißen, dass wir dann auch ganz schnell wieder auf das Ausgangsniveau zurückkommen und dass die Erholung genauso schnell ist wie der Absturz. Beides ist leider nicht zu erwarten."

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In den ersten Wochen hatten Ökonomen verschiedene Szenarien durchgespielt, wie schnell die Wirtschaft sich aus der Rezession würde befreien können. Die hatten sie mit Buchstaben kenntlich gemacht – das "V" steht für eine schnelle Erholung, das "U" für eine etwas länger gestreckte, das "L" für einen schnellen Absturz und ein langes Verharren in der Rezession, der Einbruch wird tiefer sein als erwartet – und die Erholung nicht so schnell.

Export kann Wirtschaft nicht beleben

Und Buchstaben allein genügen den Volkswirten inzwischen nicht mehr. Stefan Schneider, Chefvolkswirt Deutschland der Deutschen Bank: "Es wird wahrscheinlich – ich glaube, neudeutsch ist das ein "Swoosh" - also das Symbol eines Sportartikelherstellers – das heißt, wir kommen ganz allmählich und langgezogen aus dieser Delle heraus."

Anders als in früheren Krisen aber dürfte der Export nicht das Allheilmittel für eine Belebung der deutschen Wirtschaft sein, glaubt Carsten Brzeski von der ING Deutschland:

"Wir haben einen stetigen Trend der Deglobalisierung. Und das wird dem deutschen Exportsektor zu schaffen machen, sodass es eigentlich eine Illusion ist zu denken, dass die deutsche Konjunktur jetzt aus dieser Krise sich wieder rausexportieren kann. Wir brauchen inländische Nachfrage, wir brauchen Konsum und Investitionen, und das ist ja genau das, wo ja auch das Konjunkturprogramm der deutschen Regierung in der letzten Woche angesetzt hat."

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