Dienstag, 26.05.2020
 
Seit 14:10 Uhr Deutschland heute
StartseiteInterview"Soziale Marktwirtschaft ist nicht für Extremfälle ausgerichtet"04.04.2020

Wirtschaftsethiker zu Coronakrise"Soziale Marktwirtschaft ist nicht für Extremfälle ausgerichtet"

Großkonzerne, die keine Miete mehr zahlen wollen, überteuerte Alltags- und Medizinprodukte: Viele versuchten aktuell von der Notlage zu profitieren, sagte Wirtschaftsethiker Birger Priddat im Dlf. Die Coronakrise werde die soziale Marktwirtschaft langfristig verändern.

Birger Priddat im Gespräch mit Jürgen Zurheide

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ein Graffiti-Gollum hält eine Toilettenpapierrolle, daneben die Sprchblase "Mein Schatz" (imago images / Müller-Stauffenberg)
Der Wohlfahrtslevel könnte durch die Coronakrise langfristig sinken, viele Produkte und Dienstleistungen könnten dauerhaft teurer werden, glaubt Wirtschaftsethiker Birger Priddat (imago images / Müller-Stauffenberg)
Mehr zum Thema

HDE-Hauptgeschäftsführer Genth "Hausbanken waren überhaupt nicht vorbereitet"

EU-Wirtschaft Finanzexperte: "Corona-Bonds wären ein Zeichen der Solidarität"

Hilfsprogramme für die Wirtschaft Den richtigen Mittelweg bei Staatshilfen finden

Durch das zeitweise Aussetzen von Mietzahlungen sollten vor allem kleine und mittelständische Unternehmen während der Coronakrise vor hohen finanziellen Verlusten geschützt werden. Doch auch Großkonzerne wie Adidas und H&M kündigten daraufhin an, vorläufig Mietzahlungen einstellen zu wollen. Adidas ist mittlerweile von der Ankündigung wieder abgerückt.

Birger Priddat ist Wirtschaftsethiker der Universität Witten-Herdecke. Wir haben mit ihm über die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise gesprochen.

Jürgen Zurheide: Herr Priddat, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Konzerne wie Adidas ihre Mietzahlungen aussetzen wollen? Die haben es inzwischen begriffen, dass es nicht geht, aber allein der Versuch, was sagen Sie dazu?

Priddat: Da ist ein Manager, der denkt, die Lage wird kritisch, die Umsätze gehen zurück, wo kann ich Kosten minimieren, damit einigermaßen der Profit und damit auch ich als Manager mein Gehalt oder meine Provision durchkommen. Das ist einfach erst mal normales Managementkalkül. Die Leute denken nicht mehr den Zusammenhang. Die sehen die Situation nicht, und die denken nicht in der Verantwortung für die Mitarbeiter, selbst für das eigene Geschäft nicht. Das ist jetzt sehr nachträglich, denn Adidas wird natürlich jetzt von vielen, vielen Leuten kritisch gesehen.

Coronavirus (imago / Science Photo Library)Alle Beiträge zum Thema Coronavirus (imago / Science Photo Library)

Priddat: Manager sind nicht geschult darin, sozial zu denken

Zurheide: Jetzt haben Sie gerade gesagt, das ist das normale Managementkalkül – das war jetzt eine Deskription, unterstelle ich mal.

Prof. Dr. Birger P. Priddat, Dekan der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft an der Universität Witten-Herdecke, Lehrstuhl für Volkswirtschaft und Philosophie. (imago images / Rupert Oberhäuser)Wirtschaftswissenschaftler Birger P. Priddat (imago images / Rupert Oberhäuser)

Priddat: Ja. Erst mal, in so einer Situation kann ein Manager, der ja auf Profit und auf Gewinnorientierung ausgerichtet ist, nicht schnell umdenken. Die Leute sind ja nicht geschult darin, sozial zu denken oder die Umstände gleich mit reinzurechnen. Das ist ja sozusagen etwas, was in der Ausbildung und im Gedankengut jetzt erst mal nicht wirklich vorhanden ist. Das müssen sie lernen. Adidas hat ja gerade gelernt, Deichmann auch, bei den anderen muss man schauen, dass sie sich der Verantwortung stellen und wie alle anderen mitdenken, dass sie jetzt auch ihren Teil, ihr solidarisches Opfer mitbringen müssen.

Ein leerer Geschäftsraum ist mit einem Eisengitter verriegelt. (picture alliance /dpa/ Christophe Gateau) (picture alliance /dpa/ Christophe Gateau)HDE-Hauptgeschäftsführer Genth - "Hausbanken waren überhaupt nicht vorbereitet"
Stefan Genth, HDE-Hauptgeschäftsführer, begrüßt die wirtschaftlichen Hilfen der Bundesregierung für den deutschen Handel in der Coronakrise. Allerdings müsse bei dem Maßnahmenpaket nachgesteuert werden, sagte er im Dlf.

In Notlagen spielt eine Art massenhafte Kleinkriminalität eine Rolle

Zurheide: Wir kommen gleich im zweiten Bein darauf, was sein müsste, und ob es dann wird, werden wir sehen. Ich will noch mal ein paar Beispiele einfach nennen, weil wenn man darüber nachdenkt, fällt einem das ja auf: Wenn man hört, dass auf Rollfeldern irgendwo in der Welt Masken praktisch meistbietend weiterversteigert werden – also wir wissen nicht hundertprozentig, ob es so ist, aber die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass es so ist. Das ist auch so ein Beispiel, wer am meisten zahlt, bums, der kriegt es.

Priddat: Ja, das ist aber bekannt, dass in Notlagen so eine Art massenhafte Kleinkriminalität eine Rolle spielt. Es gibt Leute, die hamstern Toilettenpapier, und dann ruft mich jemand an und sagt, du, ich habe Toilettenpapier, willst du haben? Und dann nennt er einen Preis, wo ich sage, was soll das, ich kann notfalls mit einer Zeitung mir den Arsch abwischen, ich muss doch kein Toilettenpapier haben. Es gibt so Leute, die greifen jetzt in die Schatulle und wollen aus der Situation, weil andere eine Not scheinbar haben, Kleingeld draus machen. Bei den Masken genauso.

"Man denkt, in der Not darf man das"

!Zurheide:!! Ich ziehe jetzt einen Strich drunter und sage, das ist ein hemmungsloser Egoismus, der im Moment durch keine Ordnungsform – es gibt soziale Ordnungsformen, und dann gibt es welche in der Wirtschaftsform – im Moment gebremst wird.

Priddat: Ja, man denkt, in der Not darf man das, weil die anderen – ist ja offensichtlich – brauchen das ja. Da sinkt gewissermaßen der Anstand. Da sinkt das normale Ordnungsgefüge. Nun muss man allerdings auch sagen, die meisten Leute verhalten sich sehr anständig und sehr normal, aber es fällt eben auf, dass es eben eine kleine Gruppe von Leuten gibt, die jetzt zugreifen.

"Die soziale Marktwirtschaft ist nicht für Extremfälle ausgerichtet"

Zurheide: Die andere Grundfrage ist – aber Sie haben sie jetzt fast schon beantwortet –, die soziale Marktwirtschaft, die ja gewisse Regeln hat auf der einen Seite, aber auch Verhaltensnormen gibt, ich würde zugespitzt fragen, ist eine Schönwetterveranstaltung oder sagen Sie, nein, das ist eine zu böse Zuspitzung eines Journalisten?

Priddat: Sagen wir mal so, die soziale Marktwirtschaft ist ja nicht für Extremfälle ausgerichtet, sondern für eine wachstumsorientierte Normalität, und die bricht jetzt weg. Jetzt ist sozusagen bei vielen große Irritation, Unsicherheit, wie verhalte ich mich eigentlich, und dass die Bürger sich gewissermaßen an die Regeln halten und auch Opfer bringen, ist erst mal erstaunlich. Wollen wir mal sehen, wie lange das anhält, bis der Unmut groß wird, aber momentan funktioniert das.

Was wir gerade beredet haben zum Beispiel, es gibt ja Leute, die jetzt schnell Firmen gründen, damit sie diese Kredite abgreifen gründen, ohne dass in irgendeiner Weise sie hoffen, dass sozusagen die Beurteilung eben sehr mau ist, sodass man durchrutschen kann. Da wissen wir ja auch noch nicht, was da an Betrug in der ganzen Unterstützungsfrage in der Republik läuft.

Zwei Pflegerinnen gehen durch einen Gang, an dessen Wand Intensivstation steht (dpa/picture-alliance/Kästle) (dpa/picture-alliance/Kästle)Medizinethiker: Gesundheitswesen darf nicht ökonomisiert werden
Eine gute Vorbereitung sei entscheidend, um erkrankte Patienten "mit einer Hoffnung auf Leben auszustatten", sagte Medizinethiker Eckhard Nagel im Dlf. Ein rein privates Krankenhaussystem wie in den USA kollabiere in einer solchen Situation wie der Coronakrise völlig.

Zurheide: Was ist mit der Frage des Preises? Der Preis, so haben wir das als Ökonom gelernt, ich gehöre auch dazu, der Preis zeigt Knappheit. Jetzt können wir sagen – Sie haben es vorhin ja gesagt –, Güter werden knapp, selbst wenn sie vielleicht nicht knapp sind, aber manche sind auch in der Tat knapp. Beatmungsgeräte sind gerade knapper, als sie vorher waren. Ist das eine normale Reaktion, dass der Preis steigt, oder sagen Sie auch, als Ökonom oder als Staat muss man in dem Moment eben lenkend eingreifen. Das ist ja, was zum Beispiel in den Vereinigten Staaten diskutiert wird, da können jetzt die verschiedenen Counties und Staaten in den Vereinigten Staaten gegeneinander laufen, dann treiben sie die Preise, oder es könnte einen geben – idealerweise wäre das ein Präsident, der so weit denkt –, dass er das regelt und dass er diese Übertreibung aus dem Markt rausnimmt. Geht so was?

Priddat: Das geht in Deutschland nicht, was da in den USA passiert, ist ja so ein Kriegswirtschaftsparagraf, wo er Firmen anweisen kann, diese Dinge herzustellen und damit auch den Preis zu definieren. Also er kann nicht anweisen, stelle her, und dann sagt die Firma aber, mit 300 Prozent Profit will ich das nur verkaufen, nein, da wird auch sozusagen der Preis definiert. Das ist sozusagen eine strenge Anweisung, das geht nicht.

Was man machen kann, ist natürlich, dass man sozusagen mit Firmen einfach verhandelt und sagt, wollen wir nicht mal eine vernünftige Preisgrenze machen. Wir wissen, dass ihr – ihr sollt auch was dran verdienen, wir wollen ja nicht, dass wir sozusagen die Eigenpreise machen, aber lasst uns einfach mal ein Agreement machen. Dann kann man alle anderen abweisen, die da reingehen und sozusagen mit überhöhten Preisen was abgreifen wollen.

Das Problem ist ja ein bisschen selbst gestrickt, dass man diesen Notfall nicht durchgespielt hat und nicht genügend Vorrat angelegt hat, sodass man im Grunde über die Jahre, wo man Gelder hatte, auch hätte kaufen können, um dann die Dinge bereitzustellen, und jetzt muss man zaubern. Manche Firmen versuchen natürlich dann zu sagen, ich bin gern bereit, aber ich will auch ordentlich verdienen. Selbst bei den Masken. All diese netten Fabriken, die jetzt umstellen, wollen für die Masken natürlich auch entsprechend Geld haben, sonst, sagen sie, rentiert sich das ja auch nicht unter diesen Bedingungen für uns. Und der Staat zahlt dann auch mehr.

Ich hab schon gehört, dass man teilweise das, was früher 45 Cent gekostet hat, inzwischen für sieben bis 13 Euro verkaufen kann.

"Wir müssen uns im öffentlichen Bereich disponieren"

Zurheide: Das ist wieder die Knappheit, die ich gerade angesprochen habe. Müssen wir in unserer Wirtschaft und Wirtschaftsordnung über die Frage der öffentlichen Güter und der privaten Güter neu nachdenken?

Priddat: Ja. Sagen wir mal so: Corona wird irgendwann abklingen, es wird eine zweite Welle geben, vielleicht auch eine dritte Welle, es wird Mutationen geben. Es wird in einer globalen Welt, wo auch Leute ziemlich dicht miteinander verkehren und zusammen wohnen, immer wieder diese Viren- und auch Bakterienangriffe geben. Das heißt, wir müssen uns im öffentlichen Bereich, weil der Markt hilft da überhaupt nicht, disponieren. Wir brauchen eine bestimmte Menge an Krankenhäusern – die Engländer und die Amerikaner erfahren jetzt, was es heißt, das Gesundheitssystem so runtergefahren zu haben, dass sie nicht mehr genügend Betten, genügend Pfleger, genügend Ärzte haben. Das muss man alles auf Vorrat halten, und das kostet. Das ist nicht mit effizienter Privatisierung zu arrangieren …

Zurheide: Das ist wie mit der Feuerwehr: Die Feuerwehr braucht man.

Priddat: Genau, die kann man nicht erst gründen, wenn das Feuer da ist. Genauso kann man die Krankenhäuser nicht aufstocken, was wir jetzt mit Mühe machen, während der Epidemie, sondern man muss vorher Dispositionen haben. Und diese Planung, die geht wahrscheinlich nur über öffentliche Güter, also über eine Staatswirtschaft und nicht mit einer Privatwirtschaft.

"Sicherheit kriegt man nicht gratis"

Zurheide: Was heißt das für die Weltwirtschaftsordnung und die internationale Arbeitsteilung? Manche sagen, da hat es eben – wir wissen es zum Beispiel bei den Medikamenten – solche Verlagerungen gegeben, dass wir ohne China und ohne Indien viele Basics, Basisprodukte für die medizinische Versorgung mit Medikamenten nicht mehr haben. Muss man so was überdenken, wird das überdacht?

Priddat: Ja, es wird überdacht, aber man darf sich auch keiner Illusion hingeben. Wenn wir Medizin produzieren, die für uns bisher in Indien oder China produziert werden, dann wird es teurer. Das heißt, wir werden sozusagen dafür zahlen müssen, dass wir eine Sicherheit bekommen – die Sicherheit kriegt man nicht gratis –, aber wir werden diese Sicherheit zum Teil eben herstellen müssen.

"Der Wohlfahrtslevel wird sinken"

Zurheide: Wir haben gerade im Gespräch um kurz vor sieben mit jemandem gesprochen, der natürlich das Thema Klima auch angesprochen und adressiert hat. Die große Frage ist, vieles wird sich ja verändern. Auf der einen Seite, beim Klima werden – manche Ökonomen sagen – externe Effekte internalisiert werden, das heißt, es wird teurer werden, oder wird es sich nur verlagern, und jetzt sagen Sie, der Sicherheitsaufschlag kommt auch. Was heißt das unterm Strich, alles wird irgendwie teurer, oder wird es anders?

Priddat: Der große Effekt der Globalisierung war ja, dass wir die Produktion in Länder legen konnten, wo die Lohnkosten und die Produktionskosten geringer waren, sodass die Produkte, die wir reimportiert haben, billig waren. Dieser Wohlfahrtseffekt der Globalisierung, den wir ja alle mitgenommen haben und den wir genossen haben, der wird zum Teil aufgehoben werden. Das bedeutet, dass unsere Wohlfahrt, das heißt unsere Gehälter, die Kaufkraft nicht mehr haben für die Menge der Güter, sondern man wird relativ weniger kaufen können, weil es teurer wird.

Darauf müssen wir uns einstellen. Das heißt, der Wohlfahrtslevel wird sinken, das Wachstum wird natürlich versuchsweise bleiben, aber es wird das nicht mehr kompensieren können, was die Globalisierung in ihrer Freiheit bisher leisten konnte. Wir sehen jetzt die Grenzen dieser Freiheit.

Abonnieren Sie unseren Coronavirus-Newsletter (Deutschlandradio)Abonnieren Sie unseren Coronavirus-Newsletter! (Deutschlandradio)

Zurheide: Das hat übrigens dann neue Verteilungskonflikte, ich glaube, das wird dann fast ein anderes Gespräch, was wir führen müssen, oder?

Priddat: Ich glaube nicht, dass wir dafür noch Zeit haben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk