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StartseiteEuropa heuteBrennende Dollarscheine, verzweifelte Unternehmer20.08.2018

Wirtschaftskrise TürkeiBrennende Dollarscheine, verzweifelte Unternehmer

Staatspräsident Erdogan ist erneut zum AKP-Chef gewählt worden. Beim Treffen seiner islamisch-konservativen "Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung" zeigte er sich kampfeslustig, den USA will er die Stirn bieten, seinen Wirtschaftskurs beibehalten. Die Ratingagenturen senken den Daumen, viele Händler klagen.

Von Susanne Güsten

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Nationalstolze Türken befolgen den Boykottaufruf von Staatspräsident Erdogan (imago stock&people/ Schöning)
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Iphones zertrümmern und Dollarnoten verbrennen - das ist in den sozialen Medien der Türkei gerade der letzte Schrei. Nationalstolze Türken befolgen damit den Boykottaufruf von Staatspräsident Erdogan und demonstrieren ihren Protest gegen die USA, denen sie die Schuld an der Wirtschaftskrise in ihrem Land geben.

"Mama, der Papa verbrennt Geld"

Doch längst nicht alle Türken finden solche Aktionen gut - das musste auch dieser Mann erfahren, als er sein eigenes Dollarverbrennungsvideo drehen wollte und dabei von seiner Familie erwischt wurde:"Mama, der Papa verbrennt Geld", ruft das Kind, und dann kommt die Frau dazu.

Die Familienersparnisse gehen hier zum Kummer der Ehefrau in Flammen auf. Denn ihr Erspartes bewahren viele Türken bei allem Nationalstolz weiterhin lieber in Dollar oder Euro auf, um es vor dem Verfall der Lira zu bewahren. Ähnlich verhält es sich mit dem Iphone-Boykott, sagt der Istanbuler Mobiltelefonhändler Ahmet:

"Die Boykott-Aufrufe gibt es natürlich, aber die Leute befolgen das nicht weiter. Die Türken hängen an ihren Iphones. Selbst wenn sie kein Geld mehr für die Telefonrechnung haben, das Iphone muss einfach sein."

Die Geschäfte laufen schlecht

Trotzdem gehen die Geschäfte in Ahmets Laden in der Istanbuler Innenstadt extrem schlecht. Das liegt nicht am Boykott, sondern am drastischen Verfall der Lira, erzählt der Händler:

"Mein Einkauf ist in Dollar, weil meine Ware importiert ist - gleich ob sie aus Amerika kommt, aus China oder aus Korea, das ist alles Importware. Selbst die Telefone der türkischen Marke Vestel werden in der Türkei nur montiert, die Teile kommen aus China und müssen in Dollar bezahlt werden. Wegen des Kursanstiegs kosten mich Teile, für die ich bisher 50 Lira bezahlt habe, plötzlich 100 Lira. Das muss ich natürlich an die Kunden weitergeben. Die beschweren sich und fragen, warum ich so teuer geworden bin."

Hoher Dollarkurs, schwache Lira

Ein älterer Herr betritt das Geschäft, er hat ein defektes Mobiltelefon dabei, das er reparieren lassen will. Doch Ahmet muss ihn enttäuschen: Das nötige Ersatzteil kostet jetzt aufgrund des Dollarkurses mehr, als das Handy in der Anschaffung gekostet hat, rechnet er dem Kunden vor - und rät ihm, das Telefon dem Altwarenhändler zu überlassen.

Sichtlich schockiert verlässt der Mann den Laden. Ahmet seufzt.

"Ich bekomme schon jetzt deutlich weniger Kunden. Wenn das so weitergeht, werde ich die Ladenmiete nicht mehr bezahlen können und den Laden aufgeben müssen."

Hilfe aus Katar, aber die Sorgen bleiben

Immerhin hat Ahmet keine Devisenschulden wie sein Nachbar Yunus: Der hatte sich vor einem halben Jahr 4000 Euro geliehen, um seinen Laden zu renovieren - und muss nun statt 18.000 Lira plötzlich 28.000 Lira aufbringen, um den Kredit zurückzuzahlen. Das Schlimmste sei die Ungewissheit, sagt Ahmet:

"Die einen sagen, es wird besser, die anderen sagen, es wird noch viel schlimmer - jeder sagt etwas anderes, und wir wissen es einfach nicht. Wenn wir es wüssten, könnten wir uns entsprechend verhalten. Wenn ich zum Beispiel sicher wüsste, dass der Dollar noch weiter steigt, würde ich Dollar kaufen. Aber es ist alles ungewiss."

Nur leichte Erholung für die Lira konnte die Milliardenhilfe bewirken, die das Emirat Katar der türkischen Regierung letzte Woche versprach. Ahmet zuckt die Schultern, wenn davon die Rede ist.

"Nein, von den Arabern erwarte ich keinen Ausweg aus der Krise. Katar begleicht mit dieser Investition eine Dankesschuld für unsere humanitäre Hilfe, aber damit wird es dann auch getan sein, denke ich - mehr ist aus dieser Ecke nicht zu erwarten."

Zwei kleine Kinder hat Ahmet, und er macht sich große Sorgen um ihre Zukunft - vor allem wenn er seinen Laden aufgeben und in der Wirtschaftskrise andere Arbeit suchen muss.

"Ich muss an die Zukunft meiner Kinder denken. Ich höre von vielen Leuten, die die Türkei verlassen; sie gehen ins Ausland, nach Kanada oder Deutschland. Es geht ja nicht um uns, aber unsere Kinder sollen soziale Sicherheit haben. Hier in der Türkei ist alles ungewiss."

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