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StartseiteWirtschaft und Gesellschaft"China braucht Hongkong - aber nicht die Bevölkerung"20.08.2019

Wirtschaftsstandort Hongkong"China braucht Hongkong - aber nicht die Bevölkerung"

Als Brückenkopf zu den globalen Finanzmärkten sei Hongkong wichtig, sagte Max Zenglein vom Mercator Institute for China Studies im Dlf. Die chinesische Führung werde aber versuchen, die Bedeutung des Finanzzentrums weiter zu reduzieren - eine Art Bestrafung Hongkongs.

Max Zenglein im Gespräch mit Sandra Pfister

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Demonstranten schützen sich mit Schirmen vor dem anhaltenden Regen, die gleichzeitig ein Symbol für den Protest sind. (picture alliance/Gregor Fischer/dpa)
Demonstranten schützen sich mit Schirmen vor dem anhaltenden Regen. In der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong sind die Proteste gegen den Einfluss aus Peking in eine neue Runde gegangen. (picture alliance/Gregor Fischer/dpa)
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Sandra Pfister: Gestern haben wieder 1,7 Millionen Menschen in Hongkong demonstriert. Viele von ihnen bezahlen einen hohen Preis dafür. Die Angestellten von der Fluggesellschaft Cathay Pacific, die mitdemonstriert haben, die verlieren auf Druck Chinas ihren Job. China scheint aber auch, Druck auf ausländische Konzerne zu machen. Offenbar haben Manager von vier Bilanzprüfungsfirmen einen Kotau gemacht. KPMG, Ernst & Young, Deloitte und PricewaterhouseCoopers haben sich von Gewalt und angeblich illegalen Aktivitäten von Demonstranten distanziert. Damit sind wohl Protestierende gemeint, die Mitarbeiter dieser Firmen sind.

Wir reden darüber mit Max Zenglein, Leiter des Wirtschaftsprogramms von Merics, dem Mercator Institute for China Studies. Guten Tag, Herr Zenglein!

Max Zenglein: Guten Tag!

Pfister: Herr Zenglein, Sie sind gerade in Hongkong. Wir haben gehört, die Fluggesellschaft Cathay Pacific musste der chinesischen Führung gegenüber klein beigeben. Sie musste sich für die eigenen Mitarbeiter entschuldigen. Lufthansa war auch schon in einer ähnlichen Situation vor einer Weile. Die ausländischen Konzerne und auch die deutschen scheinen, eher klein beizugeben, als ihre Geschäfte auch nur ansatzweise zu gefährden. Wie bewerten Sie das?

Zenglein: Das ist richtig. Die Vorgänge mit Cathay Pacific - das ist ein Schlüsselunternehmen auch hier in Hongkong und das hat große Signalwirkungen, dass dieses Unternehmen auch dort ausgewählt wurde, dass das Unternehmen auch unter Druck gesetzt wird, seine eigenen Mitarbeiter zu disziplinieren und vor allem, was seine Mitarbeiter in ihrer Freizeit zu tun haben in einem Rechtssystem in Hongkong, wo Versammlungsfreiheit und Meinungsfreiheit herrscht. Das ist durchaus besorgniserregend, was den Rechtsstandort oder die unabhängige Justiz und Rechtsstaatlichkeit hier in Hongkong betrifft.

"Für chinesische Unternehmen ist Hongkong extrem wichtig"

Pfister: Vielleicht müssen wir insgesamt noch mal über die wirtschaftliche Rolle von Hongkong reden. Wir hören es immer: Hongkong ist wichtig, ist wichtig, weil das die Insel der freien Kapital- und Warenflüsse ist, weil es eine unabhängige Justiz gibt. Deswegen gehen alle über diese Plattform und deswegen siedeln sich auch deutsche Firmen dort an (zwischen 600 und 700). Wenn China seinen Einfluss jetzt immer weiter auf Hongkong ausdehnt, verliert es dann letztlich den Charme für viele Unternehmen?

Zenglein: Das ist sicherlich eine Gefahr und dann könnten vor allem internationale Unternehmen auch gleich in Shanghai sein. Wenn Hongkong quasi eine ganz normale chinesische Stadt wird, dann kann man auch anderweitig in anderen Regionen sicherlich Steuervorteile bekommen, so dass Hongkong für internationale Unternehmen nicht ganz so wichtig ist. Das bedarf sicherlich ein paar operativer Anpassungen, aber ich denke, das wäre nicht ganz so dramatisch. Für chinesische Unternehmen sieht es dahingehend wieder, glaube ich, anders aus.

Pfister: Das heißt, für europäische Unternehmen wäre das kein riesen Anpassungsprozess und auch kein Drama?

Zenglein: Richtig. Das wäre eher für die Mitarbeiter und die Lebensqualität, in einer freien, offenen Gesellschaft hier zu leben, das wäre dann vermutlich eher die Konsequenz, dass das dann dahingehend schade wäre.

Pfister: Shanghai, sagten Sie gerade als Handelsmetropole. Jetzt gucken ja immer auf Hongkong alle als Börsenplatz. Wie wichtig ist das denn als Börsenplatz?

Zenglein: Für chinesische Unternehmen ist Hongkong extrem wichtig. Insgesamt hat natürlich die wirtschaftliche Bedeutung Hongkongs durchaus abgenommen, aber als Brückenkopf zu den globalen Finanzmärkten ist Hongkong sehr wichtig, denn ansonsten ist streng reglementiert, wie Kapital über die Grenzen fließen kann. In Hongkong herrscht das nicht vor und insofern ist das sehr wichtig. Daran macht sich auch die Bedeutung Hongkongs aus für China. Ich denke, einige wohlhabende Chinesen, die bis jetzt ihr Geld in Hongkong hatten, werden vermutlich schon darüber nachdenken oder es bereits schon tun, ihr Geld anderswo in Sicherheit zu bringen, etwa in Singapur und London. Da, denke ich, wird es schon relativ schnell Konsequenzen geben.

Pfister: Jetzt hat gestern die chinesische Führung Pläne bekannt gegeben, die man so interpretieren kann, als wolle sie Hongkong und dessen Bedeutung als Finanzzentrum runterfahren und stattdessen Shenzhen in Südchina statt Hongkong zu dem großen internationalen Finanzzentrum machen. Ist das nur heiße Luft, oder ist da tatsächlich was dran?

Zenglein: Ja, hört sich etwa danach an, dass man versuchen wird, dort ein neues Hongkong von Grund auf aufzubauen und dahingehend die Rolle, die vielleicht Hongkong zugedacht war, zu reduzieren, eine Art Bestrafung Hongkongs.

Pfister: Aber das ist nichts, was jetzt innerhalb der nächsten paar Jahre funktionieren wird? Das braucht doch wahrscheinlich ein bisschen Vorlauf?

Zenglein: Das dürfte technisch durchaus schwierig sein. Ein internationales funktionales Finanzzentrum braucht in der Regel eine eigene Währung, freien Kapitalfluss, eine unabhängige Justiz. Da gibt es massive Baustellen, die dort angegangen werden müssten, und das dürfte nicht ganz so einfach sein. Da würde ich große Fragezeichen hinstellen, inwiefern das auch möglich ist, zumal auch der Zugriff des chinesischen Staates dort auf Geldflüsse durchaus noch gewährleistet ist und dahingehend auch massive Eingriffe in den Kapitalfluss. Das würde alles darauf hindeuten, dass das schwierig sein dürfte, dass das internationale Anerkennung finden würde.

Sinkende Bedeutung?

Pfister: Es hört sich ein bisschen danach an, als würden die Chinesen, wenn sie Hongkong als Finanzzentrum schwächen, sich ins eigene Fleisch schneiden und auch ihren eigenen Unternehmen Schaden zufügen. Andererseits hören wir, Hongkong hat als Wirtschaftszentrum an Bedeutung verloren. Wie bewerten Sie das insgesamt?

Zenglein: Die wirtschaftliche Bedeutung für China hat durchaus abgenommen. Wenn man jetzt zurückdenkt: Ganz am Anfang, als der Öffnungsprozess in China stattgefunden hat, war Hongkong wirtschaftlich wesentlich bedeutender. Viele Hongkong-Investoren sind nach China gegangen, haben dort investiert, waren dort die Pioniere. Jetzt ist diese Bedeutung weniger relevant, aber als Brückenkopf zu den globalen Finanzmärkten ist es eher noch wichtiger geworden, denn jetzt ist ein Zeitraum, in dem chinesische Unternehmen internationaler agieren wollen. Da braucht man Zugang zu internationalen Kapitalmärkten. China ist bei weitem noch nicht in der Position, die Kapitalverkehrskontrollen, die sonst in China vorherrschen, abzubauen.

Pfister: Rechnen Sie dann damit, dass die chinesische Führung jetzt doch Zugeständnisse macht und den Druck auf Unternehmen ein bisschen absenkt?

Zenglein: China braucht Hongkong, aber nicht die Hongkonger Bevölkerung, und dahingehend wird man sich, denke ich, schwer tun, auf die Forderungen hier einzugehen und Zugeständnisse an die Bevölkerung zu machen. Denn mit diesem Freigeist, der auch in der Bevölkerung herrscht, hat man durchaus seine Probleme.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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