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StartseiteKommentare und Themen der WocheAusruhen dürfen sich die Berliner Krisenmanager nicht11.11.2020

Wirtschaftsweise legen Gutachten vorAusruhen dürfen sich die Berliner Krisenmanager nicht

Mit dem Rat, die langfristigen Herausforderungen der Pandemie im Blick zu behalten, liegen die Wirtschaftsweisen absolut richtig, meint Theo Geers. Die Regierung sollte mehr auf die Weisen hören. Ihr Vorschlag, etwa beim Klima voll auf höhere Preise für fossile Brennstoffe zu setzen, sei der einzig richtige Weg.

Von Theo Geers

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Die rauchenden Schornsteine des Braunkohlekraftwerks Schwarze Pumpe mit Langzeitbelichtung fotografiert. (Picture Alliance / Andreas Franke)
COVID-19 hat nicht die Klimakatastrophe gestoppt, die wir selbst herbeigeführt haben und immer noch nicht wirkungsvoll genug bekämpfen, meint Theo Geers (Picture Alliance / Andreas Franke)
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In der Krise schlägt die Stunde der Exekutive. Völlig zu Recht schauen deshalb die fünf Wirtschaftsweisen in diesen Pandemiezeiten der Regierung genau auf die Finger. Bei so viel Mühe – mit über 500 Seiten ist das Gutachten wie immer so dick wie früher ein Telefonbuch - haben sie es dann aber auch verdient, dass die Regierung Merkel-Scholz auch auf sie hört. Denn ausruhen auf dem Lob, wonach mit dem Wumms im Großen und Ganzen das meiste richtiggemacht wurde, dürfen sich die Berliner Krisenmanager nicht.

Wirtschaftsweisen wollen sich so früh noch nicht festlegen

Im Kleinklein der zielgenauen wie schnellen Umsetzung, liegt immer noch viel zu viel im Argen. Die vielen Milliarden für Kurzarbeitergeld, Überbrückungs- und Novemberhilfen verhindern einen noch schlimmeren Einbruch, richtig, aber es bleibt dabei: Die wirtschaftliche Erholung hängt nicht an diesen Milliarden, sondern allein an der Frage, wie schnell das Coronavirus unter Kontrolle gebracht wird.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Die Wirtschaftsweisen wollen sich so früh noch nicht festlegen, sie bleiben, gefragt nach den konjunkturellen Wirkungen des Anfang der Woche angekündigten Impfstoffes, vorsichtig. Aber dass Impfstoffe die wirtschaftliche Stimmung heben steht außer Frage. Das müssen sich vor allem diejenigen ins Stammbuch schreiben lassen, die immer noch glauben, COVID-19 lasse sich wie eine normale Grippewelle wegstecken, der Gesundheitsschutz werde überhöht und die wirtschaftlichen Folgen verniedlicht.

Ohne Gesundheit kein Wohlstand

Um es klar zu sagen: Gesundheitsschutz in Corona-Zeiten macht nicht die Wirtschaft kaputt, es gibt diesen Gegensatz nicht. Gesundheitsschutz ist vielmehr zur Grundvoraussetzung für alles geworden, ohne Gesundheit kein Wachstum und kein Wohlstand. Wer das nicht kapiert, sollte sich unbedingt noch mal die Kursgewinne an den Börsen zu Wochenbeginn anschauen und sich fragen, woher die eigentlich kamen. Die Antwort ist eindeutig, auch wenn die Kursreaktionen am Tag selbst übertrieben gewesen sein mögen. 

Auf die Vorschläge der Wirtschaftsweisen hören

Absolut richtig liegen die Wirtschaftsweisen auch mit ihrem Hinweis, in Zeiten der Pandemie auch die langfristigen Herausforderungen im Blick zu behalten. COVID-19 hat schonungslos unseren Rückstand in Sachen Digitalisierung aufgedeckt, in der Verwaltung, vor allem aber in den Schulen. COVID-19 hat auch nicht den demographischen Wandel plötzlich gestoppt, in unseren Sozialkassen klaffen riesige Deckungslücken. Und COVID-19 hat auch nicht die Klimakatastrophe gestoppt, die wir selbst herbeigeführt haben und immer noch nicht wirkungsvoll genug bekämpfen. Auch hier, bei der Wahl der richtigen Instrumente, sollte unsere Regierung mehr auf die Wirtschaftsweisen hören. Ihr Vorschlag, etwa beim Klima voll auf den Emissionshandel und somit höhere Preise für fossile Brennstoffe zu setzen, ist und bleibt der einzig richtige Weg.

Theo Geers, 1959 in Sögel geboren, Studium der Volkswirtschaft an der Universität Köln, seit 1984 freier Journalist u. a. für DLF, WDR und andere ARD-Anstalten, seit 1991 als Wirtschaftsredakteur beim Deutschlandfunk. 1997 bis 2001 Korrespondent in Brüssel, 2010 bis 2011 Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt, seit 2012 Berliner Korrespondent für die Programme des Deutschlandradio, Themenschwerpunkt Wirtschaft und Finanzen.

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