Kommentare und Themen der Woche 30.03.2020

Wirtschaftsweise zur CoronakriseSondergutachten ohne klare AnsagenVon Theo Geers

Beitrag hören Aufnahme in der Bundespressekonferenz in Berlin: Timo Wollmershäuser, ifo Institut; Torsten Schmidt, RWI Essen; Stefan Kooths, Institut für Weltwirtschaft Kiel; Oliver Holtemöller, Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle; Malte Rieth, DIW Berlin; Claus Michelsen, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung e. V. in Berlin (dpa/ Kay Nietfeld)Unternehmen weltweit brauchen jetzt praktische Antworten auf praktische Probleme, meint Dlf-Korrespondent Theo Geers. Die Wirtschaftsweisen hätten sie nicht geliefert. (dpa/ Kay Nietfeld)

Das aktuelle Sondergutachten der Wirtschaftsweisen zur Coronakrise enthalte viel "Könnte-sollte-müsste", aber wenig echte Empfehlungen, kommentiert Dlf-Hauptstadtkorrespondent Theo Geers. Wichtige Fragen wie die nach hundertprozentigen Kreditgarantien blieben unbeantwortet.

Gestandene Ökonomen wie Deutschlands "Wirtschaftsweise" müssen keine Horrorszenarien an die Wand malen. Die 2,8 Prozent oder schlimmstenfalls 5,4 Prozent, um die die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr schrumpfen könnte, wirken tatsächlich so, als könnte Deutschland in der Corona-Krise noch vergleichsweise glimpflich davonkommen. 2009 mit minus 5,7 Prozent war schlimmer.

Aber schlimm ist das, was in der Wirtschaft gerade los oder – wenn man es genau nimmt – eben nicht mehr los ist, dennoch. Katastrophal geradezu und deshalb wirkt dieses Sondergutachten einfach zu brav, zu akademisch. Gern würde man mehr zu den Problemen erfahren, die sich jetzt in der Praxis auftun. Doch Fehlanzeige.

Zu gemeinsamen Anleihen nur ein paar dürre Zeilen

Ein Beispiel ist die Frage, ob Corona–Bonds ein Mittel der Wahl sein könnten. Jeder weiß: Das sind in neuem Gewande daher kommende Eurobonds, bei denen in Deutschland die Ampeln sofort auf Rot springen. Deutschland haftet doch nicht für die Schulden von Italien oder Spanien, auch nicht für den kleinen Teil, der jetzt im Kampf gegen die Krise neu hinzukäme.

Da mag China gezielt Osteuropäer oder Spanier auch mit Hilfsgütern umgarnen oder Trump die Briten zum Brexit ermutigen, um die EU auseinander zu dividieren, heutzutage mögen auch noch so viele Sonntagsreden gehalten werden über das Europa, das jetzt noch enger zusammen stehen müsse – an einem Montag wie heute finden sich dazu bei den Professoren nur ein paar dürre Zeilen.

Mit der Frage gemeinsamer Anleihen, für die man in der Not auch gemeinsam haftet, habe man sich schon 2011, 2012, 2013 und 2015 auseinandergesetzt. Und zwar kritisch, was eben heißt: Davon hält der deutsche Sachverständigenrat nichts, selbst wenn die EU gerade auseinanderfliegt und es um gelebte Solidarität in einer Menschheitskrise geht.

Wie die Bayern und Preußen vor 150 Jahren

Mit Verlaub: So haben die Bayern und Preußen vor mehr als 150 Jahren auch voneinander gedacht – und heute leben sie in einem Staat.

Ein zweites Beispiel sind die staatlichen Kreditgarantien von 80 Prozent. Vielen Unternehmen hierzulande hilft das nicht, weil ihre Hausbanken die restlichen 20 Prozent nicht tragen wollen oder können. Beides läuft auf's gleiche hinaus, das Hilfsinstrument wirkt nicht, wie es nötig wäre.

Auch da wünschte man sich klare Empfehlungen statt des wolkigen Satzes, wonach höhere Garantien nötig werden könnten, wenn die Bereitschaft der Banken sinken sollte, Risiken zu übernehmen. Mit Verlaub: Genau da sind wir gerade, dieses könnte-sollte-müsste hilft nicht wirklich weiter.

Soll der Staat Kredite zu 100 Prozent abdecken und dies in der jetzigen Notlage bei der EU durchdrücken oder soll er das lassen? Fisch oder Fleisch – solche Antworten würde man sich in so einem Gutachten eher wünschen.

Theo Geers, 1959 in Sögel geboren, Studium der Volkswirtschaft an der Universität Köln, seit 1984 freier Journalist u. a. für DLF, WDR und andere ARD-Anstalten, seit 1991 als Wirtschaftsredakteur beim Deutschlandfunk. 1997 bis 2001 Korrespondent in Brüssel, 2010 bis 2011 Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt, seit 2012 Berliner Korrespondent für die Programme des Deutschlandradio, Themenschwerpunkt Wirtschaft und Finanzen.

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