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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWissen als soziales Gut03.09.2009

Wissen als soziales Gut

In der Philosophie regiert bis heute das Bild des einsamen Denkers, der in sich gekehrt nach Erkenntnis strebt. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: Neues Wissen ist vielfach ein soziales Produkt, sagt der amerikanische Philosoph Alvin Goldman.

Von Peter Leusch

Wie entsteht Erkenntnis und Wissen? (AP Archiv)
Wie entsteht Erkenntnis und Wissen? (AP Archiv)

"Eine Riesenmenge von dem, was wir glauben, basiert auf den Quellen anderer Leute, auf anderen Leuten als Quelle, wir haben gehört, was andere sagen, unsere Freunde um uns herum, wir lesen Zeitungen, lesen Bücher, wir studieren, - das meiste davon haben andere Leute gesagt, mit anderen Worten: Was sie üblicherweise geschrieben, was sie untersucht haben. Aber dann stellt sich für eine soziale Erkenntnistheorie die große Frage: Was rechtfertigt eine Person denn eigentlich darin, dem zu trauen, was sie von anderen Leuten hört, - wir wollen doch nicht allem glauben, was wir von anderen hören, wir wollen auswählen und die Frage ist nun, wie sollen wir das anstellen."

Alvin Goldmann, amerikanischer Philosoph an der Rutgers University in New Jersey, ist der Vordenker einer sogenannten sozialen Erkenntnistheorie, die er in der vergangenen Woche im Rahmen der philosophischen Sommerschule an der Universität Köln vorgestellt hat. Goldmann setzt bei den Defiziten der klassischen Erkenntnistheorie an, die Rene Descartes begründet hat.
Descartes wollte zweifelsfreie Gewissheit, zog sich dabei ganz auf das Bewusstsein des menschlichen Subjekts zurück. Kraft seiner Vernunft tritt das einzelne Individuum der Welt gegenüber. Seine Wahrnehmung, seine Erinnerung und sein Verstand erfahren, ordnen und begreifen die Welt, so soll der Mensch zur Wahrheit gelangen.

Dieses Erkenntnismodell hat nur einen Schönheitsfehler: Es ist auf die meisten Fälle nicht anwendbar, weil wir im Alltag dauernd auf Wissen und Informationen anderer angewiesen sind, die wir mangels Zeit, Kompetenz und aller möglichen Umstände niemals selbst überprüfen können, so der Kölner Philosophieprofessor Thomas Grundmann, der die Summerschool in Philosophy initiiert hat und leitet.

"Die große Frage, die sich jetzt in der Erkenntnistheorie stellt, ist jetzt, unter welchen Bedingungen dürfen wir solch ein Zeugnis anderer akzeptieren. Eine Konzeption ist zu sagen, wir müssen eigentlich immer gute Gründe haben anzunehmen, dass derjenige, der uns etwas mitteilt, zuverlässig ist, nicht lügt, ernst zunehmen ist und auch kompetent, ein Experte oder zuverlässiger Zeuge. Aber in der Praxis sieht es sehr viel schwerer aus. Menschen sind relativ schlecht darin, herauszufinden, ob andere lügen, wir haben das auch in der Sommerschule intensiv diskutiert, da zeigen die empirischen Belege, dass es viel schlechter aussieht, als jeder Einzelne meint. Polizisten oder Richter glauben, dass sie da perfekt sind herauszufinden, ob sie zuverlässige Zeugen vor sich haben, aber tatsächlich ist die Bilanz sehr, sehr schlecht."

Die strukturelle Unsicherheit, in der wir leben, die Frage, was letztlich stimmt oder nicht stimmt, betrifft nicht allein unser Alltagshandeln. Goldmanns Leitfrage nach sozialen Faktoren des Wissens bringt eine angewandte Erkenntnistheorie auf den Weg, die in sensible Bereiche der Gesellschaft hineingeht und kritisch nachfragt - dort, wo Wahrheit zu einer existenziellen Sache wird, zum Beispiel in der Rechtsprechung.

"Über Jahre, vielleicht für ein Jahrhundert wurde der Fingerabdrucknachweis weit und breit bei Gerichten genutzt. Und tatsächlich haben einige Leute ihn traditionell als goldenen Standard zur Feststellung von Schuld oder Unschuld angesehen. Unglücklicherweise ist vor Kurzem bemerkt worden, dass es niemals einen wirklich soliden wissenschaftlichen Test der Methoden des Fingerabdruckbeweises gegeben hat. Jüngst wurde eine Studie von der Nationalen Wissenschaftsakademie veröffentlicht, einem speziellen Gremium in den USA, ein wachrüttelnder Bericht, wie unbegründet die Methoden beim Nachweis der Übereinstimmung des Fingerabdrucks wirklich sind. Das ist ein Riesenproblem."

Das Beispiel der Fingerabdrücke – samt der brisanten Wahrheits- und Gerechtigkeitsfrage - hat Joseph Shieber eingehender beschäftigt, einen amerikanischen Philosophiedozent am Lafayette College in Pennsylvania, der ebenfalls an der Sommerschule in Köln teilgenommen hat.

"Wenn man so eine Fernsehshow wie CSI sieht, die zeigen uns diese hübschen Bildmuster des Fingerabdrucks und sie haben grüne Pfeile, die auf verschiedene Teile des Musters zeigen und sie sagen dann: Oh, diese Übereinstimmung. Aber verschiedene Rechtsprechungen, verschiedene Gerichtshöfe in den Vereinigten Staaten erlauben verschiedene Niveaus, wann Bildmuster-Übereinstimmungen als ausreichend gelten, vor einigen Gerichten sind es, glaube ich, mindestens fünf dieser Muster im Fingerabdruck, vor anderen müssen es fünfzehn sein, aber der Anspruch ist immer, dass die forensischen Fingerabdruck-Spezialisten sagen würden: Ja, wenn man eine Übereinstimmung von zehn Mustern im Fingerabdruck hat, dann heißt das, es steht nur eins zu 10.000, dass es der Verdächtige nicht ist. Aber es stellt sich heraus, dass diese Zahlen nicht auf harten statistischen Erhebungen basieren, also nicht bloß, dass verschiedene Rechtsprechungen verschiedene Niveaus von Musterübereinstimmungen anwenden, sondern auch die Ansprüche, dass gewisse Niveaus der Musterübereinstimmungen gewisse Wahrscheinlichkeiten ergeben, dass man den richtigen Verdächtigen verhaftet hat, diese Ansprüche waren unwissenschaftlich."

Kann man nach solchen Enthüllungen überhaupt an der Idee einer zweifelsfreien Wahrheit festhalten? Oder soll man sich einem universellen Skeptizismus anschließen, der sagt, alles ist sozial und kulturell bestimmt, auch das, was in den vermeintlichen objektiven Naturwissenschaften als Forschungsergebnis herauskommt. Diese Frage hat den Molekularbiologen Siegfried Roth, Professor am Institut für Entwicklungsbiologie der Universität Köln motiviert, an der philosophischen Sommerschule teilzunehmen.

"Dass es sogar eine Richtung gab, die sagte: Es ist alles konstruiert, auch in den Wissenschaften hängt alles von den sozialen Faktoren ab, von Machtvorstellungen oder von Geldgebern, oder vom Ego der Wissenschaftler, die irgendwelche Meinungen vertreten, die vielleicht gar nicht der Wirklichkeit entsprechen, die sich aber durchsetzen. Ich meine, das war sicher ein Schritt zu weit und das ist das Interessante an der sozialen Erkenntnistheorie von Goldmann, dass er in der Lage ist, soziale Phänomene einzuschließen in die Theorie, aber gleichzeitig eben nicht die Intuition verloren geht, dass wir tatsächlich immer noch ein Objekt in der Natur haben und das spiegelt sehr gut die Intention des Wissenschaftlers wieder, der tatsächlich auch wenn er im Team arbeitet, die Vorstellung hat, dass er etwas erkennt in der Natur."

Gegen einen universellen Skeptizismus, der die Begriffe von Wahrheit und Rechtfertigung preisgibt, der erklärt, dass man nur noch konstatieren könne, was in einer bestimmten Zeit und Gesellschaft als wahr, richtig und so weiter angesehen würde, hält Goldmans soziale Erkenntnistheorie an normativen Ansprüchen fest. Allerdings müssen die sozialen Faktoren berücksichtigt und geklärt werden.

Dass Wissen und Wissenserwerb ein soziales Gut ist, konstatiert eben nicht nur nüchtern einen Sachverhalt, sondern bedeutet darüber hinaus einen gesellschaftlichen Auftrag, eben diese Bedingungen zu verbessern.
Thomas Grundmann:

"Ich habe schon angedeutet, dass wir versuchen können, die Zuverlässigkeit von sozialen Zusammenhängen zu erhöhen, das könnte in den Wissenschaften oder auch Bildungsinstitutionen auch mit ganz einfachen Dingen zusammenhängen: Zeugnisse, Hochschulabschlüsse, was genau qualifiziert, nachvollziehbar und ausweisbar, den Experten als Experten, natürlich auch die Erfolgsbilanz, man könnte auch denken, dass die Integrität einer Person eine große Rolle spielt, die man natürlich in gewisser Weise etwas schwerer bewerten kann. Es ist am Ende eine empirische Frage, die man im Zusammenhang mit den Sozialwissenschaften, heute insbesondere den Sozialpsychologen diskutieren kann, da merkt man eben auch, wie Philosophie interdisziplinär mit anderen Disziplinen zusammenarbeiten kann und muss."

Institutionen verbessern, insbesondere im Bereich von Bildung und Wissenschaft, lautet eine der Forderungen der sozialen Erkenntnistheorie von Alvin Goldman. Aber das Vertrauen auf Experten allein wäre fatal. Dies hat gerade die jüngste Katastrophe auf dem Finanzmarkt nachdrücklich vor Augen geführt, wo gleich eine ganze Phalanx von Experten versagt hat, angefangen von den Bankmanagern, über ihre Aufsichtsräte und weiter die staatliche Finanzaufsicht Bafin, bis hin zu den vermeintlich unabhängigen Rating-Agenturen, - Experten allein richten es nicht, wenn es um unabhängiges integres Wissen geht, hier es bedarf auch künftig des klugen Einzelnen, der sich mit einer gesunden Portion Skepsis gegen vollmundige Verführung wehrt.

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