Montag, 27. Juni 2022

Wissenstransfer
Hochschul-Kooperation mit China dient der Aufrüstung einer Großmacht

Grundlagenforschung deutscher und chinesischer Forscher werde in China wahrscheinlich am Ende auch militärischen Zwecken dienen, kommentiert Sebastian Engelbrecht. Deutsche Universitäten müssten ihre Kooperationen mit China überdenken – und sie möglicherweise beenden.

Ein Kommentar von Sebastian Engelbrecht | 19.05.2022

Ein Soldat mit Fernglas an Bord des chinesischen Flugzeugträgers Liaoning.
Gemeinsame Forschung chinesischer und deutscher Hochschulen hat eine gewaltige politische Dimension – besonders, wenn chinesiche Militäruniversitäten beteiligt sind, meint Sebastian Engelbecht (picture alliance / AP Images)
Die Wissenschaft ist universal. Sie gilt und wirkt über Grenzen hinweg. Und was Wissenschaftler in Deutschland erforschen, das sollte idealerweise dem wissenschaftlichen Fortschritt auf dem ganzen Erdball dienen. Und noch etwas: Die Wissenschaft ist frei. So steht es jedenfalls in Artikel 5 des Grundgesetzes.

Doch diese Ideale stoßen an Grenzen, zum Beispiel wenn europäische Hochschulen, Forscherinnen und Forscher, mit chinesischen zusammenarbeiten. Die Ideale der Universalität und Freiheit der Wissenschaft stoßen erst recht an Grenzen, wenn die Partner dieser europäischen Wissenschaftler von chinesischen Militäruniversitäten entsandt werden, etwa von der chinesischen National University of Defence Technology.

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Grundlagenforschung kann in China auch militärischen Zwecken dienen

Wer kann kontrollieren, ob die Forschungsergebnisse deutscher und chinesischer Naturwissenschaftler am Ende zivilen oder militärischen Zwecken dienen? Niemand. Es ist wahrscheinlich, dass die Grundlagenforschung deutscher und chinesischer Wissenschaftler zur Entwicklung von Supercomputern, autonomen Fahrzeugen, Robotern und künstlicher Intelligenz in China am Ende auch militärischen Zwecken dient.

Denn China macht sich die Prinzipien zunutze, die an europäischen Universitäten gelten – die Prinzipien der Freiheit und der Universalität. Es ist kein Ruhmesblatt, hochqualifizierte, idealistische und international engagierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Blauäugigkeit zu bezichtigen. Aber vielen dürfte die politische Dimension ihrer Kooperationen mit China nicht bewusst sein. Andere werden die Zusammenarbeit mit China aus finanziellen oder personellen Gründen vordergründig begrüßen. Wieder andere dürften das Risiko schlicht verdrängen, dass ihre Zusammenarbeit mit chinesischen Kolleginnen und Kollegen am Ende der Aufrüstung einer Großmacht dient.

Ist der Vertrauensvorschuss für China noch gerechtfertigt?

Gefordert sind Universitäten und wissenschaftsfördernde Institutionen, ihre Kooperationen mit China zu überdenken – und sie möglicherweise zu beenden.

Gefordert sind auch die für den Wissenschaftsbetrieb zuständigen Länder und die für die Außenbeziehungen Deutschlands verantwortliche Bundesregierung. Im Umgang mit dem autokratischen Russland hat Deutschland gerade eine bittere Lektion gelernt: Die regen Handelsbeziehungen zu Russland konnten den brutalen Ukrainekrieg nicht verhindern. Jetzt stellt sich umso dringlicher und ganz neu die Frage, ob der Vertrauensvorschuss, den China in der Wissenschaftszusammenarbeit genießt, noch gerechtfertigt ist.
Korrespondent Sebastian Engelbrecht

Sebastian Engelbrecht

Korrespondent Landesstudio Berlin
Sebastian Engelbrecht, geboren 1968 in Berlin, besuchte die Deutsche Journalistenschule in München und studierte Evangelische Theologie in Heidelberg, Berlin und Jerusalem. Promotion an der Universität Leipzig. Er war von 2008 bis 2012 ARD-Hörfunk-Korrespondent in Tel Aviv und anschließend Referent des Intendanten von Deutschlandradio. 2017-2018 unterwegs im In- und Ausland als Dlf-Reporter. Seit 2019 ist Sebastian Engelbrecht Korrespondent im Landesstudio Berlin von Deutschlandradio in Berlin-Mitte.