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StartseiteForschung aktuell"Befinden uns in ganz tiefer Korallenriffkrise"21.07.2021

Wissenschaftler über Korallensterben"Befinden uns in ganz tiefer Korallenriffkrise"

"Korallenriffe sind Frühwarnsysteme für den globalen Klimawandel", sagte Christian Wild von der Universität Bremen im Dlf, "und sie warnen uns laut." Nur noch ein Drittel der globalen Korallenriffe seien in gutem Zustand. Das kommende Jahrzehnt sei die letzte Chance, um einen Kollaps zu verhindern.

Christian Wild im Gespräch mit Monika Seynsche

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Eine Riesenmuräne (Gymnothorax javanicus) schaut mit Drohgebärde aus einem Korallenblock im Korallenriff (picture alliance / imageBROKER | Norbert Probst)
So sah es am Great Barrier Reef in Australien vor zehn Jahren aus. Wenn die Korallen sterben, kollabiert das gesamte Ökosystem (picture alliance / imageBROKER | Norbert Probst)
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Korallenriffe zählen zu den artenreichsten Lebensräumen der Welt. Sie versorgen Tiere und Menschen mit Nahrung, fungieren als Wellenbrecher vor der Küste und als Touristenmagnet für Taucher. Doch durch den Klimwandel sterben die Korallen mehr und mehr ab, sie leiden massiv unter der Korallenbleiche. Wissenschaftler fordern daher dringend Maßnahmen zur Rettung der Korallen.

Bei der 14. Internationalen Korallenriff-Symposium (ICRS) mit rund 1.200 Experten erklärten die Forscher in einem Strategiepapier, dass die Bekämpfung des Klimawandels, die Verbesserung der lokalen Bedingungen und die aktive Wiederaufforstung von Korallenriffen dringend erforderlich sind. Christian Wild ist Professor für Marine Ökologie an der Universität Bremen, Vorsitzender der ICRS-Konferenz und Mitautor des Strategiepapiers. Er appelliert: "Korallenriffe sind wahrscheinlich die wertvollsten Ökosysteme unseres Planeten" - und nennt drei entscheidende Forderungen. 


Das Interview im Wortlaut:

Monika Seynsche: Wie ist der aktuelle Zustand der Korallenriffe in den Weltmeeren?

Christian Wild: Wir befinden uns in einer ganz, ganz tiefen Korallenriffkrise. Der Zustand unserer globalen Korallenriffe ist sehr schlecht. Wir können sagen, dass es fast keine ungestörten Riffe mehr gibt, und 30 Prozent, also ungefähr ein Drittel unserer globalen Korallenriffe ist inzwischen in einem Zustand, wo fraglich ist, ob es überhaupt noch mal zu einer Regeneration kommen kann. Weitere 40 Prozent sind stark gefährdet, und nur das ungefähr letzte verbleibende Drittel ist noch in einem vergleichsweise guten Zustand – also wirklich eine ganz schlimme Situation.

Seynsche: Was sind denn die größten Gefahren für die Korallen?

Wild: Das ist eben genau das Problem, dass Korallenriffe simultan von einer ganzen Reihe von Faktoren betroffen sind. Da wären globale Faktoren zu nennen, aber auch mehr lokale oder regionale Faktoren. Die globalen Faktoren überstrahlen sicherlich alles. Das ist der Klimawandel mit seinen beiden Hauptkonsequenzen im Weltozean, das ist die Meereserwärmung und die Meeresansäuerung.

Fischer in einem Boot in der Straße von Hormus, in Musandam, Oman. (imago / P. Royer) (imago / P. Royer)Wetterkatastrophen und Korallensterben als Folgen
Die Weltmeere waren einer aktuellen Analyse zufolge 2019 so warm wie nie zuvor seit Beginn der globalen Erfassung. Die Erwärmung der Ozeane  beschleunige sich zudem. Die Folgen für das Leben im Meer und auch an Land sind gravierend.

Das ist insbesondere kritisch für die Steinkorallen, die diese Riffe bauen, denn diese Steinkorallen leben in einem ganz eng umgrenzten Temperaturwohlfühlbereich von ungefähr 21 bis 28 Grad Celsius. Sobald die Temperatur nur ein oder zwei Grad über diesen Wohlfühlbereich hinausgeht, kommt es zur berüchtigten Korallenbleiche, und dann sind die Korallen ganz schwach und sterben leider auch oft ab. Dazu kommt, dass diese Steinkorallen Kalk fällen, und die Ansäuerung der Weltmeere, die man jetzt schon messen kann, die führt natürlich dazu, dass diese Kalkbildungsraten reduziert werden.

Wenn das so weitergeht, erwarten Modellierer sogar, dass es zu einer Auflösung der Kalkskelette der Korallen kommen kann. Und damit nicht genug: Es gibt noch diese lokalen, regionalen Stressfaktoren wie Überfischung, Überdüngung, die sich auch und simultan negativ auswirken auf Steinkorallen und das Funktionieren der Riffe.

Wertvollste Ökosysteme des Planeten

Seynsche: Welche Folgen hätte das denn für den Rest der Umwelt, wenn jetzt wirklich alle oder zumindest der große Teil der Korallenriffe verschwinden würde?

Wild: Wenn unsere Korallenriffe verschwinden oder nicht mehr so sind, wie wir sie kennen – also dominiert von Steinkorallen, diese hohe Dreidimensionalität, die ganz typisch ist –, dann verlieren wir sehr viel. Korallenriffe sind wahrscheinlich die wertvollsten Ökosysteme unseres Planeten, denn sie haben eine ganze Reihe von wichtigen sogenannten Ökosystem-Serviceleistungen. Da wäre zu nennen der Küstenschutz durch die Kalkstrukturen, die oft küstenparallel aufgebaut worden sind durch die Steinkorallen, und die nehmen 90 bis 95 Prozent der Wellenenergie weg.

Korallenriffe sind Zentren der Produktivität, also ganz viel Nahrung. Fische und Meeresfrüchte werden aus Korallenriffen gewonnen, insbesondere wichtig für die Proteinversorgung, und das betrifft nicht nur die Menschen, die direkt an Korallenriffen leben. Und wahrscheinlich das Wichtigste, was Korallenriffe auszeichnet, ist diese extreme Artenvielfalt. Früher in den Lehrbüchern stand immer, dass Korallenriffe die Regenwälder der Weltmeere sind, das ist überholt. Man kann sagen, dass Korallenriffe sogar mehr unterschiedliche Tiere und Pflanzen beherbergen als die tropischen Regenwälder. Man schätzt ungefähr 1,2 bis 1,4 Millionen unterschiedliche Arten, die in Korallenriffen leben.

Eine Unterwasseraufnahme vom Great Barrier Reef in Australien. Zu sehen sind abgestorbene, graue Korallenbänke. (AAP/ARC CENTRE OF EXCELLENCE) (AAP/ARC CENTRE OF EXCELLENCE)Renaturierung - Lautsprecher locken Fische an Korallenriffe
Fische folgen Geräuschen, die akustisch einen vorteilhaften Lebensraum versprechen. Mit dieser Erkenntnis haben Forscher Unterwasserlautsprecher an abgestorbenen Korallenriffen installiert. Die Artenvielfalt ist dort um die Hälfte angestiegen.

Und das hat nicht nur einen ökologischen oder ästhetischen Wert, zum Beispiel für den Tourismus, Tauchindustrie, sondern eben auch einen enormen Wert, denn mit dieser hohen Vielfalt an Organismen geht auch oft eine hohe Vielfalt an Molekülen, an aktiven Substanzen her. Diese aktiven Substanzen können verwendet werden für die verschiedenen Industriezweige, insbesondere für die pharmazeutische Industrie. Es gibt eine ganze Reihe von neuen Medikamenten, die tatsächlich entwickelt worden sind auf Basis der aktiven Moleküle, die man in Korallenrifforganismen gefunden hat.

Klimawandel, keine Überfischung und Überdüngung, Wiederaufbau

Seynsche: Sie sind Mitautor eines Strategiepapiers, was gestern im Rahmen dieser Konferenz veröffentlicht worden ist. Was sind die zentralen Forderungen dieses Strategiepapiers?

Wild: Wir machen drei ganz zentrale Forderungen. Forderung Nummer eins: den Klimawandel effektiv und so schnell wie möglich zu adressieren, also die Emissionen von Treibhausgasen möglichst radikal zu reduzieren. Die zweite Forderung bezieht sich darauf, dass wir unsere Riffe stärker machen müssen, auch um Zeit zu gewinnen, bis wir dieses Klimawandelproblem gelöst haben – das wird dauern.

Was heißt Riffe stärker machen? Sie zu befreien von diesen mehr regionalen, mehr lokalen Faktoren wie Überfischung, Überdüngung. Das ist etwas, was relativ einfach machbar ist, zum Beispiel durch Kläranlagentechnik oder eine sinnvolle Küstennutzung. Und die dritte Forderung, die wir stellen, das bezieht sich auf den Wiederaufbau der Riffe. Da gibt es einige ganz vielversprechende neue Ansätze, die auch jetzt während unserer Weltkorallenriffkonferenz, die die Universität Bremen organisiert, vorgestellt werden.

Eine Frau taucht im Roten Meer (imago stock&people / Westend61)Korallenriffe sind bei Tauchern besonders beliebt (imago stock&people / Westend61)

Seynsche: Was sind das für Ansätze?

Wild: Zum Beispiel die assistierte Evolution. Das ist ein Konzept, das fußt auf dem Wissen, das wir haben. Steinkorallen, die die Riffe bilden, sind Erfolgsmodelle in der Erdgeschichte, die gibt es seit 250 Millionen Jahren mit einem nahezu unveränderten Bauplan. Die haben schon vieles durchgemacht, die haben überlebt, die gibt es immer noch, sozusagen als lebende Fossilien. Das Problem ist, dass die Umweltveränderungen im Moment so schnell passieren, und deswegen kann die Evolution, also die Anpassung der Steinkorallen an diese sehr schnellen Umweltveränderungen nicht mithalten.

Und dann versucht man eben, diese Evolution zu assistieren, indem man besondere Korallen identifiziert, die Gene aufweisen, die zum Beispiel verantwortlich sind für eine Hitzetoleranz oder eine Toleranz gegenüber der Meeresansäuerung. Diese besonderen Korallen, diese sogenannten Superkorallen, die versucht man dann in der Zucht, in der Korallenzucht, zu verwenden und dann auch in der Restauration, also im Wiederaufbau der Riffe zu nutzen.

Seynsche: Wie viel Zeit bleibt denn noch, um die Korallen zu retten?

Wild: Es gibt Prognosen, die sagen, wir haben nur noch ein bis zwei Jahrzehnte Zeit, dann kommt es unwiderbringlich zu einem Niedergang fast aller globalen Korallenriffe. Deswegen ist es wirklich ein ganz dringendes Thema, und wir müssen reagieren, so schnell wie möglich. Korallenriffe sind Frühwarnsysteme für den globalen Klimawandel, und sie warnen uns laut, sie warnen uns extrem laut.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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