Seit 04:05 Uhr Radionacht Information

Dienstag, 16.10.2018
 
Seit 04:05 Uhr Radionacht Information
StartseiteCampus & KarriereZu wenige feste Stellen08.08.2018

Wissenschaftlicher NachwuchsZu wenige feste Stellen

Bund und Länder wollen die prekäre Lage junger Forscherinnen und Forscher verbessern. Beim laufenden Programm für neue Professuren gibt es aber einige Probleme. Nicht alle neu eingerichteten Stellen münden nämlich tatsächlich in einer Festanstellung.

Von Daniela Remus

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Studenten der Wirtschaftswissenschaften sitzen im Großen Hörsaal vom Auditorium maximum der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) in Halle (Sachsen-Anhalt) bei einer Vorlesung (picture alliance / Waltraud Grubitzsch/dpa-Zentralbild/ZB)
Bis man als Professor in einem deutschen Hörsaal stehen kann, ist es ein langer und oft unsicherer Weg (picture alliance / Waltraud Grubitzsch/dpa-Zentralbild/ZB)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Weg zur Professur "Das deutsche System kommt mir oft vor wie eine Art Überlebenskampf"

Leben nach der Promotion Wissenschaftliche Karriere soll attraktiver werden

Förderprogramm für Spitzenforschung Bund und Länder verabschieden Exzellenzstrategie

1.000 Tenure Track-Professuren Attraktive Karrierewege

Simone Raatz (SPD): "Das Wichtigste ist, die Grundfinanzierung an Hochschulen zu verbessern"

Nur jeder 25. Doktorand und jeder fünfte Habilitierte bekommt eine Dauerstelle in der Wissenschaft. Das soll das sogenannte Tenure-Track-Pro­­­gramm ver­bessern: Junge Wissen­schaftlerinnen und Wissenschaftler erhalten damit eine Professur, die nach sechs bis zwölf Jahren von der Uni­­versität in eine unbe­fris­tete Be­schäf­tigung um­ge­wandelt werden kann. Michael Meister, parlamentarischer Staats­­sekretär im Bundesforschungsministerium:

"Es gibt im Rahmen dieses Programms die Zusage der Länder, 1.000 zu­sätz­liche Stellen zu errichten, mindestens. Zweitens: Wir machen zur Voraussetzung, wenn man an dem Pro­­gramm Tenure Track teilnehmen will, dass es dann an der Universität eine Personalentwicklungsplanung gibt. Auch das wird auf Zeit gesehen aus meiner Sicht die Situation der Lehrer an den Hochschulen ver­bes­sern, und damit auch die Situation der Studenten."

Oft nur eine Zwischenlösung

Aber die zusätzlichen Stellen wird es nicht dauer­haft geben, kritisiert Dieter Lenzen, der Prä­sident der Hamburger Uni­ver­sität.

"Die Idee des Bundes war ursprünglich die, dass aus den 1.000 Pro­fessuren dann auch 1.000 zusätzliche Professuren erwachsen, die dann aber von den Bundesländern bezahlt werden müssen. Das haben die Bun­des­länder nicht vor. Sie schaffen keine zusätzlichen Stellen. Sondern die Stel­len, in denen die jungen Leute dann übernommen werden, sind freigewordene normale, planmäßige Stellen, die sowieso schon da sind. Es gibt also keinen Zuwachs an planmäßigen Pro­fessuren."

Das Ganze ist also eine Art Anschub- oder Zwischenfinanzierung. Die Stellen sind sicher, solange der Bund zahlt, das heißt bis maximal 2032. Das sei zu wenig, sagt der Deutsche Hoch­schul­verband und fordert min­des­tens 7.500 Stellen zusätzlich und dauerhaft. Und auch für die Nachwuchswissenschaftler wird sich durch die zeitliche Be­fristung kaum etwas ver­ändern, kritisiert Mathias Kuhnt von der TU in Dresden, der sich im Netzwerk für gute wissenschaftliche Arbeit engagiert:

"Wir haben eine Situation, in der zehn Prozent eine Festanstellung haben und 90 Prozent des wissen­schaftlichen Personals an der Uni sind halt Nachwuchswissenschaftler. Und klar, Vergleiche hinken immer, aber das Unternehmen möchte ich sehen, wo 90 Prozent der Angestellten Auszubildende sind."

Zum Vergleich: In der freien Wirtschaft sind sieben Prozent der Stellen zeitlich befristet. Bisher ist knapp die Hälfte der 1.000 Tenure-Track-Pro­fes­suren ver­ge­ben worden. Die derart Ausgezeichneten müssen jetzt zeigen, dass sie es verdienen, danach dauerhaft in der Wissenschaft unterzu­kom­men.

"Man ist der Windhund, der hinter dem Fleisch herrennt"

"Man hat potentiell die Chance, entfristet zu werden. Aber das ist keine verbindliche Zusage. Die Verträge sind auf eine bestimmte Jahreszahl geschlossen, und da steht dann drin, das wird in Aussicht gestellt, dass ein Tenure-Track-Verfahren gestartet wird. Und dadurch, dass das so ein bisschen wie ein Windhund-Modell ist - man ist der Windhund, der hinter dem Fleisch herrennt - erzeugt das einen wahnsinnigen Druck, dass man alles erfüllen muss."

Die 41-Jährige, die eine der Tenure-Track-Professuren ergattert hat, möch­te anonym bleiben. So wie alle anderen auch, die für diesen Beitrag an­ge­fragt wurden. Der Druck, zu den Besten zu gehören, sei riesengroß, so der Tenor. Denn als Tenure-Track-Professoren müssten sie all das leisten, was die fest­angestellten Wissenschaftler auch machten. Obendrauf komme noch das Schreiben einer vertraglich fest­gelegten Anzahl von Auf­sätzen und einer Habilitationsschrift. Aber gleichberechtigt seien sie trotzdem nicht, erklärt Mathias Kuhnt.

"Es gibt eine dreifache Abhängigkeit. Das eine ist: Diese Person betreut die Qualifikationsarbeit. Das andere ist, sie bewertet die Qualifikationsarbeit. Und das dritte Problem ist, dass sie auch noch Entscheidung darüber trifft, ob die Stelle verlängert wird an der Hochschule oder nicht."

Das Tenure-Track-Programm bietet zwar immerhin 1.000 Nach­wuchs­wissen­schaft­lern die Chance, sich für eine Dauerstelle zu qua­li­fizieren. Aber an der prekären Situation vieler junger Forscherinnen und Forscher dürfte sich dadurch insgesamt nur wenig ändern.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk