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StartseiteCampus & KarriereZweifel an Gemeinwohlorientierung der Forschung27.09.2018

Wissenschaftsbarometer 2018Zweifel an Gemeinwohlorientierung der Forschung

Das Vertrauen der Deutschen in die Wissenschaft sei relativ stabil, sagte Ricarda Ziegler, Projektleiterin des Wissenschaftsbarometers 2018, im Dlf. Allerdings zeige die aktuelle Umfrage auch: Fast 70 Prozent der Befragten befänden, der Einfluss der Wirtschaft auf die Forschung sei zu groß.

Ricarda Ziegler im Gespräch mit Markus Dichmann

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Blaupause für einen roboterhaften vitruvianischen Mann (imago / Ikon Images)
Medizin, neue Technologien, künstliche Intelligenz - in vielen Bereichen ist Forschung sehr industrienah (imago / Ikon Images)
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Markus Dichmann: Das freie Denken, das kritische Denken, das rationale Denken - wo, wenn nicht an Universitäten und Hochschulen findet das statt? Das war lange ein bestimmendes Mantra unserer Gesellschaft. Schaut man sich allerdings einige öffentliche Debatten der letzten Jahre an, kann sich schon auch der Eindruck aufdrängen, dieses Mantra habe zumindest für einen gewissen Teil unserer Gesellschaft an Gültigkeit verloren. Es gibt eine Skepsis gegenüber den Naturwissenschaften zum Beispiel - beim Thema Klimawandel -, es gibt eine Skepsis gegenüber der Medizin - nehmen wir das Impfen als Beispiel -, und nach den fragwürdigen Experimenten an Menschen, finanziert durch die Autoindustrie, gibt es auch Zweifel an der Unabhängigkeit von Wissenschaft. Skepsis, Zweifel, Vertrauen und insgesamt die Einstellung der Deutschen zu Hochschulen und Forschung erhebt regelmäßig das Wissenschaftsbarometer, und ich kann jetzt Ricarda Ziegler bei uns in "Campus und Karriere" in der Sendung begrüßen. Sie ist Projektleiterin des Wissenschaftsbarometers. Grüße Sie!

Ricarda Ziegler: Guten Tag!

Dichmann: Zunächst muss man mal festhalten, dass nach Ihrer Erhebung das Vertrauen der Deutschen in die Wissenschaft ja stabil geblieben ist.

Ziegler: Genau, wir haben auch in diesem Jahr wieder unsere Befragten im Wissenschaftsbarometer nach ihrem Vertrauen in Wissenschaft und Forschung gefragt, und da geben 54 Prozent der Befragten an, dass sie eher oder voll und ganz in Wissenschaft und Forschung vertrauen, 39 Prozent zeigen sich unentschieden, und sieben Prozent geben an, eher nicht oder nicht zu vertrauen, und diese Zahlen sind eben stabil und vergleichbar zum Vorjahr, wo auch ungefähr, sage ich, die Hälfte angegeben hat, Wissenschaft und Forschung zu vertrauen, aber eben auch ein nicht unbeträchtlicher Anteil von in diesem Jahr 39 Prozent angibt, eher unentschieden zu sein bei dieser Frage.

Gemeinwohl und Wissenschaft - da beginnt der Zweifel

Dichmann: Dann schlagen die Zahlen ja auch noch mal aus bei den Themen, die ich gerade auch mal skizziert habe, zum Beispiel beim Thema Klimawandel oder auch beim Thema Impfen. Da gibt es ein größeres Misstrauen.

Ziegler: Größer nicht unbedingt. Wir haben auch in diesem Jahr sozusagen gefragt, ob der Klimawandel hauptsächlich durch Menschen und ihr Handeln verursacht wird, und dort stimmen ungefähr sechs Prozent nicht zu. Beim Thema Impfen haben wir gefragt, dass Kinder zu impfen mehr schadet, als dass es nützt, und dort stimmen 13 Prozent zu, und beim Thema Evolutionstheorie, dass Menschen und Tiere gemeinsame Vorfahren haben, aus denen sie sich entwickelt haben, sind es ungefähr sieben Prozent, die hier nicht zustimmen. Die Zahlen sind also sozusagen ungefähr alle Plusminus zehn Prozent, und es ist hier auch ganz spannend zu sehen, dass es eben nicht immer die gleichen Personen sind, die bei den verschiedenen Personen skeptisch sind, sondern dass es eben sehr themenspezifische Einstellungen sind an dieser Stelle.

Dichmann: Jetzt wird ja in Deutschland häufig auch von einer sich breitmachenden Wissenschaftsskepsis gesprochen, auch von einer Expertenfeindlichkeit. Lässt man sich diesen Eindruck aber vielleicht von einigen wenigen, dafür sehr lauten Stimmen aufdrücken, denn in Ihren Zahlen lässt sich das ja eigentlich nicht wiederfinden.

Ziegler: Das ist richtig. So einen generellen Vertrauensverlust können wir auf Basis des Wissenschaftsbarometers nicht feststellen, aber wir sehen, wenn man ein bisschen in verschiedene Fragen reinschaut, dass es dann vor allem die Motive sind in der Wissenschaft und die Absichten von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, auch die Frage, ob Wissenschaftler gemeinwohlorientiert handeln. An den Stellen fangen die Leute an zu zweifeln.

Einfluss der Wirtschaft auf Wissenschaft

Dichmann: Genau, Ihre Zahlen zeigen, dass da nur noch weniger als die Hälfte der Deutschen tatsächlich denkt, dass sich die Wissenschaft am Gemeinwohl orientiere. Woran orientiert sie sich denn dann?

Ziegler: Genau, das ist richtig, das ist weniger als die Hälfte. Der Größenanteil von 46 Prozent ist hier tatsächlich unentschieden, aber es stimmen auch nur 12 Prozent eher nicht oder nicht zu, und andere Ergebnisse liefern dann erste Hinweise, worin diese Wahrnehmung begründet sein könnte. Beispielsweise stimmen dieses Jahr 69 Prozent zu, dass der Einfluss der Wirtschaft auf die Wissenschaft zu groß ist. Im letzten Jahr hatten wir auch den Einfluss der Politik auf die Wissenschaft erfasst, und damals fanden diesen 57 Prozent eher zu groß oder viel zu groß.

Dichmann: Also dass die Wissenschaft in Teilen also von privaten Geldgebern abhängig ist, macht die Befragten misstrauisch. Spüren wir da vielleicht so was wie die Konsequenzen aus den VW- und den Dieselskandalen der letzten Jahre?

Ziegler: Also einen direkten kausalen Zusammenhang können wir jetzt hier natürlich nicht herstellen, aber es ist richtig, dass die Bevölkerung nicht so sehr an der Expertise oder der Integrität von Wissenschaftlern zweifelt, also daran, dass sie viel Wissen auf ihrem Fachgebiet haben oder dass sie sich an wissenschaftliche Standards halten, sondern eher an den Absichten und Motiven von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, und gleichzeitig wissen wir auch aus vorigen Befragungen, dass in der Wahrnehmung der Befragten vor allem Themen aus den Bereichen Gesundheit, Medizin, aber auch Technik, neue Technologien das Bild von Wissenschaft und Forschung prägen, und das sind eher Bereiche, in denen Forschung oft auch in der Industrie oder industrienah stattfindet.

Dichmann: Ricarda Ziegler, Projektleiterin beim Wissenschaftsbarometer in "Campus und Karriere", vielen Dank für das Gespräch!

Ziegler: Vielen Dank auch von meiner Seite!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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