Dienstag, 25.06.2019
 
Seit 14:30 Uhr Nachrichten
StartseiteInterviewWissenschaftsphilosoph: Industrie torpediert Klimaschutz02.01.2008

Wissenschaftsphilosoph: Industrie torpediert Klimaschutz

Leibniz-Preisträger Carrier hofft auf durchsetzungsstarke Politik

Martin Carrier, Wissenschaftsphilosoph von der Universität Bielefeld, beklagt den Einfluss der Industrie auf die deutsche Klimaschutzpolitik. Wenn es konkret werde "und wenn auf einmal das deutsche Auto betroffen ist und die Automobilindustrie betroffen ist, dann lösen sich die schönen Worte nach und nach doch in Luft auf, und es wird Industriepolitik betrieben, nicht Klimapolitik", sagte Carrier, Träger des Leibniz-Preises 2008.

Moderation: Christian Schütte

Der Doppel-Auspuff eines Audi A4 bei einer Vorpräsentation auf der Internationalen Automobil-Ausstellung  (IAA) in Frankfurt. (AP)
Der Doppel-Auspuff eines Audi A4 bei einer Vorpräsentation auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt. (AP)

Christian Schütte: Wissenschaftler warnen seit Jahren vor dem Klimawandel. Doch erst 2007 sei das Thema auf der politischen Agenda angekommen. Dieses Bild haben wir im Kopf, doch so ganz scheint es nicht zu stimmen. Denn dass sich Forscher überhaupt zusammengetan und ein weltweites Klimaszenario entworfen haben, dies sei Politikern zu verdanken, sagt der Philosoph Martin Carrier von der Uni Bielefeld. Er hat das Wechselspiel zwischen Wissenschaftlern und Politikern unter die Lupe genommen. Unter anderem dafür hat er jetzt den Leibniz-Preis 2008 bekommen, einen renommierten Wissenschaftspreis. Guten Morgen, Herr Carrier!

Martin Carrier: Guten Morgen!

Schütte: Blicken wir zunächst auf das Jahr 2007 noch einmal zurück. Das Jahr der Wende in der Klimapolitik, sagen viele. Herr Carrier, was war Ihrer Einschätzung nach dafür entscheidend?

Carrier: Wir haben ein enges Verhältnis zwischen Politik und Wissenschaft gerade in Fragen des Klimawandels feststellen können. Es ist ja so, dass die Wissenschaft durchaus Einfluss genommen hat auf die jüngeren, doch recht dramatischen Entscheidungen, die in der Politik gefallen sind, etwa in Heiligendamm im Sommer und auch jetzt in Bali, auch wenn wir auf die Umsetzung noch ein wenig warten müssen.

Schütte: Der Klimawandel wird kommen, und er ist zum Großteil durch Menschen verursacht. So hat es der Weltklimarat im vergangenen Jahr dargelegt, ein wissenschaftlicher Bericht. Dennoch sagen Sie, dass an der Entstehung im Grunde genommen auch die Politik beteiligt gewesen sei. Inwiefern?

Carrier: Wir haben hier ein Beispiel für einen positiven Einfluss der Politik auf die Wissenschaft, eben dass das Einwirken der Politik im Weltklimarat, im IPCC, wo die Politik die Wissenschaftler gedrängt hat, die verschiedenen Spezialmodelle zu Ozeanatmosphäre und so weiter zu einem aussagekräftigen Gesamtbild zu verbinden. Die Wissenschaftler selbst hatten ja hier mit Zurückhaltung ihre eigenen Spezialitäten gepflegt und den Blick über den Gartenzaun gerade nicht gewagt. Und der Grund ist klar: Der Eindruck herrschte, dass man nicht hinreichend verlässlich die verschiedenen Teilansätze miteinander verknüpfen könnte. Andererseits ist ja die Politik auf eine Gesamtsaussage angewiesen, da man sonst keine Maßnahmen einleiten oder begründen kann.

Schütte: Das heißt, die Ergebnisse und Empfehlungen sind politisch beeinflusst?

Carrier: Ja, in dem Sinne, wie gesagt, dass sich sozusagen der Druck der Politik als heilsam erwiesen hat insofern, als eine Frage von praktischer Relevanz von außen gestellt worden ist, die die Wissenschaft dann nach Kräften zu lösen versucht hat und in diesem Fall auch erfolgreich zu lösen versucht hat. Und das ist eben eine Frage, die sich so aus der disziplinären Entwicklung der Wissenschaft von selbst nicht gestellt hätte.

Schütte: Wie groß ist denn die Gefahr, dass wissenschaftliche Standards vernachlässigt würden durch den Druck der Politik?

Carrier: Natürlich besteht im Einzelfall auch jetzt immer noch wieder die Gefahr der Überforderung, wenn Fragen gestellt werden, die gewissermaßen von außen kommen, aus der Praxis kommen und sich nicht in der Wissenschaft selbst so ergeben hätten. Aber wir haben eben ganz häufig auch die Fälle, dass hier ein Anstoß, ein Anreiz ausreicht, damit die Wissenschaft dann doch belastbare Resultate erreicht.

Schütte: Wie groß ist dort die Lücke zwischen Wahrscheinlichkeit und Wissen?

Carrier: Das Ideal des sicheren Wissens, das Ideal der Gewissheit hat sich sowieso als nicht tragfähig erwiesen. Das ist eine Sache der Vergangenheit, dass man in der Wissenschaft gewisses Wissen erreicht. Und wir haben damit zu lernen gelebt, dass hier nur unterschiedliche Wahrscheinlichkeiten angegeben werden können. Aber das eben doch, und das ist auch ganz wichtig, dass die Absage an das Ideal der Gewissheit nicht einen Relativismus mit sich bringt, dass jetzt alles gleich gültig wäre.

Schütte: Die meisten Wissenschaftler scheinen dem Weltklimareport zuzustimmen. Trotzdem gibt es auch kritische Stimmen. Woher kommt es denn, dass manche Forscher von einer verlogenen Diskussion sprechen?

Carrier: Es ist klar, dass sich in der Wissenschaft generell kontroverse Einstellungen finden, dass sich ein Schulenstreit in viel stärkerem Maße findet, als man das früher so geglaubt hat. Und ich denke, das ist eigentlich richtig so. Das macht Wissenschaft lebendig. Aus dem Streit und dem Gegensatz der Meinungen erwächst oft viel schneller das Richtige, als wenn man sich dogmatisch an bestimmten Positionen festklammert. Tatsächlich ist es aber so, dass wir bei der Frage, was zu tun ist, gar nicht in die innerlichen Einzelheiten der Klimadebatte gehen müssen. Sondern in diesem Fall reicht es ja hin, wenn man sich die Asymmetrie der praktischen Folgen vor Augen führt.

Schütte: Die Ungleichheit?

Carrier: In der Tat. Wenn wir uns irren hinsichtlich des Ausmaßes des menschengemachten Klimawandels, dann haben wir einige Investitionen in den Klimaschutz vergeblich getätigt. Und das ist der ganze Schaden, der entsteht. Wenn wir uns aber in der anderen Richtung irren, wenn wir fälschlich glauben, es sei alles nicht so schlimm oder es werde schon gut gehen, dann machen wir ja die Erde zu einem höchst unwirklichen Ort für viele Menschen und langfristig vielleicht unbewohnbar. Es gibt hier ein klares Handlungssignal, was völlig unabhängig von den Details dieser Diskussion ist.

Schütte: Schauen wir auf das Ergebnis von Bali. Im Abschlussdokument taucht die Empfehlung des Weltklimaberichts gewissermaßen nur im Kleingedruckten auf. Wie groß ist die Enttäuschung darüber in den Wissenschaftskreisen?

Carrier: Letztlich kann die Wissenschaft nur Szenarien entwickeln. Sie kann warnen. Für die Handlungen ist man schon auf die Politik angewiesen, obwohl wir ja im Kleinen auch jeder etwas beitragen können, um zum Klimaschutz beizutragen. Aber es ist völlig klar: Wenn sich 200 Staaten zusammenraufen müssen zu Maßnahmen, die im Einzelnen durchaus weh tun und von denen einige sehr viel stärker profitieren als andere, dann ist von Vornherein klar, dass das ein sehr, sehr schwieriger Prozess ist. Und vielleicht war es von Anfang an vermessen zu erwarten, dass sich dabei jetzt schon eine tragfähige Lösung ergibt. Wir können nur hoffen, dass sich in den nächsten zwei bis drei Jahren hier ein robuster Konsens herausbildet, der uns langfristig das Überleben auf unserem Planeten sichert.

Die Politik ist ja im Einzelfall durchaus lernfähig. Wir sehen das ja im ganzen Umweltbereich. Auf der anderen Seite ist es eben so, dass dieser Lerneffekt nicht immer weit genug geht. Zum Beispiel hat sich ja die deutsche Regierung im Sommer sehr weit aus dem Fenster gelehnt und sich als Vorbild der Klimapolitik präsentiert und auch jetzt wieder auf Bali eben. Aber wenn es dann konkret wird und wenn auf einmal das deutsche Auto betroffen ist und die Automobilindustrie betroffen ist, dann lösen sich die schönen Worte nach und nach doch in Luft auf, und es wird Industriepolitik betrieben, nicht Klimapolitik. Also hier kann sicherlich noch mehr getan werden.

Schütte: Das heißt: Hat die Industrie die besseren Argumente im Vergleich zu den Wissenschaftlern?

Carrier: Die besseren Argumente nicht, aber im Einzelfall dann vielleicht doch den größeren Einfluss.

Schütte: Welche Klimaschutzentwicklungen erwarten Sie sich konkret für 2008?

Carrier: Ja, welche Klimaschutzentwicklungen erhoffe ich mir für 2008? Einen zügigen Fortgang der in Bali versprochenen Verhandlungen und eine zügige Umsetzung der Vereinbarung von Heiligendamm. Es sind ja im Grundsatz Festlegungen getroffen worden. Es kommt darauf an, hier Taten folgen zu lassen.

Schütte: Martin Carrier, Wissenschaftsphilosoph von der Uni Bielefeld. Ich danke für das Gespräch.

Carrier: Bittesehr.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk