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StartseiteCampus & KarriereInternationale Fachkräfte halten und fördern06.05.2014

WissenschaftszukunftInternationale Fachkräfte halten und fördern

Ausländische Studenten in Deutschland bleiben nach dem Studium oft nicht hier. Dabei fehlen hierzulande rund 50.000 Fachkräfte. Ein Trend, dem man vor allem durch Stipendien entgegenwirken könnte, meint Ellen Walther-Klaus, Koordinatorin des MINT-Forum.

Ellen Walther-Klaus im Gespräch mit Manfred Götzke

Studenten sitzen in einem Hörsaal der Universität Koblenz-Landau (picture alliance / dpa / Thomas Frey)
Walther-Klaus: Mehr Technik-Offenheit in Deutschland, um an der Spitze zu bleiben. (picture alliance / dpa / Thomas Frey)
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MINT-Fächer kreativer vermitteln (Deutschlandfunk, Campus und Karriere, 02.04.2014)

Manfred Götzke: Wer sein Abi schon in der Tasche hat und karrieremäßig auf Nummer sicher gehen will, für den gibt es nur einen Weg: MINT – also Mathematik, Informatik oder Ingenieurwesen studieren. Denn die Wirtschaft beklagt, dass in diesem Bereich 50.000 Fachkräfte fehlen, Tendenz steigend. Nun empfiehlt das MINT-Forum, ein Zusammenschluss aus Wissenschaft und Wirtschaft: im Ausland nach Talenten fischen. Hochschulen und Arbeitgeber sollten systematisch um ausländische Studenten werben, die dann natürlich auch hierbleiben sollten nach dem Studium.

Koordinatorin des MINT-Forums ist Ellen Walther-Klaus. Frau Walther-Klaus, in der "Süddeutschen" sagten Sie heute, der Wohlstand des ganzen Landes stehe auf dem Spiel. Warum hängt unser Wohlstand an einigen Tausend fehlenden Ingenieuren und Informatikern?

Ellen Walther-Klaus: Er hängt nicht nur an den fehlenden Ingenieuren und Informatikern, vor allen Dingen hängt es aber daran, dass wir in Deutschland eine Technologie-Offenheit brauchen. Um an der Spitze, in der Weltspitze mitwirken zu können, müssen wir natürlich auch die modernen Technologien aus dem Effeff beherrschen. Und dazu brauchen wir natürlich, dass junge Leute sich für die Zukunft interessieren, welche Branchen wir in Zukunft haben werden in Deutschland.

Wir haben heute schon Aussagen von zum Beispiel Chemikern, dass die Nanotechnologie in Deutschland im Moment keine Zukunft hat, also in anderen Ländern. Das heißt, überall da, wo der Fortschritt in den nächsten zwei, drei, vier Jahrzehnten spielen wird, gehen wir nicht mit in die Spitze rein. Und genau das müssen wir in Deutschland tun, und dazu brauchen wir vielleicht auch international Studierende, die uns ein bisschen in dieser Diskussion wieder anschieben.

Götzke: Nun sagen Sie also, wenn ich das mal so zusammenfassen darf, es studieren zu viele Archäologie und Kunstwissenschaften und zu wenig Informatik und Ingenieurwesen?

Walther-Klaus: So würde ich das auch nicht ganz formulieren, ich würde es ein bisschen anders sehen: Jeder von uns lebt heute in einer viel komplexeren technischen Welt als noch vor wenigen Jahren. Archäologen sind für mich MINTler, die müssen ganz viele MINT-Kenntnisse haben, um arbeiten zu können. Eigentlich muss jeder von uns wissen, wo die Glocken hängen, wenn es um technologische Fragen geht, um eben als mündiger Bürger auch mitreden zu können.

Götzke: Nun ist es ja keineswegs unumstritten, dass wir einen so massiven Fachkräftemangel haben. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, das sagt zum Beispiel, die Unternehmen suchen stets die Superfachkraft, die nach der Uni schon alles kann.

Solide Grundausbildung statt Spezialausbildung

Walther-Klaus: Es gilt ja und nein zu diesem Diskurs. Wenn ich beispielsweise mit mittelständischen Unternehmen rede, dann höre ich sehr häufig, es fehlen wirklich Fachkräfte im Ingenieurbereich, wo nicht immer vorausgesetzt wird, dass das schon Leute sind, die voll ausgebildet für ihren Job in der Firma sind, und dass eine solide Grundausbildung in den MINT-Fächern allemal für die zukünftigen Arbeitgeber besser ist als Spezialausbildung, die sie dann überhaupt nicht einsetzen können.

Götzke: Nun fordern Sie ja, stärker im Ausland nach Fachkräften zu fischen – ist das nicht ein bisschen einfach, jetzt Fachkräfte im Ausland anzuwerben, statt erst mal das Potenzial an den Hochschulen selbst zu nutzen. Jeder Zweite bricht ja ein Mathematik- oder Physikstudium ab.

Abwanderung stoppen, Karrierechancen steigern

Walther-Klaus: Genau, das ist auch die Forderung. Es war nicht die Forderung, zu sagen, wir wollen Studenten im Ausland abwerben, sondern die, die da sind, mögen doch vielleicht auch hierbleiben, denn viele von ihnen wandern dann wieder ab, und zwar nicht in ihr Heimatland zurück, sondern in die Länder, wo für die Studierenden eine Willkommenskultur, die sie nachempfinden können, herrscht.

Götzke: Da sind wir jetzt bei zwei Themen, bleiben wir vielleicht mal beim ersten. Sie sagen, die Leute, die Studenten, die aus dem Ausland kommen, bleiben nicht hier. Wer macht denn da was falsch – die Unternehmen oder der Staat?

Walther-Klaus: Wir haben ja von der Politik auch schon einige Änderungen zur Willkommenskultur gehabt. Sie erinnern sich beispielsweise, dass die Gehälter gesenkt wurden, die Jahresgehälter, und dass eine ganze Menge geschehen ist. Das braucht aber auch Zeit, um sich durchzusetzen, also in die Köpfe reinzukommen, was sich alles geändert hat. Ich denke auch, dass die Unternehmen sich auch vorstellen müssten mit dem, was sie auch an Berufschancen, an Karrierechancen für die jungen Leute bieten.

Götzke: Da sind andere Länder momentan attraktiver?

Walther-Klaus: Da sind andere Länder im Moment attraktiver, ja.

Götzke: Kommen wir auf das zweite Thema: Studienabbruch. Warum schaffen es die Hochschulen nicht mehr, Studenten bei der Stange zu halten, entsprechend zu fördern, um diesen massiven Studienabbruch gerade in den MINT-Fächern ein wenig einzudämmen?

Profilaxe gegen Studienabbruch

Walther-Klaus: Auch hier ist es so, dass man auch nicht wieder alles über einen Kamm scheren kann, aber natürlich müssen dort die Universitäten, die besonders hohe Abbruchquoten haben, sich Gedanken darüber machen, wie man das verändern kann und wie man die jungen Leute dazu motivieren kann. Einer der Hauptabbruchargumente ist natürlich auch immer die Frage, dass zwischen dem, was ich im Studium erwartet habe und was dann tatsächlich auf mich zukommt, eine große Diskrepanz ist. Da, denke ich, muss man sehr viel mehr Prophylaxe betreiben.

Götzke: Frau Walther-Klaus, nun fordern Sie eine Art Kampagne unter Ägide des Bundes, die die technischen Studiengänge anpreist, davon gibt es ja weiß Gott jetzt schon Hunderte.

Walther-Klaus: Ich habe gesagt, es wäre sehr schön, wenn man für ausländische Studierende zum Beispiel eine zentrale Anlaufstelle hätte, eine elektronische, digitale Anlaufstelle, bei der sie sich erkundigen könnten: Wo gibt es spezielle Programme, wo möchte ich studieren und so weiter.

Götzke: Nun fordern Sie aktuell, das Ganze zu unterstützen durch eine Art Stipendienkultur für ausländische Studierende. Wie genau stellen Sie sich das vor?

Mehr Stipendien für internationale Studierende

Walther-Klaus: Wir denken schon daran, dass man mehr Stipendien für internationale Studierende einrichten sollte, und es gibt natürlich auch schon viele MINT-Stipendienprogramme, und die müssten natürlich auch bekannt gemacht werden.

Götzke: Wer soll die bezahlen? Also geht es darum, dass der Bund neue Stipendienprogramme einrichtet, die Wirtschaft?

Walther-Klaus: Das muss eine Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten sein – Bund, Arbeitgeber, auch die Stiftungen beispielsweise.

Götzke: Wirtschaft, Stiftung und der Bund sollten mehr Stipendien spenden für ausländische Studierende, sagt Ellen Walther-Klaus vom MINT-Forum. Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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