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StartseiteSport am WochenendeRussischer Doppelstandard15.07.2018

WM 2018 Russischer Doppelstandard

Während die Weltöffentlichkeit in Russland ein Fußballfest feiert, ringt der ukrainische Filmregisseur Oleg Sentsow um sein Leben. Seit 63 Tagen hungert er. Sein Ziel: Die Freilassung von über 70 ukrainischen politischen Gefangenen, die in Russland inhaftiert sind.

Von Olga Sviridenko

MOSCOW, RUSSIA. DECEMBER 26, 2014. Ukrainian film director Oleg Sentsov, detained in Crimea on charges of terrorism, seen in a cage during a hearing into the investigator's request to extend his arrest at Moscow's Lefortovo District Court. Mikhail Pochuyev/TASS (picture alliance / dpa / Mikhail Pochuyev/TASS)
Der inhaftierte ukrainische Film-Regisseur Oleg Sentsow (picture alliance / dpa / Mikhail Pochuyev/TASS)
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Fußball-WM Das Schicksal von Oleg Sentsow

Ein Boulevard in Moskau am vergangenen Freitag. Eine kleine Gruppe hat sich versammelt, um einen Geburtstag zu feiern. "Freiheit" so heißt der Refrain ihres Liedes. Es ist der Geburtstag von Oleg Sentsow, sein 42. Der Vierte den der ukrainische Filmregisseur in einem russischen Straflager am Polarkreis verbringt.

Dort sitzt er eine 20-jährige Haft ab. Der Grund: Terrorverdacht. Menschenrechtsorganisationen sprachen damals von einem Schauprozess, der an die Stalinzeit erinnere. In diesen Tagen, während die Weltöffentlichkeit ein Fussballfest feiert, ringt Sentsow um sein Leben. Seit 63 Tagen hungert er. Sein Ziel: Die Freilassung von über 70 ukrainischen politischen Gefangenen, die in Russland inhaftiert sind.

Versammlungsrechte massiv eingeschränkt

"Oleg hungert nicht nur für die politischen Gefangenen, sondern für uns alle und zeigt, was es heißt ein freier Mensch zu sein, was es heißt Ungerechtigkeit nicht einfach hinzunehmen und etwas dagegen zu tun - was es heißt keine Angst zu haben", erzählt Konstantin, einer, der mit zirka 15 anderen für Sentsow auf die Straße gegangen ist.

Sie riskieren viel. Putin hatte vor der WM die Versammlungsrechte massiv eingeschränkt. Unter der Woche wurde gar die Trägerin des alternativen Nobelpreises, Swetlana Gannuschkina, in Moskau verhaftet. Sie hatte auf das Schicksal von Ojub Titijew aufmerksam gemacht, Vorsitzender der Menschenrechtsorganisation Memorial in Tschetschenien. Seit Januar ist er in Haft wegen angeblichen Drogenbesitzes.

Von der FIFA kein kritisches Wort

Für Alexander Tscherkassow, einem Kollegen Titijews, ist der Prozess eine Farce. Er hatte vor der WM die FIFA aufgefordert, sich für Titijews Freilassung einzusetzen: "In Russland werden schon viele Jahre strafrechtliche Repressionen als ein Mittel im politischen Kampf benutzt. Und Tschetschenien, wo gerade Titijew in Haft sitzt, wurde auch zur Region der FIFA, weil dort die ägyptische Nationalmannschaft trainiert hatte. Wir hatten gehofft, dass die FIFA, die immer wieder betont, wie wichtig Menschenrechte für sie sind, etwas sagen würde. Gegen den offensichtlich politischen Prozess gegen Titijew."

Von der FIFA hörte man während der WM kein kritisches Wort. Politische Gefangene? Menschenrechte? Es gab nur Lob. "Ich habe schon jahrelang gesagt es wird die beste WM aller Zeiten und heute sage ich voller Überzeugung: Es war die beste WM aller Zeiten", so FIFA-Präsidenten Gianni Infantino. Zu ihm und seinem Weltverband hat Alexander Tscherkassow ein klare Meinung.

FIFA Präsident Gianni Infantino und der russische Präsident Wladimir Putin.  (imago sportfotodienst)FIFA Präsident Gianni Infantino und der russische Präsident Wladimir Putin. (imago sportfotodienst)

"So funktioniert der russische Doppelstandard wie ein hochprozentiges russisches Getränk. Er macht betrunken wie ein russischer Wodka und lässt nur das Schöne zum Vorschein. Das ist wunderbar, wenn wir etwas Schönes sehen, aber wenn wir dabei die andere Seite nicht sehen, wenn wir bewusst die Augen verschließen, provozieren wir, dass die groben Menschenrechtsverletzungen genauso weiterlaufen werden. Dabei sind Menschenrechte nicht nur Staatssache, sondern sie gehen uns alle etwas an."

Infantinos kritikloser Umgang mit Russland freute vor allem einen: Wladimir Putin. Er profitierte am meisten von der WM-Show, meint Kirill Martynow von der Zeitung Novaya Gazeta, einer der letzten unabhängigen Russlands. Das Bild vom offenen und freiheitlichen Russland? Ein kalkuliertes, so Martynow.

"Das alles ist natürlich sehr nützlich für die russische Regierung. Sie haben nun einen Ruf als freundlicher Gastgeber. Für Putin ist es auch innenpolitisch wichtig gewesen, dieses positive Bild hier in Russland zu spiegeln. Denn die Legitimierung von solchen zum Teil autoritären Regimen nährt sich auch daraus, was man im Ausland über sie sagt. Jeder erfolgreiche WM–Tag ist für die russische Regierung also ein politisches Alibi, dass im Land alles gut und normal ist und man nichts verändern muss."

Sentsows Zustand ist kritisch

Die Russen werde die Realität bald wieder einholen, das befürchten auch die Teilnehmer des Spaziergangs für den Filmregisseur Oleg Sentsow. Die Gruppe wird mittlerweile von der Polizei abgeschirmt. Alisa Ganijewa schneidet den Geburtstagskuchen und verteilt Stücke an Passanten. Die Partystimmung während der WM habe zwei Seiten, meint Alisa.

"Es wird gelächelt und es herrscht eine untypische Freiheitsstimmung auf den Straßen, aber es ist klar, dass alles vorbei sein wird. Es wird in einem starken Kater enden. In ein paar Tagen werden die Russen es merken. Und im Rausch der WM, während dieser Fußballanästhesie, hungert Sentsow weiter im Gefängnis."

Sentsows Zustand ist kritisch. Die Gefängnisärzte verabreichen ihm Injektionen, sein Leben hängt am seidenen Faden. Auch am Finaltag hat der organisierte Fußball auf sein Schicksal nicht aufmerksam gemacht.

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